Kaum eine Debatte ist so vorhersehbar wie die über das Impfen. Wobei es sich streng genommen gar nicht um eine Debatte handelt, sondern um eine endlose Wiederholung von bereits Gesagtem. Die Lagerbildung in Impfbefürworter und -gegner erfolgt umgehend, wer sich nicht zwischen Pro und Contra entscheidet, wird niedergeschrien oder bleibt ungehört. Das Phänomen der Frontenbildung gibt es auch bei anderen Debattenthemen –Beschneidung, Ukraine-Konflikt oder Veganismus, um ein paar Beispiele zu nennen –, aber nicht in dieser Absolutheit. Und noch etwas macht die Impfdebatte einzigartig: Die Teilnehmer beklagen ein Problem, das sie selbst erzeugen. Regelmäßig wird im Kommentarbereich die Frage gestellt: Warum ist es nicht möglich, "normal" über das Thema Impfen zu diskutieren?

Vielleicht weil jeder etwas dazu zu sagen hat, weil jeder betroffen ist. Oder weil das Thema Ängste rührt: vor Krankheit, aber auch vor Freiheitsbeschneidung. Im Kern verhandelt die Frage Impfen oder nicht? ja nichts Geringeres als das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft. Insofern ist die emotionale und konfrontative Intensität verständlich. Aber warum fehlt das gegenseitige Zuhören, warum ist so wenig Raum für Zwischentöne, warum wird immer das Gleiche gesagt?

Ausgehend von dieser Fragestellung haben wir Leserkommentare zum Thema Impfen auf ZEIT ONLINE ausgewertet, im Zeitraum zwischen 2009 und heute. Wir haben dabei den Fokus auf die Kommentare zur Berichterstattung über Masern in Deutschland gelegt. Das Thema taucht regelmäßig auf und ist Teil der Lebensrealität der Kommentatoren. Rund 60 Kommentarbereiche mit rund 8.000 Kommentaren haben wir gesichtet.

Neben den gängigsten Pro- und Contra-Argumenten haben wir typische Kommunikationsmuster und -strategien der Kommentatoren ermittelt und den Einfluss der Berichterstattung auf das Kommentarverhalten mit einbezogen. Dabei ging es nicht darum zu bestimmen, wer recht hat, sondern dem Phänomen der Frontenbildung nachzuspüren und die spezifischen Charakteristika der Impfdebatte herauszuarbeiten.