Die meiste Zeit meines mittlerweile schon langen Lebens gehörte ich zu den Menschen, die ein gütiger Geist als schüchtern und menschenscheu bezeichnen würde, ein weniger freundlicher Geist hingegen als verschlossen und verbohrt, oder gar als ätzend überheblich und arrogant. Ich gehörte also zu jenen Sonderlingen, die in geselliger Runde lange Zeit kein einziges Wort von sich geben, es dann aber plötzlich doch tun, woraufhin so mancher über die Klarheit und Präzision des Geäußerten staunt. Ich im Übrigen nicht weniger. Aber ich staunte nicht über meine vermeintliche Brillanz, ich staunte über das Staunen der anderen.

Selten fühlte ich mich zugehörig, dafür oft ausgeschlossen oder nur geduldet, immer misstrauisch beäugt, von nur wenigen gemocht. Und irgendwann in schon frühen Jahren sah ich ein: Ja, sie haben recht. Das ist richtig so. Das stimmt. Denn in einer Disziplin war ich ein wahrer Meister: Im Verbarrikadieren. Als Schutz vor anderen, aber vor allem als Schutz vor mir selbst.

Heute, viele Jahre nach einem fast zufälligen, kaum fühlbaren Anstoß, doch alles einmal von einer anderen Seite zu sehen, kann ich auf manches mit einem Lächeln zurückblicken, auf vieles mit Trauer, auf den anstrengenden, wenn auch kurzen Kampf in der Kindheit nur mit Schmerz. Ich gab mich früh geschlagen.

So seltsam es klingen mag, das Erstaunlichste, für mich fast Unglaubliche war, zu erfahren, dass es tatsächlich noch andere Menschen auf dieser weiten Welt gibt, denen es nicht nur ähnlich, sondern ganz genauso geht wie mir. Menschen, die den größten Teil ihres Lebens felsenfest davon überzeugt sind, wenn auch keine Psychopathen, so doch psychisch schwer gestört zu sein.

Ich mag den Sommer, aber ich liebe den Herbst, der Ruhe und Melancholie wegen. Ich bin nicht chronisch traurig, auch nicht chronisch depressiv. Ich liebe Einsamkeit und Leere, weil meine Sinne dann nicht abgelenkt werden, sei es durch tatsächlichen Lärm oder einfach nur durch leise Gespräche im Nebenraum.

Ich erinnere mich sehr gut daran, wie ich das erste Mal in meinem Leben in der Namib, der großen namibischen Wüste war. Am Anfang waren es die unglaublichen Farben, die mich beeindruckten. Farben, die ein Foto niemals vermitteln kann. Dann aber war es die unbeschreibliche Leere und Stille. Nie wieder habe ich mich so unbelastet gefühlt wie dort, in dem Bewusstsein, dass der nächste fremde Mensch mindestens hundert Kilometer weit entfernt ist. Ich will das nicht immer haben, aber von Zeit zu Zeit schon. Die Stille in der Nacht, so still, dass man schon beim leisesten Knistern eines Astes erschrickt. Die Totenstille im Winter bei dichtem Nebel.