Unvorstellbar, dass die Vogelkinder später ihre Eltern füttern werden. © Parivartan Sharma/Reuters

Mein Vater erlitt vor ein paar Jahren eine Gehirnblutung. Nun ist er schwerstbehindert, dauerhaft an den Rollstuhl gefesselt und kann sich nicht mehr selbst versorgen. Vor seiner Gehirnblutung war er selbstständig und seine finanzielle Vorsorge war nur lückenhaft. Im Januar musste er deshalb Sozialhilfe beantragen. Wie erwartet forderte das Sozialamt Selbstauskünfte zu meiner finanziellen Situation. Voraussichtlich werde ich meinen Vater demnächst unterstützen müssen. Mein Vater ist 49 Jahre alt. Geht man von der derzeitigen durchschnittlichen Lebenserwartung aus, kann es sein, dass ich über 30 Jahre lang für ihn bezahlen muss.

Ich bin gerade mal 27 Jahre alt und werde nach einem langen, steinigen Weg ein Studium beginnen. Während meiner ersten Ausbildung musste ich meinen Lebensunterhalt selbst verdienen. Mein Vater ist seiner Fürsorgepflicht mir gegenüber nicht nachgekommen. Diesen Umstand ließ das Sozialamt aber nicht als Argument gelten. Ich hätte die mir zustehende finanzielle Unterstützung einklagen sollen.

Ich möchte studieren, um mir einen angenehmen Lebensstil zu ermöglichen. Aufgrund der Tatsache, dass mein Vater mich im ersten Anlauf vom Studium abgebracht hat, sehe ich nicht ein, auch nur einen Heller aus dieser harten, selbst erarbeiteten beruflichen Zukunft an eben jenen Menschen zu zahlen.

Nach den geltenden Regelungen werde ich demnächst keinen Kredit mehr aufnehmen können, weil er mir nicht auf meine Freigrenze angerechnet würde. Heiraten? Nein, denn aufgrund der Schwiegerkind-Haftung wäre auch mein Ehepartner in der Verantwortung für meinen Vater. Das kann ich von niemandem verlangen. Egal welche Entscheidungen ich in Zukunft treffe, stets werden die Unterhaltsforderungen massiven Einfluss nehmen.

Und dann der unübersehbar lange Zeitraum. Die Medizin entwickelt sich stetig weiter, was, wenn mein Vater 100 wird? Eine zeitliche Begrenzung beim Elternunterhalt gibt es nicht und das macht ihn völlig unverhältnismäßig und ungerecht. Die Urteile der letzten Jahre und Aussagen verschiedener Anwälte zeigen: Es gibt keine Chance, aus der Verpflichtung rauszukommen. Ich bin völlig hilflos, ratlos und wütend, fühle mich um meine Zukunft betrogen, in meiner Freiheit beschnitten.

All jenen, die mich verachten und als schlechten Menschen sehen, kann ich nur sagen: Ich konnte mir meine Eltern nicht aussuchen. Ich konnte nicht entscheiden, wie sie mich aufziehen, behandeln und wie sie ihre eigene wirtschaftliche Vorsorge gestalten. Wir leben nicht mehr in Zeiten totaler familiärer Abhängigkeit. Blut ist nicht mehr dicker als Wasser. Auch familiäre Solidarität sollte Grenzen haben.

Wie gehen Sie in Ihrer Familie mit Solidarität und gegenseitiger Verpflichtung um? Ist es bei Ihnen zu einem ähnlich schweren Konflikt gekommen wie in diesem Text geschildert? Haben Sie Angst davor, eines Tages für ein Familienmitglied verantwortlich zu sein, zu dem Sie ein schwieriges Verhältnis haben? Schreiben Sie uns an leseraufruf@zeit.de, Betreff "Fürsorgepflicht".

Die Autorin schreibt unter Pseudonym. Ihr richtiger Name ist der Redaktion bekannt.