Unter Artikeln über die Grausamkeiten der IS-Kämpfer lese ich viele Kommentare, die in der Religion allgemein oder speziell im Islam die Ursache des Übels sehen. Religion sei offensichtlich Unsinn und gehöre abgeschafft, dann werde die Welt besser, meinen die einen. Andere halten dagegen, der Islam werde von den IS-Mördern nur für ihre Zwecke missbraucht. Eigentlich habe islamistischer Terror nichts mit dem Islam zu tun.

Als Atheist neige ich dazu, mich der ersten Gruppe anzuschließen. Ich bin überzeugt, dass es keinen Gott gibt, der mir Regeln vorschreibt, auf die ich mich auch dann berufen kann, wenn ich grausam handle. Voltaire sagt: "Wer Dich dazu bringen kann, Absurditäten zu glauben, kann Dich auch dazu bringen, Gräueltaten zu begehen." In diesem Sinne wäre die Welt ohne Religion tatsächlich besser, genau wie sie ohne solche Absurditäten wie Nationalismus und Rassenideologie auch besser wäre.

Doch die Forum-Atheisten machen es sich zu leicht, wenn sie die Abkehr vom Glauben als simple und ausreichende Lösung propagieren. Es ist einfach, Religion als unsinniges Konstrukt abzulehnen, das durch die Angst vor dem Tod motiviert ist und durch gezielte Beeinflussung in der Kindheit aufrechterhalten wird. Aber jeder Mensch, auch jeder Atheist "glaubt" etwas, in dem Sinne, dass er etwas für wahr hält (das Wort "glauben" würde ich hier lieber vermeiden, weil es eine Überzeugung unabhängig von jeglicher Argumentation suggeriert). Und kein Mensch kann aufhören, sein Weltbild für wahr zu halten, ohne ein alternatives Weltbild zu übernehmen.

Hier werden viele Atheisten kleinlaut und wollen sich nicht so recht festlegen, wie ihr Weltbild aussieht. Sie wollen sich nicht angreifbar machen gegenüber dem beliebten Vorwurf von Gläubigen, dass die atheistische Sicht der Dinge auch nicht verifizierbar sei und daher ebenso wenig einen Anspruch auf absolute Wahrheit erheben könne. Aber davor sollten wir Atheisten keine Angst haben. Nur weil wir nicht alles wissen können, ist noch lange nicht alles gleich wahrscheinlich.

Anstatt nur den Glauben anderer zu kritisieren, sollten wir Atheisten uns lieber zu Positiv-Aussagen über unser Weltbild durchringen. Ich will nicht bestreiten, dass es auch unter Atheisten viele Unterschiede gibt. Und natürlich kann ich mir nicht herausnehmen, für alle Atheisten zu sprechen. Aber sind wir uns nicht in einigen zentralen Punkten einig?

Dass wir nur als Menschen geboren werden und nicht als Muslime, Juden oder Christen, dem wird wohl jeder Atheist zustimmen. Und auch der Aussage, dass unser bewusstes Selbst als Funktion unseres Nervensystems nach unserem Tod genauso wenig existieren wird wie vor unserer Geburt. Dass man also keine Angst vor Höllenfeuer haben muss, aber auch kein Himmelreich oder Jungfrauen erwarten darf. Und dass diese Erkenntnis befreiend ist, weil sie uns erlaubt, eine Ethik zu entwickeln, die auf Gerechtigkeit im Diesseits abzielt statt auf das Wohlgefallen von Göttern aus alten Büchern.

Wer erreichen möchte, dass Gläubige resistenter gegen extremistische Gehirnwäsche werden, könnte mit solchen Positiv-Aussagen vielleicht erfolgreicher sein als mit der bloßen Verunglimpfung des Glaubens.

Dieser Beitrag ist Teil unserer Serie Wer's glaubt. Wir freuen uns weiterhin auf Ihre Einsendungen – bitte per Email an leseraufruf@zeit.de, Betreff "Glaube". Unsere Social-Media-Aktivitäten zu diesem Thema bündeln wir unter dem Hashtag #wersglaubt.