Stefan Greiner mit einer LED an seinem magnetischen Finger © Stefan Greiner

Außer einer geringen Kurzsichtigkeit habe ich wohl das, was man einen normalen Körper nennen kann. Doch an was orientiert sich diese Normalität des Körpers? Ersten Anstoß zu der Frage bekam ich bereits im Jugendalter von der Optikerin, die mir sagte, dass ich mit der Brille eine Sehleistung von 120% erreichen würde. Ich dachte, wie kann das denn sein, sind 100% nicht absolut?

Aufgewachsen bin ich im schönen Allgäuer Voralpenland. Meine Kindheit und Jugend habe ich praktisch in den Bergen, in der Natur verbracht. Dadurch habe ich eine tiefe Faszination für das entwickelt, was "da draußen" ist. Außerdem habe ich erste Erfahrungen in der Welt der Technik gemacht und verschiedenste technische Sensoren kennen gelernt. Sehr bald hatte ich den Wunsch, sie nicht nur in Geräte einzubauen. Vielmehr wollte ich sie in Einklang mit meinen biologischen Rezeptoren und meinem Körper bringen, um so einen erweiterten Zugang zu meiner Umwelt bzw. zur Natur zu bekommen.

An der Universität habe ich die Interaktion von Mensch und Maschine studiert und dazu geforscht. Meinen Körper begreife sich seitdem vor allem aus einer Schnittstellen-Perspektive heraus. Ich meine damit, dass nicht nur die biologischen Schnittstellen meines Körpers mein Körperbild bestimmen, sondern auch alle technologischen Schnittstellen, die mit den biologischen interagieren, in welcher Art und Weise auch immer.

Neben sichtbaren, externen Schnittstellen wie Bildschirmen, Touchscreens, Mikrofonen, Lautsprechern etc. nutze ich auch ein Magnetimplantat im Finger, das mir eine Wahrnehmung von elektromagnetischen Wellen erlaubt. Ich kann damit unter anderem Kabel in Wänden oder auch die Diebstahlsicherungen in Bibliotheken durch ein Vibrieren spüren. Neben dem sensorischen Aspekt nutze ich das Implantat auch zur Kommunikation. Zurzeit programmiere ich mein Smartphone so, dass ich es magnetisch steuern kann. Über eine induktive Audioübertragung auf den implantierten Magneten ist es mir darüber hinaus möglich, Musik bzw. Sprache aus meinem Finger zu hören.

Ein weiteres Implantat, ein passiver RFID-Chip am rechten Daumen, ermöglicht es mir, auf einer Frequenz von 13,56 MHz mit weiteren technischen Geräten zu kommunizieren. Die Körpergrenzen werden durch die Implantate fließend, überschneiden sich teilweise mit anderen Körpern und entmaterialisieren sich, indem sie immer mehr virtuelle Teile bekommen.

Ich sehe meinen Körper als eine Symbiose aus Biologie und Technologie, als Techno-Körper, Cyborg – wie auch immer man es nennen mag. Mein Körper konstituiert sich sowohl aus physischen, materiellen als auch aus virtuellen, immateriellen Teilen. Er erstreckt sich durch Technologien, die ich benutze, weit in die Welt hinein und lässt sich als dynamisch und nicht abgeschlossen beschreiben. Dies steht im Gegensatz zu einer Auffassung des Körpers als autonom und begrenzt.

Ich vertrete also ein Körperbild, das den gesellschaftlich normierten Standardmenschen in Frage stellt. Wenn man den Menschen als Erfindung des Menschen sieht, wäre es meiner Meinung nach ziemlich unkreativ, den biologischen Körper als fest und absolut zu sehen. Im Moment arbeite ich auch an einem Buch zu dem Thema, das bis Ende des Jahres erscheinen wird.

Dieser Beitrag ist Teil unserer Serie Körperbilder. Wir freuen uns weiterhin auf Ihre Einsendungen – bitte per E-Mail an leseraufruf@zeit.de, Betreff Körperbilder.