Endlich rollt der Ball wieder, die heißersehnte Fußball-WM in Brasilien ist angepfiffen. Aber rollt der Ball wirklich? Naja. Nach einer Statistik der FIFA nur rund 53 Minuten pro Spiel. Der Rest ist Warten: Einwechslungen, Verletzungen, Reklamationen, Rudelbildung.

Parallel zur Fußball-WM findet in Den Haag noch bis zum 15. Juni die Hockey-WM statt. Bei mir steckt die Faszination für diesen Sport wohl schon in den Genen: Meine Eltern lernten sich einst in einem Kölner Traditions-Hockey-Verein kennen. Mit 16 habe ich die Gründung der Hockey-Abteilung in einem der größten Sportvereine Nordrhein-Westfalens, dem Pulheimer SC, mitinitiiert.

Hockey, das ich heute nur noch aus dem Sessel verfolge, hat sich in den vergangenen Jahren einer Verjüngungskur unterzogen und seine Regeln deutlich modernisiert. Von diesen Änderungen könnte der Fußball manches lernen.

Abseits

Schon 1996 wurde im Hockey die Abseitsregel abgeschafft. Trotzdem lungert deshalb niemand vor dem gegnerischen Tor herum. Das ist in modernen Mannschaftssportarten schon deshalb unmöglich, weil alle Spieler in die Verteidigung eingebunden sind. Die Vorteile eines Spiels ohne Abseits: Keine zweifelhaften Entscheidungen, weniger Unterbrechungen, keine Probleme mit aktivem oder passivem Abseits.

Fliegender Wechsel und Zeitnahme

Die Einzelauswechslung im Fußball ist ein Relikt, das nur wenige andere Sportarten noch kennen. Der fliegende Wechsel hat dagegen einige Vorteile: Taktische Verzögerungen sind unmöglich und kurze Erholungspausen erhöhen die Leistungsfähigkeit der Spieler. Außerdem gibt es weniger teaminterne Querelen, da die ganze Bank Spielzeit bekommt. Führt man noch die genaue Zeitnahme ein, entfällt auch das Trara mit der Nachspielzeit.

Selfpass

Beim Hockey darf nach der Ausführung eines Freistoßes der ausführende Spieler den Ball sofort weiterspielen. Oft ist kaum noch zu erkennen, dass das Spiel überhaupt unterbrochen wurde. Das führt zu einer extrem hohen Spieldynamik und zur Ausnutzung lokaler Überzahlsituationen.

Zeitstrafen und Disziplin

Eine der übelsten Erscheinungen im Fußball ist das Mitnehmen oder Wegschlagen des Balles vor gegnerischen Freistößen. Wer im Hockey die Kugel nach einem Pfiff für den Gegner noch berührt, sitzt mindestens zwei Minuten auf der Bank. Dadurch gibt es weniger Verzögerungen. Zeitstrafen ermöglichen den Schiris zudem flexiblere Strafen.

Videobeweis

Im Hockey hat jede Mannschaft das Recht, pro Match ein "Referral" zu verlangen. Der Video-Schiri erhält dazu einen konkreten "Suchauftrag" und scannt die Fernsehbilder. Folgt er dem Einspruch, bleibt das Anrecht auf einen Videobeweis erhalten, ansonsten verfällt es. So sind weder eine separate Torlinientechnik noch ein Torlinien-Schiri nötig. Reklamationen werden konstruktiv minimiert. Da die Schiri-Mikros außerdem offen sind und der Video-Schiri im TV-Bild erscheint, ist man als Zuschauer während der Beweisführung mittendrin.

Fußball verhält sich zum modernen Hockey wie ein Bummelzug zu einem ICE. Und ist für mich ein Spiel mit Regeln von gestern. Auch Bernhard Peters, früher Hockey-Bundestrainer und seit 2006 Sportdirektor beim Fußball-Bundesligisten TSG 1899 Hoffenheim, meint, dass der deutsche Lieblingssport von solchen Regeländerungen profitieren könnte. Dass wir diese Änderung aber noch erleben werden, glaubt er nicht.

Wer möchte, kann den direkten Vergleich ziehen: Die Endspiele der Hockey-WM laufen am 14. und 15. Juni auf Sport1.