Irgendwie seltsam. Seit ungefähr zehn Jahren wird viel über Polyamorie geschrieben und noch mehr geredet, aber die meisten Paare, die man so trifft, leben dann doch in klassischen Zweierbeziehungen. Sogar in einer Großstadt wie Berlin.

Vielleicht war es noch nie so einfach, eine unkonventionelle Beziehung zu führen wie heute. Theoretisch. Aber praktisch ist bei den meisten um 30 dann doch Schluss mit den Experimenten. Und verbindliche Beziehungen laufen in den allermeisten Fällen nach dem gleichen Schema ab: gemeinsamer Urlaub. Gemeinsame Wohnung. Vielleicht Kinder.

Um das Ganze in einen größeren Rahmen zu setzen: Seit den 1960ern haben Frauen viele größere und kleinere Erfolge errungen bei ihrem Kampf um Gleichberechtigung, Schwule genauso. Geschlechtsidentitäten sind flexibler geworden, der Umgang mit Sex freier. Die Vorstellung aber, dass romantische Liebe nur in einer exklusiven Zweierbeziehung ihre passende Form finden kann, hält sich hartnäckig. Vor allem in der Populärkultur. Seit Brokeback Mountain ist schwule Liebe ein gängiges Sujet im Mainstream-Kino, aber egal ob homo oder hetero: Große Liebe wird in Filmen, TV-Serien und Romanen bis heute fast ausschließlich in der monogamen Variante dargestellt. Unglücklich darf Liebe natürlich in jeder Konstellation sein, glücklich aber nur zu zweit.

Eines der einflussreichsten Bücher der vergangenen Jahre zum Thema Liebe und Partnerschaft, Eva Illouz' Warum Liebe weh tut, beklagt die Ökonomisierung der romantischen Liebe in der Postmoderne. Die Frage aber, inwieweit die Dominanz der Monogamie den hochtourigen Gefühlskapitalismus erst ermöglicht hat, diskutiert Illouz in dem Buch nicht. Alternative Beziehungsmodelle spielen in ihrer Argumentation ebenso wenig eine Rolle.

Dem stehen mittlerweile unüberschaubar viele Berichte über Polyamorie in den etablierten Medien gegenüber (ZEIT ONLINE eingeschlossen), außerdem zahlreiche Bücher wie Oliver Schotts Lob der offenen Beziehung oder Schlampen mit Moral von Dossie Easton und Janet Hardy. Viel Aufmerksamkeit hat auch die Grünen-Politikerin Julia Seeliger dem Thema eingebracht, als sie 2007 den Slogan "Monogamie ist keine Lösung" auf T-Shirts drucken ließ. Von politischer Virulenz ist das Thema dennoch weit entfernt. Anders als etwa in den USA gibt es hierzulande keine bekannten Aktivisten, die sich für die rechtliche Gleichstellung nicht monogamer Beziehungen einsetzen. Nicht einmal ein Ende des Ehegattensplittings ist in Sicht.

Und so leben die meisten, auf jeden Fall die meisten Heteros, weiterhin in einer polarisierten Welt. Auf der einen Seite hat man One-Night-Stands und Affären, bei denen der Sex im Vordergrund steht, zartere Gefühle aber keinen Platz haben. Auf der anderen Seite gibt es feste Partnerschaften mit dem vollen emotionalen Programm, was aber einhergeht mit dem Verbot, gleichzeitig weitere intime Beziehungen einzugehen. Verliebt sich einer der Partner in einen anderen Menschen, führt das häufig zur Trennung. Und vielleicht zu einer neuen Beziehung. Monogamie in Serie.