Und wieder steht ein Lokführerstreik bevor. Dass es sich dabei um den längsten in der Geschichte der Deutschen Bahn handeln soll, macht ihn nicht außergewöhnlicher als die vorangegangenen, sondern nur länger. Ein Blick in die Geschichte der öffentlichen Reaktionen auf Bahnstreiks jedenfalls zeigt: sie sind bei jedem Streik die gleichen. Während zu hoffen bleibt, dass der bevorstehende Streik wenigstens für die Lokführer etwas ändert, wird in der öffentlichen Debatte um das Thema wahrscheinlich also auch diesmal alles ziemlich genau so ablaufen wie schon beim letzten Streik. Vielleicht mit zwei Ausnahmen: Twitter und Claus Weselsky. Auf Twitter können Sie sich die Zeit mit einem (zufälligerweise von ZEIT ONLINE erdachten) Hashtag namens #zeitfür vertreiben, und GDL-Chef Weselsky ist so unberechenbar, dass uns eine überraschende Wende nicht wirklich überraschen würde.

Falls Sie sich nicht mehr daran erinnern, wie Sie beim letzten Bahnstreik (März 2013, März 2011) über die Bahn geschimpft oder die Streikenden verteidigt haben, oder die beim letzten Streik eingenommene Haltung aktualisieren wollen, dann greifen Sie gern auf die Liste von typischen Streikbefürworter- und Gegnerpositionen zurück, die wir im folgenden für Sie zusammengestellt haben. Aber passen Sie auf: Es könnte sein, dass Sie nach Lektüre dem Lokführerstreik viel mehr Positives abgewinnen, als Sie gedacht hätten.


Als Streikbefürworter...

...finden Sie andere Dinge schlimmer
Sie finden immer etwas, das Sie schlimmer finden als Bahnstreiks, die DDR zum Beispiel finden Sie sehr gern schlimmer, und deshalb verbinden Sie Bahnstreik und DDR zu lustigen Witzen. Überhaupt machen Sie jetzt gern Witze und fragen zum Beispiel wie in diesem Kommentar nach dem Unterschied zwischen Kapitalismus und Sozialismus ("Im Kapitalismus streiken die Lokführer. Im Sozialismus streiken die Loks!"). Daneben gibt es noch ein paar andere schlimmere Dinge wie die im folgenden Kommentar aufgezählten: "NSA, Freihandelsabkommen, Kriegstreiber in der Ukraine und Waffenverkäufe in Kriegsgebiete, alles schnurzpiepegal, aber wehe ich kann mal 4 Tage keine Bahn fahren." Wenn Sie ganz im Zen angekommen sind, dann finden Sie nur eine Sache schlimmer als Bahnstreik: dass Facebook streiken könnte.

...loben Sie die Kommunikation der GDL
Sie beschweren sich zunächst öffentlich, zum Beispiel in einem Facebook-Kommentar, zum Beispiel über die kurzfristige Streikankündigung (was Sie mit Streikgegnern gemein haben), etwa so: "ist ja rechtzeitig, das einen tag vorher zu sagen...". Dann warten Sie darauf, dass die Social-Media-Abteilung der GDL auf Ihre Beschwerde reagiert, zum Beispiel so: "Wir haben es schon vor mehreren Tagen angekündigt." Dann antworten Sie: "Geil! Die GDL rechtfertigt sich bei Facebook. Das wird super!", und freuen sich auf den Streik.

...wenden Sie sich alternativen Transportmitteln zu
Sie genießen das Gefühl, einmal innerdeutsch ganz ohne schlechtes Gewissen fliegen zu können. Egal welches Transportmittel Sie jetzt benutzen, Sie fühlen sich darin unsterblich wie Chuck Norris. Sie schätzen ein historisches Vehikel wegen seiner Verlässlichkeit, die nicht zuletzt darauf zurückzuführen ist, dass Sie selbst bestimmen, ob es sich bewegt oder nicht, und fahren jetzt Draisine. Oder Modelleisenbahn.

...zeigen Sie Solidarität mit den Streikenden/der GDL
Sie sind empathisch und wollen sich in die Gefühlswelt der Streikenden hineinversetzen. Deshalb fordern Sie ihre Freunde auf Facebook zu einer "Mutprobe des Tages" heraus: "Laufe heute am von dir nächstgelegenen Hbf mit einer GDL-Fahne von Gleis 1 bis Gleis 10." Oder Sie sprechen einfach ganz ironiefrei Ihre Unterstützung aus und bilden damit eine seltene Ausnahme. Sie sind ganz grundsätzlich gegen Ausbeutung. Oder Sie nehmen eine metaphysische Perspektive ein; die rechtfertigt und erklärt alles.

...nutzen Sie Ihre Zeit für anderes, wenn nicht besseres
Für Menschen wie Sie wurde der Hashtag #zeitfür erdacht. Damit können Sie schöne Tweets produzieren, bis der nächste Zug kommt. Außerdem können Sie sich selber humorige Hashtags ausdenken oder sich als Streikbrecher betätigen. Oder sich an die Vorstellung von einem Leben ohne Bahn gewöhnen. Oder sich in Utopien ergehen. Oder in Nostalgien: "Die Bahn fährt erst wieder, wenn die Kohle da ist."

...schätzen Sie ungeplante Nebeneffekte
Sie wissen, dass jeder Mensch ersetzbar ist, so wie dieser Kommentator es weiß: "Wenn die Bahnstreiks der GDL jetzt dazu führen, dass solche Systeme [automatische, lokführerlose Lenksysteme] zur Marktreife gebracht werden, hatte die Sache dann doch etwas Gutes." Sie besitzen Anteile an einem Mietwagenunternehmen. Sie freuen sich, dass am Wochenende weniger Hooligans (jedenfalls weniger bahnfahrende) gegen die Salafisten in Berlin antreten werden und dass man die stillstehenden Züge auch als 25-Jahre-Mauerfall-Gedenkaktion interpretieren kann. Und was auch toll ist: Der Streik führt zur Wiederbelebung des Hashtags #PofallabeendetDinge.