Die sprachkritische Aktion "Unwort des Jahres" wählte den Begriff "Gutmensch" 2011 auf den zweiten Platz. Insbesondere in Internetforen würde der Begriff "das ethische Ideal des 'guten Menschen' in hämischer Weise" aufgreifen, "um Andersdenkende pauschal und ohne Ansehung ihrer Argumente zu diffamieren und als naiv abzuqualifizieren."  

Eine Rolle spielt der Begriff aber nicht nur in Internetforen. Eine Untersuchung, die der Deutsche Journalistenverband DJV gemeinsam mit dem Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung 2006 veröffentlichte, macht den Gutmenschen sogar zu einem Wort der Nazi-Zeit (eine These, die auch unsere Leser kennen). Die Gesellschaft für deutsche Sprache widerspricht allerdings: Ihr zufolge datiert der erste Nachweis für den Gebrauch des Wortes auf eine Ausgabe der US-Zeitschrift Forbes aus dem Jahr 1985.  

Ganz anders, nämlich sogar positiv belegt Klaus Bittermann den Begriff in seinem 1994 erschienenen Wörterbuch des Gutmenschen: Der Gutmensch gleiche demnach einem Besorgten. "Die Besorgten [sehen sich] als geduldige, aber empfindsame Menschen. Sie verspüren innerlich intensiv, was von außen her auf sie einwirkt. Aber zugleich kümmern sie sich aktiv um das Leben außerhalb. Häufiger als der Durchschnitt machen sie sich Sorgen um andere Menschen."

Guter Mensch oder Nervensäge?

Dass im gegenwärtigen Verständnis die negative Bedeutung dominiert, dürfte immerhin unstrittig sein. Wer andere Gutmenschen nennt, meint dies in aller Regel despektierlich. Trotzdem diskutieren unsere Leser in den Kommentaren regelmäßig die Bedeutung des Begriffs – genauso regelmäßig, wie sie sich ihn gegenseitig an den Kopf werfen.

Hier zum Beispiel unterscheidet ein Leser klar zwischen dem "guten Menschen" und "Gutmenschen": "Der gute Mensch hilft, wo er kann, ist allen wohlgesonnen und macht nicht viel Aufhebens drum. Der Gutmensch will 'ein Zeichen setzen' und tut Gutes nur demonstrativ vor Publikum und lässt sich dafür applaudieren." Leser AllyRose definiert: "Gutmenschen (im negativen Sinne) gehen grundsätzlich vom Guten im Menschen aus, vergessen aber oder wollen nicht sehen, dass es Menschen gibt, die NICHT GUT sind."

Veganer sind Nicht-Veganern zufolge eigentlich grundsätzlich Gutmenschen, und wer an die Demokratie glaubt, liefert Zynikern eine schöne Vorlage für den Vorwurf, Gutmensch zu sein. Leser regilot zufolge wurde sogar das Grundgesetz von Gutmenschen verfasst. Auch unsere Autoren sind übrigens nicht frei von der Verwendung des Begriffs und beziehen dafür harsche Kritik aus der Leserschaft.    

So viel Gutmenschentum im Kommentarbereich kann verunsichern. Verständlich deshalb, wenn Leser amandaR fragt: "Was genau verstehen Sie unter 'Gutmenschentum' sowie unter 'bedingungslosem Streben nach Political Correctness'? Ich meine das wirklich ernst, weil es Schlagworte sind, die oft verwendet werden, ohne dass mal einer sagt, a) was er darunter versteht, b) weshalb es so schlimm ist und c) wie es seiner Ansicht nach besser/richtiger sein sollte."

Diese Fragen möchten wir an Sie weitergeben: Gebrauchen Sie selbst den Begriff – oder meiden Sie ihn bewusst? Woher nimmt er die Kraft, in jeder Debatte für Ärger zu sorgen? Und wenn wir alle ein Problem mit diesem Begriff haben, wollen wir uns dann nicht einfach darauf einigen, ihn ab heute aus unserem Wortschatz zu tilgen?