Autor Janis McDavid vor einem Porträt des Motivationsredners Nick Vujicic © Janis McDavid

Ob es eine gute Idee ist, als Mann ohne Arme und Beine zur Erholung nach Vietnam zu fahren? Haben sie dort genügend Erfahrung mit Menschen, die körperlich anders sind, oder werden sie nur bemitleidet? Ich wollte es ausprobieren, ich wollte dieses Land kennenlernen und erforschen, wie die Menschen dort auf mich reagieren.

Am ersten Tag im Supermarkt. Ich brauche dringend Wasser, die Hitze draußen hat mich schon beinahe ausgetrocknet. Die Auswahl an Wassersorten ist riesig. Aus dem Augenwinkel sehe ich zwei junge Frauen, die sich wohl mehr für mich als für das Wasser interessieren. Machen sie sich etwa darüber lustig, dass ich so lange für den Kauf benötige? Oder wollen sie mit mir reden? Hoffentlich nicht. Ich bin nicht in Stimmung, ich will jetzt nur etwas zu trinken kaufen und keine Gespräche führen. 

"Hey, wie geht's?", höre ich kurz darauf eine Frauenstimme neben mir. "Könnten Sie uns bitte etwas Inspirierendes mit auf den Weg geben?" Etwas Inspirierendes? Okay, ich bin mittlerweile daran gewöhnt, für Nick Vujicic gehalten zu werden, der durch die ganze Welt reist und Motivationsreden vor Millionenpublikum hält. Er hat immerhin die gleiche Anzahl an Armen und Beinen wie ich, was uns offensichtlich sehr ähnlich aussehen lässt, auch wenn ich keinen Bart trage und jünger bin. "Bitte", wiederholt die junge Frau.  

"Tut mit leid, das kann ich nicht. Ich bin nicht Nick, ich will nur Wasser kaufen", antworte ich und bereue es im selben Augenblick. Einen so enttäuschten, beleidigten Blick habe ich vorher selten gesehen. Ob ich ihr nicht doch einfach etwas Nettes hätte sagen sollen? Zum Beispiel, dass sie sich im Leben immer auf das Positive konzentrieren soll? Aber es ist zu spät, sie ist schon schnellen Schrittes weitergegangen zum Obstregal. Beim nächsten Mal bin ich besser vorbereitet, nehme ich mir vor, und konzentriere mich wieder auf die Auswahl an Wasserflaschen. Ich entscheide mich für eine 1,5-Liter-Flasche für 12.000 Dong, ein echtes Schnäppchen. Endlich können wir den Supermarkt wieder verlassen.

Nick Vujicic bin ich allerdings nicht entflohen, denn kurz darauf entdecke ich ein großes Porträt von ihm, das auf eine Hauswand gemalt ist. "Hope – Never give up!" steht daneben. Ich lasse mich von meinem Reisebegleiter vor dem Gemälde fotografieren. Hinter der nächsten Kurve begegnet mir eine Frau, deren Augen man fast von der Straße aufsammeln muss, als sie mich sieht. Im Vorbeifahren gibt sie mir einen Luftballon als Geschenk und flüstert mir zu, ich würde sie sehr inspirieren.

Gegen Abend schaufeln mein Reisebegleiter und ich schnell Reis mit Soße in uns rein, denn wir wollen noch zum Strand, bevor die Sonne untergeht. Der öffentliche Strandabschnitt ist bereits recht leer. Die Wellen sind auch gar nicht sehr hoch, ich kann alleine durch den feinen weißen Sand gehen, sehr schön. Die Gewöhnung an die Temperatur des Wassers ist so einfacher und ich bin Herr meiner Geschwindigkeit. Schnell werfe ich noch einen Blick zurück zum Rollstuhl.

Huch, was ist denn jetzt los? So voll war der Strand vor drei Minuten noch nicht. Aber eigentlich finde ich es ganz nett, dass noch andere Menschen um die Uhrzeit zum Baden kommen. Ich gehe weiter. Das Gefälle hier ist seicht und es gibt nur wenige Wasserpflanzen – alles genau nach meinem Geschmack.

Ich drehe mich noch einmal zum Strand um. Die vielen Menschen dort haben einen Halbkreis gebildet. Sie wollen nicht baden, sie wollen mich aus der Nähe sehen. Ein Star kann sich eben nicht ohne Fangemeinde irgendwohin bewegen. Ich lächle ihnen zu, meine Fans winken zurück, und langsam gehe ich dem Sonnenuntergang entgegen.