Ein Hexenzirkel der Wicca praktiziert ein Mondritual in einer Hexenschule in Illinois. ©Scott Olson/Getty Images

Seit einem guten halben Jahr arbeitet Claus Müller beim Jugendamt. Die Arbeit gefällt ihm, und ihm gefällt auch, dass er gute Aussichten hat, bald verbeamtet zu werden. Stufenweise Gehaltserhöhungen, Sicherheit. Ein Glücksfall wäre das. Einen guten Job kann man schließlich nicht herbeizaubern, selbst dann nicht, wenn man Hexe ist. So wie Claus Müller.

Der 36-jährige Sozialarbeiter hatte sich auf unseren Leseraufruf zum Thema Religion gemeldet und zu einem Besuch eingeladen. Gemeinsam mit anderen Hexen teile er sich ein Haus, ein paar Kilometer hinter der Berliner Stadtgrenze. Das Hexenhaus ist aber gar keines, sondern ein gewöhnlicher Neubau zwischen anderen Einfamilienhäusern. Kein windschiefes Dach, kein rauchender Schornstein. Drinnen ist es sauber und aufgeräumt, in den Fenstern hängen geklöppelte Gardinen. Auch im kleinen Wohnzimmer von Claus Müller ist es bis auf einen Altar nicht sonderlich hexenartig. Die Normalität des Umfeldes ist aber keinesfalls enttäuschend, sondern macht im Gegenteil erst recht neugierig auf Claus Müller, die Hexe.

ZEIT ONLINE: Herr Müller, wie wird man Hexe?

Claus Müller: Bei mir war es Zufall. Eine Freundin, die hier zum Zirkel gehört, hat mir davon erzählt und vorgeschlagen, ich solle mir das doch mal anschauen. Ich habe mich schon immer sehr zum Glauben hingezogen gefühlt, aber schon als Jugendlicher gemerkt, dass das Christentum nichts für mich ist.

ZEIT ONLINE: Was genau glauben Sie denn als Hexe?

Müller: Wir fühlen uns den Wicca verbunden, das ist eine Bewegung, die sich als Religion der Hexen versteht. Sie ist Mitte des 20. Jahrhunderts in Großbritannien entstanden. Unser Zirkel ist aber eher freifliegend, das heißt wir halten uns nicht streng an die Vorschriften oder Überlieferungen der Wicca. Als Hexen glauben wir, dass alles mit allem verbunden ist, und alles Teil von einem ist. Alles, was ich tue, hat eine Auswirkung auf meine Umgebung.

ZEIT ONLINE: Das klingt wie die buddhistische Lehre vom Karma.

Müller: Bei uns ist das etwas anders. Wir glauben, dass alles dreifach zu einem zurückkommt. Gutes wie Schlechtes. Und das Ziel sollte es sein, die eigene Umgebung zum Guten zu verändern. Deshalb haben auch viele von uns soziale Berufe. Wir geben etwas Gutes und vertrauen darauf, dass uns das von der großen Muttergöttin irgendwann zurückgegeben wird.

ZEIT ONLINE: In Ihrem Glauben gibt es also eine Vorstellung von Gott?

Müller: Wir glauben an eine höhere Kraft oder Energie. Letztlich ist ja alles Energie, und Gottwesen sind es auch. Ob man sie jetzt Hekate nennt oder Thor oder Jesus oder Buddha, ist eigentlich egal. Denn dahinter steckt immer die gleiche universelle Kraft, die das Universum und unser Leben durchdringt.

ZEIT ONLINE: Vorstellungen einer alles durchdringenden göttlichen Energie gibt es auch in anderen Religionen. Was macht das Besondere des Hexenglaubens aus?

Müller: Wir orientieren uns bei unseren Glaubensvorstellungen an der kulturellen Tradition hier bei uns. Dazu gehören auch die Energieformen und Schwingungen unseres Landes. Wenn man eine Wohnung nach Feng Shui auspendelt, geht man davon aus, dass im Osten der Drache steht. Der gehört aber nach Asien. Ich rufe hier den heulenden Wolf an, der steht im Osten. Oder die Schwanenfrau, die ist im Westen und steht für Wasser. Auch so kann man einen Raum auspendeln. Wir teilen viel mit Religionen wie Shintoismus, Buddhismus und indianischen Religionen, docken das aber bei uns an. Die Verbindung mit der eigenen Lebenswelt, dem eigenen Land ist wichtig.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielt die Natur in Ihrem Glauben?

Müller: Wir sehen den Menschen als festen Bestandteil der Natur. Naturphänomene wie die Flugrouten von Vögeln dienen uns als Omen. Mit der Interpretation der Natur kann man es aber auch übertreiben. Ich halte nichts von Esoterikern, die nackt im Wald tanzen. Das tut weh an den Füßen.

ZEIT ONLINE: Und wie praktizieren Sie Ihren Glauben?

Müller: Im Alltag durch viele Kleinigkeiten. Ich versuche, bei der Arbeit und im Freundeskreis Gutes zu tun. Wenn ich durch den Ort fahre, grüße ich die Ortsgeister, zum Beispiel die Nixen am Fluss. Wenn ich aus dem Haus gehe, berühre ich die Gartenpforte, um mich von dem zu verabschieden, was hier wohnt, körperlich, aber auch metaphysisch.

ZEIT ONLINE: Aber auch das Gemeinschaftliche spielt eine wichtige Rolle, oder?

Müller: Ja, es gibt im Jahr acht große Festtage, die ich mit meinen Brüdern und Schwestern zusammen feiere. Das letzte Fest war Samhain, also Halloween. An diesem Tag sind die Mitglieder unseres Zirkels hier im Haus zusammengekommen. Alle Feste beginnen mit einer energetischen Reinigung, was meistens meine Aufgabe ist. Ich benutze dazu Weihrauch und eine Feder. So befreie ich die anderen und mich von den Lasten des Alltags. Als nächstes fassen wir uns an den Händen und gehen im Kreis, meistens links herum, weil das Energien aufbaut.

ZEIT ONLINE: Rechts herum würde Energien abbauen?

Müller: Genau. Durch das Gehen im Kreis schwören wir uns als ein Geist ein. Dann rufen wir die einzelnen Himmelsrichtungen an, die Sterne über uns, die Mutter Erde unter uns, und die Ortsgeister, sofern wir sie kennen. Dann beginnt das eigentliche Ritual: An Samhain geht es um das Vergehen und Sterben der Natur, um Dunkelheit und Tod, deshalb werden alle Lichter und elektrischen Geräte ausgeschaltet. Reihum erinnern sich die Teilnehmer dann an Verstorbene oder Ereignisse des letzten Jahres und teilen das mit den anderen.

ZEIT ONLINE: Wie lange dauert so ein Ritual?

Müller: Bis alle das Gefühl haben, dass alles gesagt ist. Dann wird gewissermaßen das Pendel des Lebens wieder in Gang gesetzt, die erste Kerze entzündet, Licht in die Welt gebracht. Wir gehen zum großen Altar im Wohnzimmer und zünden die Kerzen an. Dann laden wir die Geister wieder aus, nehmen Abschied von den Elementen und Ahnen, und gehen wieder im Kreis, um unsere Verbundenheit zu zeigen. Zum Schluss werfen wir die Energie mit einem lauten Schrei in den Kosmos. Man will nicht ständig in einem Energiewirbel sitzen, das kann Magenschmerzen verursachen.