Betreuen bei Krautreporter die Crowd: Thanh Nguyen, Jessica Weber und Frederik Fischer © David Schmidt

Eine enge Zusammenarbeit mit der eigenen Community ist dem Onlinemagazin Krautreporter, dem ersten crowdfinanzierten in Deutschland, schon in die Gründung geschrieben: Krautreporter erfindet das Verhältnis von Lesern und Schreibern nicht neu, macht daraus aber ein Geschäft. Abonnenten bezahlen nicht für die Lektüre von Artikeln, sondern für die Zugehörigkeit zur Community und das Recht, Kommentare lesen und schreiben zu dürfen. Wer nichts bezahlt, der sieht daher nicht, was in den Kommentarspalten eigentlich vorgeht – die große Schwäche der Krautreporter-Strategie ist, dass sie nach außen hin unsichtbar bleibt.

Frederik Fischer und Jessica Weber sind bei Krautreporter verantwortlich für den Dialog mit den Lesern. Sie betreuen die Kommentarbereiche und Social-Media-Kanäle des Magazins und organisieren für ihre Abonnenten Veranstaltungen. Im Interview erklären sie ihre Strategie.

ZEIT ONLINE: Sie beschäftigen derzeit sieben feste Mitarbeiter, drei davon allein zur Betreuung Ihrer Community. Eine erstaunlich hohe Gewichtung zugunsten des Leserdialogs.

Frederik Fischer: Richtig, und das ist ein wichtiges Statement. Man warf uns ja vor, wir hätten in der Konzeptphase behauptet, Krautreporter mache den besseren Journalismus. Das haben wir aber so nie gesagt. Das innovative Moment bei Krautreporter ist der intensive Dialog mit der Crowd, mit der Community.

ZEIT ONLINE: Und dieser Dialog ist kostenpflichtig. Ihre eigenen Inhalte sind kostenfrei verfügbar, aber wer Kommentare lesen oder selber verfassen möchte, muss ein Abonnement abschließen. Warum glauben Sie, dass Menschen dafür bezahlen, kommentieren zu dürfen, nicht aber für Ihre Texte? Warum bieten Sie Ihre Texte kostenlos an, die Kommentare aber nicht?

Fischer: Es entspricht dem Netz, dass Information frei geteilt werden kann. Als Netz-natives Medium können wir das nicht ignorieren. Wir wollen keine harte Bezahlschranke, aber wer Krautreporter unterstützt, soll das Gefühl haben, dazuzugehören. Das Produkt des Journalismus ist die Community, die durch ihn entsteht. Journalismus ist nur das Bindemittel, der Anker dieser Communitys. Das macht traditionellen Journalismus nicht weniger relevant, verändert aber das journalistische Produkt und folglich zu einer anderen Einschätzung, wofür man Geld verlangt. Das ist aber ganz ausdrücklich meine persönliche Meinung.

ZEIT ONLINE: Aber ich muss mich bei Ihnen ja auch dann kostenpflichtig registrieren, wenn ich die Kommentare nur lesen möchte.

Jessica Weber: Viele Leser wollen die Kommentare unbedingt lesen. Zu wissen, was andere von einem Text halten, ist für die Meinungsbildung heutzutage extrem wichtig geworden. Außerdem verkaufen wir damit ein Gefühl der Zugehörigkeit, einen Blick hinter die Kulissen.

ZEIT ONLINE: Wenn die Community mit ihren Beiträgen dabei hilft, Krautreporter voranzubringen, sollte die Kommentarfunktion dann nicht kostenlos sein?

Fischer: Das ist eine strategische Entscheidung. Und meiner Ansicht hebt es die Qualität der Kommentare enorm. Unsere Mitglieder würden anders kommentieren, wenn die Kommentare öffentlich zugänglich wären.

ZEIT ONLINE: Momentan lassen Sie sich eigenen Angaben zufolge die Mitgliederbetreuung sechs Prozent Ihres Startkapitals kosten. Das ist anteilig ziemlich wenig gemessen daran, dass die Community Ihr Kernprodukt ist.

Fischer: Unsere Grafik ist vielleicht etwas irreführend. Die Community-Betreuung ist schon der größte Kostenposten, wird aber aus unterschiedlichen Töpfen bezahlt. Außerdem sind es ja nicht nur unsere Gehälter, die in die Community einfließen. Auch unsere Autoren sind Teil der Community. Sie treten zum Beispiel regelmäßig auf unseren Veranstaltungen auf, die für Abonnenten kostenlos sind.

Kann man zahlende Nutzer aus der Debatte ausschließen?

ZEIT ONLINE: Jakob Augstein hält allein 1.000 Abonnements. Der frühere Chefredakteur der Titanic, Leo Fischer, warf Ihnen kürzlich vor, Augstein könne damit einen besonderen Einfluss auf die Programmatik von Krautreporter üben. Können zahlende Nutzer tatsächlich einen derartigen Einfluss üben?

Weber: Nein. Wir erhalten natürlich Themenvorschläge, die wir an die Redaktion weiterleiten. Aber ob sie umgesetzt werden, entscheiden die Autoren selbst. Seine 1.000 Abonnements hat Augstein außerdem inzwischen an Journalistik-Studenten verschenkt.

ZEIT ONLINE: Ihre Autoren verpflichten sich, die Debatten unter ihren Artikeln persönlich zu begleiten und den Lesern zu antworten. Funktioniert das bislang?

Fischer: Ja, das funktioniert. Es gab sogar schon erste Erfolge in der Zusammenarbeit mit der Community. Danijel Višević arbeitet zum Beispiel an einer Reihe über Straßen und Gebäude, die nach Nazis und Diktatoren benannt worden sind. Es gab dazu erstaunlich viele Informationen aus der Crowd. Das ist auch tatsächlich einer der Kernpunkte des Projekts: die Expertise der Crowd zu nutzen.

ZEIT ONLINE: Man kann sich bei Ihnen anonym registrieren. Wirkt sich das auf das Kommentarverhalten aus, gibt es Trolle in Ihrer Community?

Fischer: Wir haben im Moment noch keinen richtigen Troll, wir bemerken aber, dass manche Kommentatoren  etwas ungeschickt darin sind, sich in Debatten sachlich zu äußern. Die schießen manchmal über das Ziel hinaus und wirken dabei extremer, als sie sein wollen. Aber Leute, die sich nur anmelden, um die Diskussion zu stören, gibt es bei uns eigentlich nicht.

ZEIT ONLINE: Sie entfernen aber Kommentare, die gegen Ihre Netiquette verstoßen.

Fischer: Das würden wir, wenn es nötig wäre, aber es gab bislang noch nicht einen einzigen Fall. Wir beobachten, dass sich die Leser gegenseitig dazu anhalten, die Regeln einzuhalten und eine gute Kommentarkultur zu pflegen.

ZEIT ONLINE: Das ist interessant. Vielleicht liegt das ja daran, dass der Leser weiß, dass die Redaktion seinen Namen kennt. Oder es liegt tatsächlich am Zugehörigkeitsgefühl Ihrer Crowd. Aber wenn Krautreporter wächst und damit die Community, bekommen Sie es irgendwann mit Kommentaren zu tun, die Sie entfernen müssen. Wenn das passiert: Wie oft muss ich gegen die Netiquette verstoßen, um gesperrt zu werden?

Fischer: Wir haben ein klassisches Drei-Verstöße-System. Beim ersten Mal verweisen wir auf die Netiquette. Beim zweiten Mal gibt es eine Verwarnung, beim dritten Mal die Sperrung. So ein Schritt soll aber nur im Extremfall und nach sorgfältiger Prüfung erfolgen.

ZEIT ONLINE: Aber hat denn ein Nutzer, der dafür zahlt, dass er kommentieren darf, nicht auch ein Anrecht darauf? Darf man so einen Nutzer überhaupt sperren?

Fischer: Das stellen wir in den Geschäftsbedingungen klar. Schließlich müssen wir die Interessen Einzelner schützen, unabhängig davon, ob das unsere Mitglieder sind oder Autoren. Wer anderen schadet, muss damit rechnen, dass wir seinen Kommentar entfernen und im Extremfall eben auch das Profil sperren.

ZEIT ONLINE: Wenn man als zahlender Kunde gesperrt wird, endet damit automatisch das Abonnement?

Fischer: Nein. Die Kommentare sind ja nicht das einzige, wofür Sie bezahlen, das machen wir auch von Anfang an klar. Nach Ablauf des ersten Jahres können Sie Ihr Abo aber jederzeit zum folgenden Monat kündigen.

ZEIT ONLINE: Wir hätten da einen Vorschlag: Gesperrte User können ihre Profile selbst wieder freischalten und zahlen dafür eine Strafe. Beim ersten mal einen Euro, bei jeder weiteren Sperrung potenziert sich die Summe auf zwei, vier, 16 Euro und so weiter. Die Krautreporter könnten dann sagen: finanziert von Trollen und Pöblern. Was sagen Sie zu dieser Vision?

Fischer (lacht): Ich fürchte, da müssen wir passen.