An die Zeit, in der mein Bruder krank war, kann ich mich kaum erinnern. Und wenn doch, dann nur an positive Momente. Wie er auf der Quarantäne-Station lag und sein flehender Blick mich bat, die Klinik-Clowns aus dem Zimmer zu werfen. Oder wie er unter Morphium stand und seine Denkaussetzer für Scherze mit den hübschen Krankenschwestern benutzte.

Wenn ein Mitglied krank wird, ist das eine unglaubliche Belastung für die Familie. So war es auch bei uns. Mein Vater flüchtete sich in den Job und reiste viel, um Geschäfte abzuschließen. Er war monatelang unterwegs, um die finanzielle Grundlage für die Behandlung zu schaffen. Meine Mutter war täglich im Krankenhaus, oft schlief sie dort auch. Weil sie kaum noch Zeit für mich hatte, überhäufte sie mich mit teuren Geschenken, die durch den beruflichen Erfolg meines Vaters möglich waren. Mein Zimmer war bald voll mit Gegenständen, die mich ablenken sollten.

Mein Bruder war an der akutesten Form von Leukämie erkrankt und ich hatte große Angst um ihn. Gleichzeitig wollte ich meinen Eltern nicht zur Last fallen. Ich lernte, meine Bedürfnisse zurückzustellen, sie taten es schließlich genauso. Ich war mitten in der Pubertät und spürte, dass meine Probleme nicht ganz so wichtig waren. Wir alle konzentrierten uns auf die Heilung meines Bruders.

Der Tag, an dem wir die Nachricht erhielten, dass ich meinem Bruder Knochenmark spenden konnte, weil unsere Gewebemerkmale zu 100% identisch waren, war einer der schönsten in meinem Leben. Ein paar Wochen später wurde mir unter Vollnarkose Knochenmark entnommen. Nur wenige Minuten später hing der Transfusionsbeutel neben seinem Bett. Die Behandlung gelang und mein Bruder wurde wieder gesund.

Die Zeit nach der Transplantation war allerdings nicht leicht. Es war schwierig, emotional zu meinem Bruder durchzudringen. Die liebevolle Beziehung, die ich mir wünschte, hatten wir erst viele Jahre später. Er musste sich nun auf sein Leben konzentrieren und seine Jugend nachholen. Ich übte mich in Verständnis. Als er zur Reha fuhr und zum ersten Mal seit Ausbruch der Krankheit für mehrere Wochen weg war, brach ich in Tränen aus.

Im Rückblick denke ich, dass unsere Familie durch die Krankheit meines Bruders eng zusammengerückt ist. Wir halten täglich Kontakt. Man könnte vermuten, die Situation nach der Transplantation habe Kratzer an meinem Selbstwert hinterlassen. Doch dem ist nicht so. Ich habe akzeptiert, dass mein Bruder im Bewusstsein meiner Familie immer krank sein wird. Für mich ist er einer der stärksten Menschen, die ich kenne. Trotz dieser bedrohlichen Krankheit hat er nie den Lebensmut verloren. Ich habe ihn nie als Opfer gesehen. Meine Eltern haben mir gezeigt, dass man selbst in den schwersten Lebenslagen glücklich sein darf. Und dass ich an der Rettung meines Bruders beteiligt war, erfüllt mich mit Stolz.

Die Autorin schreibt unter Pseudonym. Ihr richtiger Name ist der Redaktion bekannt.