Geht es im Leben darum, wie viele Arme man hat? © Carlo Allegri/Getty Images

Vermutlich war es ganz gut, dass ich mit vier Jahren noch nicht wusste, was eine Missgeburt ist. Und Paul wusste es höchstwahrscheinlich auch nicht, als er mir im Kindergarten den Begriff an den Kopf warf. Ich habe nur einen Arm, seit meiner Geburt, deshalb. Ob der liebe Gott mit dem Wort "Missgeburt" etwas anfangen kann? Mein abendliches Bitten, mich mit zwei Armen aufwachen zu lassen, blieb jedenfalls unerfüllt.

Ich begann, die Menschen um mich herum zu beneiden. Darum, dass sie klatschen konnten. Dass sie mit der linken Hand mehr als nur eine Klaviertaste betätigen konnten. Die anderen Mädchen, dass sie sich ihre Haare auf beiden Seiten gleichzeitig hinter die Ohren streichen konnten.

Dann war ich in der Schule und wir bekamen Schwimmunterricht. Ich liebte schwimmen und ich liebte das Wasser. Doch die neugierigen Blicke der anderen irritierten mich, sodass ich stets meinen Bademantel trug. War er nicht in Reichweite, dann stand ich in schützender Haltung am Beckenrand. Niemand sollte sehen, dass ich anders war, dass mein Körper sich von den anderen unterschied.

Die Zeit der Spaghetti-Träger-Shirts ging zügig an mir vorbei. Ein kurzer Abstecher in einem solchen Oberteil in die Öffentlichkeit endete im verzweifelten Versuch, versteckt im Schatten und nahe bei den Büschen zu laufen, um den Blicken und dem Getuschel auszuweichen.

Ich begann, ausschließlich langärmlige Oberteile zu tragen. Mit meiner Prothese baute ich eine Art Mauer um mich herum auf. "Mensch, das sieht ja aus wie ein richtiger Arm! Da ist ja gar kein Unterschied zu erkennen!" Sätze wie diese waren die größten Komplimente für mich.

Welcher Junge würde mich je ansehen wollen?

Bekanntlich wird das Leben in der Pubertät nicht einfacher, und mit 14, wenn so ziemlich jedes Mädchen seinen Körper verabscheut, fand ich allein den Gedanken, ohne meine Armprothese aus dem Haus zu gehen, so absurd, dass ich sie zeitweise sogar nachts im Bett trug. Welcher Junge würde mich je ansehen wollen?

Ich war kein trauriger Teenager, ich saß auch nie einsam in meinem Zimmer und habe mich deprimiert im Spiegel betrachtet. Aber die Tatsache, dass ich anders aussah als die anderen, war fest in meinem Bewusstsein verankert. Ich nahm meinen Körper nicht an. Ich tolerierte seine Anwesenheit, aber ich hieß ihn nicht gut. Die Frage, was Schönheit ist, kreiste in meinem Kopf herum. In einer Sache war ich mir sicher: Mein Körper war nicht schön.

Mit der Zeit wurde ich allerdings entspannter. So wie andere sich ihrer Jeans entledigen, sobald sie nach Hause kommen, begann ich Anfang der Oberstufe, daheim meine Prothese abzulegen und den Rest des Tages ohne rumzulaufen. Gleichzeitig wurde meine Körperhaltung gestreckter und aufrechter. Eine innere Stimme wurde laut, auch in der Öffentlichkeit auf Thees, wie ich meine Prothese liebevoll getauft hatte, zu verzichten.

So wagte ich mich eines Tages ohne den klotzigen Arm in die Schule, und: Es interessierte niemanden. Und wenn doch, dann trotzte ich den Blicken und dem leisen Getuschel mit neu gewonnenem Selbstbewusstsein.

Mein fehlender Arm gehört zu mir. So bin ich eben. Schönheit definiert sich nicht über Arme. Denn würde es im Leben um die Anzahl der Arme gehen, hätten Oktopusse einen viel höheren Stand in unserer Gesellschaft.

Seit ich das für mich erkannt habe, schlummert Thees friedlich in meinem Kleiderschrank. Ich gehe gerne ins Schwimmbad und in die Sauna. Ich mache Witze über Secondhand-Läden und treffe mich mit Jungs.

Mein Abiball steht vor der Tür, und eines ist sicher: Mein Kleid wird ärmellos sein. Und ich werde schön aussehen.

Dieser Beitrag ist der Auftakt zu unserer Serie "Körperbilder". Wir freuen uns weiterhin auf Ihre Einsendungen - bitte per Email an leseraufruf@zeit.de, Betreff "Körperbilder".