Vor einigen Jahren gab ich meiner Cousine einmal Nachhilfe in Mathe. Aber wir haben während der Treffen ziemlich oft über Philosophie gesprochen, die ich studiere und sie interessiert. Um ihren Wissensdurst zu stillen, gab ich ihr den Dialog Euthyphron von Platon zu lesen. Aber die Gedankengänge waren in dem alten Schleiermacher-Deutsch zu schwierig für eine Achtklässlerin. Sie gab mir das Buch zurück.

Beflügelt vom Ehrgeiz eines werdenden Lehrers schrieb ich den kompletten Text um. Jeden (Ab-)Satz habe ich in etwas moderneres Deutsch übersetzt, aber ich blieb sehr nah an Schleiermachers Übertragung. Das ist altphilologisch bestimmt eine Todsünde, aber der Erfolg gab mir Recht. Es war zwar immer noch nicht leicht, alle Gedanken nachzuvollziehen, aber immerhin legte meine Cousine den Text nicht aus Frust schon nach den ersten Seiten wieder weg, sondern las ihn zu Ende. Auch eine Seniorenstudentin las meine Überarbeitung und dankte mir dafür.

Der Euthyphron, bei dem sich Sokrates auf dem Weg zum Gericht befindet, steht in Zusammenhang mit drei weiteren Dialogen Platons. In der Apologie lesen wir Sokrates’ Verteidigungsrede, im Kriton sitzt er nach der Verurteilung im Gefängnis und im Phaidon erleben wir seine letzten Stunden, die er gemeinsam mit seinen Freunden im Gefängnis verbringt. Mir kam die Idee, diese drei Dialoge ebenfalls zugänglicher zu machen. Eine Bearbeitung der Apologie folgte bald darauf und wenig später auch der (schön kurze) Kriton. Aber wer den Phaidon kennt, der weiß, uff, das ist eine Menge Stoff, nicht nur inhaltlich sondern auch textlich. Ja, und genau an dem Punkt hänge ich seit etwa vier Jahren.

Mein Platon-Projekt ist fast vollkommen voraussetzungslos. Alles was ich brauche, ist Zeit und die Schleiermacher-Übersetzung. Die Übersetzung steht keine zwei Meter von meinem Schreibtisch entfernt, aber aus der Erfahrung mit den anderen drei Dialogen weiß ich, dass die Arbeit Kraft kostet und sehr viel Zeit frisst. Und je weiter ich im Studium fortschreite, desto weniger Kraft und Zeit habe ich übrig.

Silvester 2012 wählte ich die Bearbeitung des Phaidon zu meinem Vorsatz für 2013. Daraus ist nichts geworden. Und zur Zeit, kurz vor Ende meines Studiums, ist an dieses Projekt nicht zu denken. Ab und an schwirrt es mir trotzdem durch den Kopf und dann weiß ich, irgendwann mache ich das noch. Ob das stimmt? Keine Ahnung. Ich wünsche es mir. Dann bringe ich den kompletten Text in ein schönes Layout, lasse alles drucken und binden und schenke es meiner Cousine. Vielleicht zum Abitur, vielleicht erst zum Studienabschluss, vielleicht zur Hochzeit. Vielleicht werde ich ihr bald jedes Jahr zum Geburtstag ankündigen, im nächsten Jahr hätte ich eine ganz tolle Überraschung für sie.

Beim Schreiben habe ich zumindest mal wieder intensiv über mein Projekt nachgedacht. Mal sehen, was es noch so alles mit mir macht.

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