Mein Großvater war protestantischer Pastor, streng, gut, gerecht, unnahbar. Vor dem Zubettgehen sangen wir: "Breit aus die Flügel beide, Herr Jesu meine Freude, und nimm dein Küchlein ein, will Satan mich verschlingen, so lass die Engel singen, dies Kind soll unverletzet sein." In der unsicheren Zeit, als unsere Familie zerfiel, war Angst eine vorherrschende Stimmung und die Idee eines guten Gottes ein Trost.

Sobald meine Freunde meine Eltern als moralische Referenzpunkte abgelöst hatten, rebellierte ich gegen alles, was nach "dem System" roch. Außer über AKW und das Patriarchat konnte ich mich über Fleischesser und Nonnen richtig aufregen – letztere symbolisierten für mich perfekt die Enge und Frauenfeindlichkeit der christlichen Kirchen.

Nach einer hastig beschlossenen Abtreibung und einer heftigen Depression fand ich meinen Weg ins Meditationszentrum und dann zu Osho Rajneesh, dem berühmten Guru aus Poona, Indien, auch bekannt als Bhagwan. Einen tieferen Sinn wollte ich finden, eine erfüllende, frohe Gemeinschaft und einen Zustand jenseits des Selbstzweifels, der Verunsicherung und der Einsamkeit, die mich regelmäßig befielen.

Inmitten ungeschickter Versuche, die freie Liebe zu praktizieren, die im Ashram gang und gäbe war, hatte ich auch einen inneren Durchbruch. Nachdem ich tagelang meditierend auf eine Wand geschaut hatte, fielen plötzlich alle Gedanken für Momente einfach von mir ab. Ich selbst fiel in einen inneren Raum ohne jede Begrenzung, ohne jedes Problem. Eine Vorstellung davon, wer ich war, war nicht mehr nötig. Ich hatte mich aufgelöst und doch, oder gerade deswegen, war alles zutiefst gut, war immer schon gut gewesen und würde immer gut sein.

Der Zustand verflüchtigte sich, hinterließ aber eine eigenartige Gewissheit, dass jenseits der kreisenden Gedanken in meinem Kopf und allem, was im Äußeren geschah, noch eine andere Realität lag. Das brauchte ich nicht zu glauben, das war so klar wie der Blick in den Spiegel, auch wenn ich es immer wieder vergaß.

Bald zeigte sich, dass mein Lehrer längst nicht so integer war, wie ich geglaubt hatte. Ich verließ seine Gruppe, verliebte mich und traf kurz darauf den australischen Tantra-Lehrer Barry Long. Er lehrte, dass die körperliche Liebe ein Weg zu Gott sein konnte. Es war kein Gott, an den man glauben musste, sondern einer, der gewissermaßen "machbar" war.

Sex war für uns oft wie eine Meditation

Barry verbrachte unzählige Stunden damit, seinen Zuhörern zu erklären, dass die göttliche Liebe, von der er sprach, hart errungen war und nichts damit zu tun hatte, sexuelle Lust zu befriedigen oder Einsamkeit zu beschwichtigen. Aufgabe der Männer war es laut Barry, Frauen wirklich lieben und ehren zu lernen und so ihre Männlichkeit in den Dienst der Liebe zu stellen, statt sie zum Beispiel in ihrer Arbeit zu beweisen. Frauen sollten lernen, ihre unberechenbaren Emotionen loszulassen und für das Prinzip der Liebe geradezustehen, also über eine rein persönliche Beziehung zur Liebe hinauszuwachsen. Das war leichter gesagt als getan – nur wenige der Paare, die Barry zuhörten, schienen tatsächlich nach seinen Lehren zu leben.

Dennoch, für meinen Mann und mich war Sex oft wie eine Meditation, ein Verschmelzen ohne jedes Ziel, als fiele man gemeinsam in das Nichts, das ich schon bei Rajneesh gekostet hatte. Wir konnten es teilen, die Grenzen zwischen uns schienen sich aufzulösen. Doch letztlich kamen wir einander nicht näher, zu verschieden waren unsere Vorstellungen von einem sinnvollen Leben außerhalb des Bettes.

Als ich dann zufällig den amerikanischen Lehrer Andrew Cohen kennenlernte, schloss ich mich seiner Gruppe in Massachusetts in den USA an. Auch er sprach darüber, dass man Gott – was immer man damit meinte – nicht nur innerlich erfahren, sondern sichtbar leben sollte. Wir wollten das als Kollektiv erreichen, wollten ein gemeinsames Bewusstsein entwickeln, das frei war von den üblichen egoistischen Tendenzen wie Konkurrenzdenken, Besserwisserei, Manipulation, Misstrauen oder Unehrlichkeit. Dieser Weg war noch schwerer als der, den Barry Long lehrte.

Doch über viele Jahre hinweg, in unzähligen Gesprächen über Gott und die Welt, entdeckten wir etwas: Wenn Menschen es schaffen, ihre normalen Verteidigungsmechanismen und Überzeugungen nur für einen Moment loszulassen, werden ihre Begegnungen freudvoller, leidenschaftlicher und interessanter, als wir es je für möglich gehalten hatten. Ob man sich nun persönlich besonders mochte oder nicht, wir entdeckten ein grundlegendes gemeinsames Mensch-Sein. Und dabei war es egal, woher man kam oder welcher Kultur man angehörte.

Diese Gruppe hat sich vor Kurzem formell aufgelöst. Unser gemeinsames Bewusstsein aber, in dem wir uns von der Annahme befreit haben, dass wir Menschen weit voneinander getrennte Wesen sind, ist nun für mich "Gott". Es ist ein Gott, den wir selbst in der Hand halten, der oder die sich zeigt, wenn wir bereit sind, über uns selbst hinauszugehen. Meine Beziehungen – zu meinem Mann, meinen Kollegen und meinen Freunden – sind diesem Gott gewidmet. Immer wieder blitzt dabei, jenseits der Vereinzelung und Richtungslosigkeit unserer postmodernen Kultur, ein spannendes, noch lange nicht erschöpftes Potenzial des Mensch-Seins auf.

Die Autorin betreibt das Blog www.sexliebesinn.com

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