Als ich drei Jahre alt war, starb mein Bruder. Mit sieben Jahren erlebte ich Krankheit und Tod meines Vaters. Auch in meinem Beruf als Krankenhausarzt und als Mitglied eines klinischen Ethikkomitees im Krankenhaus beschäftige ich mich oft mit Sterben und Tod.

Mit dem Ethikkomitee moderiere ich Gespräche zwischen Angehörigen und dem Behandlungsteam, manchmal auch mit dem Patienten selbst, zu schwierigen Entscheidungen bei einer Behandlung. Dabei geht es meist um die Frage, welche Behandlungsoptionen noch bestehen und ob sie nach dem "mutmaßlichen Willen des Patienten" ausgeschöpft werden sollen, wenn der Patient selbst nicht mehr in der Lage ist, eine Entscheidung zu treffen. Wir versuchen, einen Konsens aller Beteiligten zu finden.

Ich habe immer wieder erlebt, wie betreuende Angehörige in solchen Situationen in innere Konflikte geraten. Manchmal fällt ihnen einfach das Loslassen schwer. Die Vorstellung, durch die Entscheidung einen geliebten Menschen zu verlieren, ist für sie grausam – auch wenn sie derzeit "nur" Entscheidungen zur Unterlassung bestimmter Behandlungen zu treffen haben, keine zur aktiven Tötung.

Durch meine Erfahrung bin ich überzeugt, dass wir eine gesellschaftliche Debatte über den Umgang mit dem Tod brauchen, viel mehr aber noch über den Prozess des Sterbens. In einigen Regionen Europas ist das Sterben eines Menschen ein gesellschaftliches Ereignis. In unserem Land erlebe ich dagegen, dass wir den Tod hinter Friedhofs- und das Sterben hinter Krankenhausmauern verbannen. Wir sind den Tod nicht mehr gewöhnt, wir verdrängen ihn. Aber Sterben ist ein Teil des Lebens.

Ich habe erlebt, wie bei Schwerstkranken trotz tödlicher Prognose der Notarzt gerufen wurde, wie der Notarzt den Patienten ins Krankenhaus einwies und der Patient im Krankenhaus auf die Intensivstation gelegt wurde – mit allen Konsequenzen. Selbst im Pflegeheim zu sterben ist nicht so einfach, weil Qualitätsvorstellungen oder Wertmaßstäbe häufig dazu führen, dass Bewohner zum Sterben ins Krankenhaus verlegt werden. Oder dass sie zwangsernährt werden, wenn sie während des Sterbeprozesses die Nahrung verweigern.

Wir brauchen keine gesetzliche Regelung der aktiven Sterbehilfe, wenn wir noch nicht einmal in der Lage sind, Verantwortung für die Unterlassung von Maßnahmen bei einem sterbenden Menschen zu übernehmen. Wir brauchen vielmehr eine Stärkung aktiver Sterbebegleitung. Hilfe beim statt Hilfe zum Sterben. Die gesetzlichen Grundlagen und Strukturen dafür gibt es bereits, z. B. in Form von Hospizen und ambulanter palliativer Versorgung, auch wenn sie je nach Region möglicherweise noch verbesserungswürdig sind.

Zunächst ist jedoch entscheidend, dass in unserer Gesellschaft das Sterben als Teil des Lebens anerkannt wird. Und dass die bestehenden palliativmedizinischen Einrichtungen und Strukturen bekannt gemacht, genutzt und gefördert werden. Damit kann das Sterben in vielen Fällen und für alle Beteiligten leichter und menschlicher werden. Dafür brauchen wir keine aktive Sterbehilfe, aber eine Debatte brauchen wir dafür unbedingt.

Dieser Beitrag ist eine Reaktion auf unseren Leseraufruf zum Thema Sterben. Wir freuen uns weiterhin auf Ihre Einsendungen. Bitte per Email an leseraufruf@zeit.de, Betreff "Sterben".