Hätte Fritz Lang "Metropolis" nicht als Stummfilm inszeniert, hätte er möglicherweise Wortneuschöpfungen und Lehnwörter gebraucht, um seine Zukunftsvisionen zu beschreiben. ©General Photographic Agency/Getty Images

Neulich hatten wir wieder so einen Fall. Da haben wir einen Kommentar depublisht. Und unsere Leser aus Transparenzgründen im Kommentarbereich darüber informiert, wir hätten einen Kommentar "unveröffentlicht".

Unveröffentlicht? Was ist das denn bitte für ein Wort, empörten sich Kommentatoren daraufhin. Unveröffentlichen, das meint das Zurückziehen eines bereits veröffentlichten Inhalts (zur Sicherheit sei darauf hingewiesen, dass wir äußerst selten Kommentare unveröffentlichen, nämlich nur dann, wenn es sich um Serien-Spam oder bedenkliche Nutzernamen handelt). Im Englischen gibt es ein klar verständliches Wort dafür: to depublish.

Das deutsche Wort klingt etwas unbeholfen. Aber würden wir das englische verwenden, wäre die Empörung noch viel größer. Wer auf eine andere Sprache als die eigene zurückgreifen muss, um sich auszudrücken, ist schlampig, faul oder beschränkt. So lautet zumindest die gängige Leserkritik. Es gibt nichts, was sich in der deutschen Sprache nicht ausdrücken ließe, das mag stimmen. Aber englische Begriffe sind oft so schön catchy, so on point. Und sie werden gerade in digitalen Umfeldern gern genutzt, wie die User unserer Community natürlich wissen.

Der Begriff Crowdfunding zum Beispiel lässt sich auf Deutsch mit "Gruppenfinanzierung" oder "Schwarmfinanzierung" übersetzen. Dass er aber seinen Ursprung nicht nur im englischsprachigen, sondern auch im digitalen Raum hat, geht bei der deutschen Übersetzung verloren: "Gruppenfinanzierung" klingt nach ältlichem Provinzverein, Crowdfunding nach energetischem Start-up. Crowdfunding wurde 2012 zum "Anglizismus des Jahres" gewählt.

Selfies, Scoops und Social Freezing

Seit 2010 bemüht sich Anatol Stefanowitsch, Professor für englische Sprachwissenschaft an der Freien Universität Berlin, um die Förderung eines positiven Blicks auf Anglizismen, indem er zur Wahl des "Anglizismus des Jahres" aufruft. Diese Auszeichnung begreift Lehnwörter nicht als sprachliche Mängel, sondern im Gegenteil als Bereicherung unserer Sprache. Gewählt wird jeweils ein Lehnwort, das "im laufenden Jahr ins Bewusstsein und den Sprachgebrauch einer breiten Öffentlichkeit gelangt ist und eine interessante Lücke im deutschen Wortschatz füllt."

Vorschläge einreichen kann jeder, die Auswahl erfolgt durch eine Fachjury von Sprachwissenschaftlern. Über die laufenden Einreichungen (die aktuelle Nominierungsrunde endet am 15. Dezember 2014) informiert ein Blog. Ganz vorn dabei ist momentan das Selfie, überhaupt sind Begriffe aus der Welt der sozialen Medien überproportional vertreten, ähnlich sieht es im Bereich neuer Technologien aus. Bedeuten also mediale Digitalisierung und technologische Evolution gewissermaßen als Lehnwort-Schleusen eine Bedrohung der deutschen Sprache? Professor Stefanowitsch kann beruhigen: "Lehnwörter finden wir immer dort, wo es Veränderungen gibt – neue Technologien und neue gesellschaftliche Praktiken müssen benannt werden, und wenn eine wichtige Bezugskultur schon Wörter hat, werden die einfach übernommen. Durch Entlehnung sind Sprachen in der Lage, sich aktuellen Entwicklungen anzupassen und für die Sprachgemeinschaft nützlich zu bleiben. Und nur wenn eine Sprache nicht mehr nützlich ist, läuft sie Gefahr, zu verschwinden."

Keine Gefahr also. Und für Gegner der Anglizismenflut in den "neuen" Medien gäbe es folgenden Lösungsvorschlag: Sie müssten nur dafür sorgen, dass Neuentwicklungen statt aus dem englischsprachigen aus dem deutschen Raum kommen. Immerhin haben übrigens auch die "traditionellen Medien", wie es das Blog formuliert, einen Kandidaten für den Preis 2014 hervorgebracht: Hoodiejournalismus.

Wie ist Ihre Haltung zu Lehnwörtern aus dem Englischen? Welche nutzen Sie selbst, welche begrüßen Sie, welche finden Sie unsinnig? Welches wäre Ihr Favorit für den "Anglizismus des Jahres"?