Ein Zwischenstopp auf der schmalen Autobahn zwischen Kairo und Suez am Roten Meer offenbart die gewaltige Dimension eines der größten Bauprojekte der Menschheit. Hier, wo eine neue ägyptische Hauptstadt entstehen soll: nichts als Wüste.

Exakt 45 Kilometer entfernt von der letzten Trabantenstadt Kairos erstrecken sich Sand und Geröll bis zum Horizont. Keine Strommasten, keine Wasserquellen. Selbst das sonst ordentlich ausgebaute Handynetz existiert nicht. Alles, aber auch wirklich alles, müsste neu gebaut werden. Laut Zeitplan in nur sieben Jahren. Die ägyptischen Staatsmedien feiern das Hauptstadt-Projekt als "Aufbruch in ein Zeitalter, das locker mit den alten Ägyptern mithalten kann". Und tatsächlich: Schon Echnaton ließ sich im 14. Jahrhundert vor Christus im oberägyptischen Amarna eine neue, pompöse Hauptstadt bauen. Seine Untertanen fragte er damals nicht. Aber das waren andere Zeiten. Oder etwa nicht?

Die Pläne für den Umzug des Präsidenten und des Militärs, ihrer Regierung und Verwaltung sind Ausdruck der Haltung der Herrscher am Nil. Die neue Hauptstadt, auch wenn sie erst in Miniatur aus Plastik existiert, verkörpert die politischen Verhältnisse in Ägypten perfekt: Von oben wird über den Fortschritt entschieden – wer unten ist, bleibt zurück.

Ägypten - Mubarak-Nachfolger al-Sissi hat Ägypten nicht verbessert Nach Protesten tritt Mubarak im Februar 2011 ab. Die Menschen hoffen auf eine neue demokratische Ära. Doch Menschenrechtsaktivisten werfen dem heutigen Präsidenten Abdel Fattah al-Sissi vor, noch autokratischer zu regieren als seinerzeit Mubarak.

Präsident Abdel Fattah al-Sissi stellte seine Vision im März 2015 auf einer internationalen Wirtschaftskonferenz in Sharm al-Sheich vor. Die ägyptische Fahne wehte über dem Kongresszentrum, überall ertönte die Nationalhymne, die Ägypter beschworen medienwirksam den Patriotismus und sendeten eine Botschaft in die Welt: Ägypten ist das beste Land auf Erden, und es hat die beste Hauptstadt auf Erden verdient. Al-Sissi stand damals vor den Mini-Wolkenkratzern und "machte der Menschheit ein Geschenk", wie es im Staatsfernsehen hieß.

Mitten in der Wüste sollen bis zum Jahr 2022 nun bis zu sieben Millionen Politiker, Beamte, Diplomaten, Unternehmer und andere Leistungsträger im Komfort einer modernen, vollklimatisierten, grün bepflanzten Weltstadt leben. Laut den Plänen wird die fortschrittlichste Stadt der Welt jedes Jahr um zehntausende Bewohner wachsen.

Besser als San Francisco oder Seattle

Vorbild ist die typische US-amerikanische Großstadt – nur noch "besser" als Houston, San Francisco oder Seattle soll "Neu-Kairo" werden, so verspricht es die Propaganda. Ein offizieller Name für die neue ägyptische Hauptstadt steht bisher nicht fest. "Sisity" schlägt manch einer auf der Straße vor. Ein Witz, eine Wortkreation aus Sissi und City.

Ein riesiges Stadion, ein neuer internationaler Flughafen, Wolkenkratzer, gigantische Shoppingmalls und luxuriöse Wohnungen sollen entstehen. Auf dem dreidimensionalen Modell im Maßstab 1:250 dominiert ein amerikanisch inspirierter "Central Business District" samt Einkaufszentren, Regierungsgebäuden und Firmensitzen. Das Diplomatenviertel ist mit besonders viel Liebe nachgebaut, mit kleinen Lampen beleuchtet und mit viel Grün bedacht. Die ausländischen Vertreter sollen mit ihren Botschaften im Zentrum residieren. Drumherum sollen gut verdienende Beamte und Angestellte mit ihren Familien in mehr als eine Million Wohnungen ziehen.

Es gibt nicht viele Ägypter, die offen ihre Kritik am Regime und seinen Megaprojekten äußern. Der Historiker Khaled Fahmy ist einer von wenigen Intellektuellen, die sich nicht vom Geheimdienst und der Zensur einschüchtern lassen. Der Geschichtsprofessor an der American University in Kairo und an der Universität von Harvard trägt Glatze, eine schwarz umrundete Harry-Potter-Brille und einen Anzug, der zwei Nummern zu groß ist. So bibliothekarisch Fahmys Stil sein mag, so offen oppositionell ist seine historisch abgeleitete Analyse der Machtverhältnisse in seinem Land. Er ist unbeliebt im Regierungsviertel von Kairo. "Die Art und Weise", sagt Fahmy, "wie diese neue Hauptstadt präsentiert wurde, zementiert die absolute Macht des Militärs." Er hat nach der Wirtschaftskonferenz in der ägyptischen Zeitung "Shorouk" in einem Meinungsartikel einen Satz geschrieben, der es auf den Punkt bringt: "Niemand hat uns gefragt."

Westliche und arabische Investoren, Baufirmen und Dienstleister dankten dem Präsidenten dagegen in Scharm al-Scheich, vor allem bei der Vorstellung der Budget-Planung grinsten viele Stakeholder zufrieden. 45 Milliarden Dollar sollen für "Sisity" investiert werden. Die nötige Energieversorgung soll die Sonne spenden. Fast 100 Quadratkilometer Solaranlagen sind geplant. Ein Vergnügungspark für Groß und Klein wird für Unterhaltung und Touristen sorgen. Und mehr als 1000 neue Moscheen und Kirchen sollen die Bewohner und Besucher spirituell versorgen. Andere Hauptstädte aus der Retorte wie zum Beispiel Brasilia (mit knapp 20 Milliarden Dollar Baukosten für 2,5 Millionen Einwohner) will die ägyptische Regierung mit ihrer Megacity hinter sich lassen.