Es wird immer einfacher in den Körper einzudringen, um ihn zu reparieren. Zwickt es zum Beispiel an der Bandscheibe, zücken einige Ärzte schon jetzt nicht mehr das Skalpell. Sie stechen mit einer Nadel in den Rücken und verfolgen dann auf dem Monitor des Computers, wie sich ihr Mikroendoskop mit einem Durchmesser von nur 0,3 Millimetern dem kranken Bandscheibengewebe nähert. Mit der filigranen Sonde entfernen sie schließlich die Ursache für die quälenden Schmerzen. Der Patient benötigt nur eine lokale Betäubung, hat weniger Komplikationen und darf hinterher sogar gleich aufstehen. Von links nach rechts Achim Heintz, Dietrich Grönemeyer, Ingeborg Schwenger-Holst, Thomas Kerstan (Moderator), Tim Lüth, Nils Reiss. „Von den rund 60.000 Bandscheibenoperationen, die jährlich in Deutschland durchgeführt werden, könnte bestimmt die Hälfte durch eine solche mikrotherapeutische Technik erfolgen“, sagt Dietrich Grönemeyer, Lehrstuhlinhaber für Radiologie und Mikrotherapie an der Universität Witten/Herdecke. Er ist Pionier im Bereich der Eingriffe im Miniaturformat – vor allem rund um die Wirbelsäule. In seiner Abteilung werden Tumore über eine Sonde auf 43 bis 60 Grad aufgeheizt und dadurch zerstört, Chemotherapeutika mit Präzision gespritzt oder von Osteoporose zerfressene Wirbelkörper mit Spezialzement restauriert.Inspiriert durch ein Förder-Monster aus dem Braunkohlebergbau, das auch Kurven bearbeitet, entwickelte Grönemeyers Team einen Bohrer mit einem Durchmesser von unter einem Millimeter, der um die Ecke fräsen kann. So können auch Tumore in schwer erreichbarer Position bekämpft werden. Doch die Ärzte müssen den Bohrer stets auf dem Monitor verfolgen, denn sonst schadet er mehr als dass er hilft. „Die Bildgebung bleibt der zentrale Punkt für die Diagnostik und die Therapie“, doziert Grönemeyer.Von den neuen Methoden ist auch Ingeborg Schwenger-Holst überzeugt. Die Chirurgin leitet in Berlin die Klinik für Minimalinvasive Chirurgie, in der jährlich rund 3000 Patienten behandelt werden. Durchschnittliche Liegedauer: 1,7 Tage. „Wenn ein Chirurg anhand der traditionellen Technik bislang erfolgreich Gallenblasen entfernt hat, braucht er etwa 100 Eingriffe bis er mit der neuen Technik die gleiche Qualität erreicht hat“, sagt Schwenger-Holst. Falls Probleme mit der neuen Methode aufträten, dann liege das meist am Menschen. Wenn ein Lokomotivführer plötzlich einen Düsenjet fliegt und dabei abstürzt, sei ja auch nicht das Flugzeug daran schuld.Just an der Ausbildungsqualität zum Hightech-Arzt scheint es zu hapern. „Wenn Chirurgen beginnen, Gallenblasen mit dem Laparoskop zu entfernen, ist ihre Komplikationsrate etwa fünf mal höher im Vergleich zu Operationen mit herkömmlichem Bauchschnitt“, klagt Achim Heintz, Chefarzt der Chirurgie am St. Hildegardis Krankenhaus in Mainz. Viele Anfänger stochern mit den ungewohnten Instrumenten ungeschickt herum und durchtrennen dabei zum Beispiel den Gallengang. Um bei solchen schwerwiegenden Komplikationen eingreifen zu können, müssten die Mediziner auf jeden Fall sehr gut die traditionellen Techniken beherrschen, fordert der Chirurg. Momentan könne jeder Arzt, der es sich zutraut, mit dem Laparoskop im OP hantieren, ohne dass er seine Befähigung unter Beweis stellen muss. Doch selbst wenn die Greenhorns den Ruf der neuen Technik manchmal vermiesen, Achim Heintz ist sich sicher: „Das Gute setzt sich durch.“ Immerhin werden bereits nicht einmal zehn Jahre nach Einführung der Laparoskopie rund 70 Prozent der Gallenblasen durch das Stahlrohr entfernt.Trotzdem werden diese Techniken im Weiterbildungskatalog der Chirurgen noch nicht besonders ernst genommen. Es ist also Glücksache, ob die jungen Mediziner auf einen aufgeschlossenen oder ablehnenden Chef in der Klinik stoßen. Falls sie sich an der Klinik für Minimalinvasive Chirurgie in Berlin ausbilden lassen möchten, geht das erst nach der offiziellen Weiterbildung für Allgemeinchirurgie. Wer dann ausreichende Erfahrungen sammelt, erhält ein Zertifikat – noch ohne Anerkennung von der Bundesärztekammer. Die Computerprogramme, mit deren Hilfe das moderne Operieren erlernt werden soll, scheinen realitätsfern oder gar unbrauchbar zu sein. Als ein erfahrener Kollege von Ingeborg Schwenger-Holst seine täglich praktizierten Methoden auf dem Computerscreen nachspielte, brachte er acht von zehn der virtuellen Patienten dabei um.Dass durch die minimalinvasive Chirurgie die Narben kleiner werden, der Patient weniger Schmerzen hat und wieder schneller nach Hause darf, ist keine Frage. Doch ob es auch langfristige Vorteile gibt, ist längst nicht geklärt. „Für den Chirurgen ist es wesentlich komfortabler neue Gefäße an einem nicht schlagenden Herzen anzunähen“, sagt der Herzchirurg Nils Reiss von der Ruhr-Universität Bochum. Es gäbe jetzt erste wissenschaftliche Daten, dass die Langzeitergebnisse bei den minimalinvasiv operierten Herzkranken schlechter seien.Innovation ist populär und die Technikgläubigkeit der Menschen groß. „Manchmal sind die neuen Methoden das reinste Marketing-Instrument für eine Klinik“, warnt Tim Lüth von der Humboldtuniversität in Berlin, der einzige Ingenieur in Deutschland auf einem Medizin-Lehrstuhl. Lüth entwickelt Roboter und Navigationssysteme, doch trotzdem fordert er einen kritischen Umgang mit den vielversprechenden Geräten: „Oft sind die Erwartungen einfach zu groß und der Nutzen noch längst nicht bewiesen.“ Viele Firmen würden Produkte verkaufen, die nur viel kosten, aber dem Menschen wahrscheinlich überhaupt nicht helfen. Doch wer Nichts wagt, der Nichts gewinnt.