Medien und ihre Leser müssen sich ja nicht gleich lieben. Aber etwas mehr Wertschätzung wäre schön. © Kathleen Finlay/Image Source/dpa

Einen Vorwurf räumt man nicht aus dem Weg, indem man ihn fortwährend wiederholt. Im Gegenteil, dadurch macht man ihn erst unausräumbar. Wenn sich also am Verhältnis zwischen Lesern und Medien – das ja aktuell allgemein als verbesserungswürdig gilt – etwas ändern soll, dann wäre es eine gute Idee, wenn beide Parteien als Erstes aufhörten, sich gegenseitig mit Vorwürfen zu begegnen. Was allein schon deshalb leicht zu bewerkstelligen sein dürfte, als das Kritikrepertoire auf beiden Seiten ziemlich überschaubar ausfällt: Die Leser halten die Medien für manipulativ und/oder gleichgeschaltet, und die Medien machen die Leser für den Niedergang der Kommentarkultur verantwortlich.

Nun räumt man einen Vorwurf natürlich auch nicht aus dem Weg, indem man ihn gar nicht mehr thematisiert. Sondern indem man die Wurzeln des Übels ermittelt und sie beseitigt. Aber was, wenn sich die Vorwürfe als haltlos herausstellen?

Es ist verständlich, wenn Leser angesichts der Komplexität aktueller Konflikte auf griffige Erklärungen hoffen. Es ist aber genauso verständlich, dass Redakteure diese nicht liefern – es sei denn, sie arbeiten für radikale oder verschwörungstheoretische Organe. Es ist verständlich, wenn Leser im Kommentarbereich Antworten auf ihre Fragen und Kritik einfordern und sich empören, wenn diese ausbleiben. Es ist aber genauso verständlich, wenn Redakteure auf persönliche Beleidigungen und pauschale Kritik nicht reagieren, weil sie die Achtung vor sich selbst und ihrer journalistischen Arbeit wahren wollen.

So verständlich der Unmut auf beiden Seiten aber auch sein mag, die daraus erwachsenen Vorwürfe sind haltlos: Noch nie hatten Journalisten wie Leser so leicht Zugriff auf eine Vielfalt von Quellen, noch nie war es so einfach, sich Informationen zu beschaffen und in eine Debatte einzubringen, noch nie gab es so viele unterschiedliche Plattformen und Werkzeuge, der eigenen Stimme Gehör zu verschaffen und die der anderen zu vernehmen. Das erzeugt nicht mediale Gleichschaltung und Niedergang der Kommentarkultur, sondern im Gegenteil Medienvielfalt und eine lebendige Diskurslandschaft.

Nur: Je vehementer man einen Vorwurf äußert, desto schwieriger wird es, sich davon zu lösen. Das Resultat ist ein verengter, eingefahrener Blick auf beiden Seiten. Allerdings ist nicht davon auszugehen, dass der gesamte Journalistenstand und die gesamte Leserschaft im Verlauf der letzten Monate, in denen sich die gegenseitige Vorwurfhaltung einer unguten Klimax entgegengeschraubt hat, ihr Urteilsvermögen komplett verloren haben. Es gibt also Grund zur Hoffnung, dass die Haltlosigkeit der gemachten Vorwürfe beiden Seiten auffällt. Dass beide Seiten erkennen: Wir haben uns falsch eingeschätzt.

Letztlich wollen wir nämlich alle das Gleiche: eine kritische Auseinandersetzung mit den unsere Zeit bestimmenden Diskursen. Und dieses gemeinsamen Interesses müssen wir uns wieder gewahr werden. Wir brauchen eine positive Grundhaltung. Die ständige Negativfokussierung verstellt nicht nur den Blick auf die positiven Seiten des Medien-Leser-Verhältnisses. Sie gibt Lesern das Gefühl, nicht willkommen zu sein, und sie gibt Redakteuren das Gefühl, in schwarze Löcher zu schreiben. Sie verhindert gegenseitige Wertschätzung.

Wir erleben jeden Tag, wie engagiert und konstruktiv unsere Leser unsere Arbeit kommentieren, und wir versuchen jeden Tag, unseren Lesern den größtmöglichen Raum zur Entfaltung ihrer Teilhabe zu geben. Dass sich die darin enthaltene Wertschätzung nur indirekt äußert, macht sie nicht weniger wertvoll. Das dürfen beide Seiten nicht aus dem Blick verlieren.