Im Klassenzimmer angekommen sehe ich den umherschwirrenden Studentinnen und Studenten dabei zu, wie sie ihre Malutensilien bereitstellen. Sie schieben Stühle umher, spitzen Bleistifte, holen Farben. Ich gehe in ein kleines Nebenzimmer und ziehe mich aus.

Mit einem Badetuch bedeckt trete ich zurück ins Klassenzimmer. Ich habe keine Ahnung, wie mein Körper auf die Blöße reagieren wird. Die Dozentin ist eine Freundin von mir, sie gibt den Studenten die letzten Anweisungen. Dann ruft sie mich in die Mitte. Mein Kopf schaltet ab und ich gehe die letzten Schritte umhüllt, bevor ich das Badetuch ablege. Jetzt bin ich nackt.

Mir kommt es so vor, als stünde mir die Unsicherheit ins Gesicht geschrieben. Ich halte mich am einzigen fest, was mir übriggeblieben ist: an meinen Hüften. Meine linke Hand stemme ich in die Seite, verschiebe mein Gewicht aufs rechte Bein. Ein kleines Namensschild an der Wand wird mein Fixpunkt. In dieser Position verharre ich. Die vielen Augenpaare, deren Blicke zwischen Papier und meinem Körper hin- und herwechseln, amüsieren mich. Ich denke an die Performances von Marina Abramović und sage mir: "Lidija, das hier ist nichts dagegen."

Mein Atem wird langsamer und ich beruhige mich. Gerne würde ich an mir runterschauen, um meinen Busen zu sehen. Wie der jetzt wohl aussieht? Im Moment schauen 30 Studentinnen und Studenten ihn an – am Ende wird jeder eine eigene Version meiner Brust malen. Das Ganze ist wirklich seltsam.

Meine Gedanken kreisen um die Kommentare der Dozentin. Wie sieht die geometrische Form meiner Schultern aus? Welchen Umriss hinterlasse ich im Raum? Ein Scheinwerfer wird eingeschaltet, mein Körper zur Spielfläche von Licht und Schatten.

Die 90 Minuten vergehen wie im Flug. Schon löse ich meine letzte Position auf. Während die Studenten ihre Zeichnungen einsammeln, sitze ich noch da und kann nicht aufstehen. Mein Bein ist eingeschlafen. Ich rede mit meinen Zehen wie Uma Thurmann in Kill Bill. Langsam kommt wieder Leben in mein Bein, ich strecke mich, wickle das Badetuch um meinen Körper und verschwinde wieder ins Nebenzimmer. Alles vorbei. Ich höre Stimmen vor der Tür: "Das war ein tolles Modell, weich zum Zeichnen!" Ich muss lachen. Das mache ich wieder.