Vor einigen Jahren bin ich aus der Kirche ausgetreten und zur Bahai-Religion konvertiert. Bahai glauben daran, dass das Göttliche für den Menschen nicht erkennbar ist, sich aber durch spirituelle Persönlichkeiten in verschiedenen Kulturen und Epochen offenbart. Zu diesen Persönlichkeiten zählen neben Bahá’u’lláh, dem Stifter der Bahai-Religion, Moses, Jesus, Mohammad, Buddha, Krishna und die Stifter anderer Religionen. 

Ziel der Bahai-Offenbarung ist die Einheit der Menschheit in Vielfalt. Bahai missionieren deshalb auch nicht. Sie erkennen die anderen Religionen bedingungslos an und treten in einen Dialog mit ihnen. Sie wollen eine friedliche und geeinte Gesellschaft der Menschen in all ihrer Verschiedenheit aufbauen.
Diese Ansichten und die gelebte Spiritualität in Form von einfachen Andachten, Gebeten, Meditationen und dem Dienst am Menschen sagten mir sehr zu. In einer recht jungen Gemeinde lernte ich, die Schriften besser zu verstehen, meinen Horizont zu erweitern, mich geistig, menschlich und intellektuell weiter zu entwickeln. Bald übernahm ich auch Funktionen in der Gemeinde. Ich wurde Mitglied geistiger Räte, einmal sogar Vorsitzender eines solchen Rates. Es war eine wunderbare Zeit.

Doch einen Konflikt konnte ich nie lösen: Ich bin schwul – schwule Bahais aber dürfen ihre Sexualität nicht leben. Ich solle mir therapeutische Hilfe suchen und Schritte in Richtung Heterosexualität unternehmen, wurde mir geraten. Man gab mir Schriften religiöser Persönlichkeiten aus den 1950er Jahren zu lesen, in denen Homosexualität als Krankheit, als Störung, als Perversion menschlicher Natur beschrieben wird.

Allerdings glauben die Bahai daran, dass Religion und Wissenschaft eine harmonische Beziehung eingehen sollen. Wenn die religiösen Lehren etwas enthalten, das konträr zur Wissenschaft ist, muss es revidiert werden. Das ist ein grundlegendes Prinzip der Bahai-Religion. Und während es in anderen Bereichen angewandt wird, wird es ignoriert, wenn es um Homosexualität geht.

Aufgrund einiger gescheiterter Beziehungen mit Männern nahm ich mir die Schriften über Homosexualität leider sehr zu Herzen. Ich begann zu glauben, die Probleme in der Schwulencommunity hätten ihren Grund in der Homosexualität. Ich fing an, mich als Perversion menschlicher Natur zu sehen. Zwei Jahre lang verleugnete ich mich selbst und versuchte, Gefühle zu entwickeln, die ich nicht hatte. Jedes Mal, wenn ich einen attraktiven Mann sah, redete ich mir ein, es sei falsch so zu fühlen. Ich hasste mich selbst.

Zum Glück begegnete ich schließlich fähigen Therapeuten, die mir rieten, mich selbst so anzunehmen, wie ich bin. So begann ich, wieder offener mit meiner Homosexualität umzugehen. Ich erzählte auch einigen Bahai davon und erfuhr nur tolerante bis sehr positive Reaktionen. Einige der religiösen Führungspersonen rieten mir jedoch, nicht innerhalb der Gemeinde zu dienen. Vor allem solle ich keine Kinderklassen oder Jugendgruppen leiten. Das höchste nationale Gremium, der nationale Rat, rief mich in einem Brief auf, nicht an Aktivitäten für Kinder teilzunehmen.

Ich war geschockt und verletzt. War das die vielbeschworene Einheit in der Vielfalt? Die Abschaffung von Vorurteilen? Der Einklang von Wissenschaft und Religion?

Ich suchte Kontakt zu anderen lesbischen und schwulen Bahai. Ich fand sie online. Versteckt. Verletzt. Ausgegrenzt. Die Internetseite gaybahai.net listet einige ihrer Geschichten auf. Es sind Geschichten voller Schmerz, Leid und Selbsthass – geschürt von einer Religion, die sich dem Ziel verschrieben hat, Vorurteile abzubauen und Einheit in Vielfalt zu kreieren.

Im Moment betrachte ich mich eher als Agnostiker denn als Gläubigen. Vieles an den Bahai sehe ich heute kritisch. Auch meine Verbindung zu Spiritualität, Religion und Glauben habe ich verloren, die zu Gott ist geschwächt. Vermutlich sollte ich die Bahai verlassen, andererseits liebe und schätze ich meine Gemeinde.

Ich glaube immer noch, dass die Bahai-Religion ein großes Potenzial besitzt, Gutes in die Welt zu tragen. Doch zuerst muss sie selbstkritischer werden und ihre Prinzipien mit ihren Dogmen abgleichen. Sie muss endlich dem Thema Homosexualität die gleiche Offenheit entgegenbringen wie anderen Themen auch.

Der Autor schreibt unter einem Pseudonym. Sein richtiger Name ist der Redaktion bekannt.

Dieser Beitrag ist Teil unserer Serie Wer's glaubt. Wir freuen uns weiterhin auf Ihre Einsendungen – bitte per E-Mail an leseraufruf@zeit.de, Betreff "Glaube".