Vor bald zwei Jahren habe ich in einem beruflichen Internetforum Sonja kennengelernt. Ich stellte eine technische Frage. Sonja gab die Antwort. Binnen Kurzem entwickelte sich eine Beziehung, die sich immer mehr vertiefte. Das Besondere: Wir haben uns noch nie gesehen oder gesprochen. Und das soll auch so bleiben. Ganz bewusst. Wir lieben uns, wollen jedoch unsere Ehepartner und unsere Familien unter keinen Umständen aufgeben. Mit unseren Ehepartnern sind wir seit Längerem verheiratet und haben jeweils zwei Kinder. Unsere Familien wissen nichts von unserer Beziehung. 

Trotz der Distanz von mehr als 600 Kilometern fühlen wir uns emotional eng verbunden. Manchmal ist es allerdings schwierig, die Skrupel auszuhalten. Nicht mehr Nähe zu bekommen. Nähe, die wir uns so sehr wünschen. Da es für eine solche Beziehung keinen Wegweiser gibt, stolpern wir hin und wieder durch unbekanntes Dickicht. Auch wenn es sich merkwürdig anhört: Gewissermaßen gehören wir zur Familie des jeweils anderen. Und wir sind glücklicher als zu der Zeit, als wir uns noch nicht kannten.

Um zu gewährleisten, dass unsere Partner und unsere Familien an unserer Beziehung keinen Schaden nehmen, haben wir uns – neben zahlreichen Sicherheitsmechanismen – früh auf zwei Spielregeln geeinigt: Eine besagt, dass wir uns nie physisch treffen werden. Die andere, dass wir nie außerhalb von Facebook miteinander kommunizieren.

Die Spielregeln sollen uns auch helfen, mit unseren moralischen Skrupeln zurechtzukommen. Schließlich haben wir eine hohe Verantwortung unseren Ehepartnern und Familien gegenüber. Wir würden gerne rein monogam leben, spüren jedoch die Schwierigkeiten damit, wenn es um lange Zeiträume geht. In jedem Fall sind wir beide nicht leichtfertig und gedankenlos.

Die Spielregeln einzuhalten ist manchmal schwierig. Irgendwie wollen wir doch mehr. Ein paar mal waren wir auch kurz vor dem Umfallen. Ich hätte Sonja gerne auf eine Fachmesse begleitet, um danach mit ihr ins Messehotel zu gehen. Sonja hätte sich gerne einmal mit mir zum Essen getroffen. Der jeweils andere ist in diesen Situationen aber immer standhaft geblieben.

Bereits am Anfang haben wir uns gefragt, was das denn sei, mit unserer Beziehung, und was uns zusammengeführt hat. Der wichtigste Punkt ist sicherlich, dass die sexuellen Beziehungen zu unseren Ehepartnern so ziemlich eingeschlafen sind. Wir leiden unter den typischen Abnutzungserscheinungen einer engen monogamen Beziehung. Dennoch stellen wir unsere Ehen und unsere Familien über unsere Beziehung. Beide spüren wir, dass die Distanz die positive Spannung aufrechterhält, das Prickeln, das Begehren. 

Rituale überbrücken die Distanz

Die Begrenzung unserer Beziehung auf geschriebene Worte, Emoticons, Fotos und Dateien stellt eine echte Herausforderung dar. Das zeigt sich besonders bei Meinungsverschiedenheiten und Liebesbekundungen. Trotzdem hat sich in der Zwischenzeit ein Vertrauensverhältnis entwickelt, wie keiner von uns es vorher zu einem anderen Menschen hatte. Jeder kennt die intimsten Geheimnisse des anderen.

Wie kann eine Liebe unter den genannten Bedingungen aussehen? Wenn sie eben nicht physisch gelebt werden kann. Hier einige Beispiele:

Die Entfernung zwischen uns überbrücken wir mit zahlreichen kleinen Riten. Ich wünsche mir etwa, wie Sonja sich schminkt, sich die Nägel lackiert, was sie anzieht. Sonja sucht vor Restaurantbesuchen auf den Websites die Speisen für mich aus, die ich dann bestelle. Sonja trägt einen Ring und mehrere Schals von mir. Wir haben ein gemeinsames Parfüm. Wir schicken uns beim Shoppen von Schuhen und Kleidung Fotos und bitten um die Meinung des anderen. Wir feiern unsere Geburtstage und Weihnachten mit Geschenken und gemeinsamer Zeit zusammen.

Auch wenn es schwer vorstellbar ist, unter den Bedingungen unserer Spielregeln entstand ein reger und sehr lustvoller sexueller Austausch. Wir begehren uns.

Wir reden sehr viel und ständig über Facebook miteinander, inzwischen meist über den Messenger. Ich archiviere unsere Kommunikation. Inzwischen sind es 2.800 Seiten in Word und 1,6 Millionen Worte. 

Trotz aller Skrupel sind wir der Meinung, dass wir unseren Partnern nichts wegnehmen. Die Lust auf unsere Ehepartner scheint sogar gestiegen zu sein. Unsere Liebe befriedigt unsere Bedürfnisse nach Nähe, Fürsorge, Aufmerksamkeit, Begehren und Geborgenheit. Besonders schön ist das Wissen, dem anderen ein Stück weit zu gehören. Auch wenn wir uns keine Art von Versprechen geben, dass das für immer so sein wird.

Ich fürchte mich davor, dass unsere Beziehung in den Kommentaren zu diesem Artikel vorschnell verurteilt und mit Häme bedacht wird. Wir haben erst gezögert, ob wir diesen Beitrag veröffentlichen wollen. Aber wir möchten unsere Erfahrung weitergeben und anderen Mut machen, ihr Leben zu bereichern. Wir würden uns immer wieder füreinander entscheiden und sind glücklich, uns gefunden zu haben.

Dieser Beitrag ist Teil unserer Serie "Mit viel Liebe". Wir haben bereits eine große Zahl von Zuschriften erhalten, allerdings hauptsächlich zum Thema offene Beziehung. Ganz besonders freuen wir uns deshalb auf Berichte über andere Beziehungsmodelle. Zum Beispiel von einer Frau, die einen deutlich jüngeren Mann liebt, oder von einer polyamoren Familie mit mehr als drei Elternteilen. Bitte schreiben Sie uns eine E-Mail an leseraufruf@zeit.de, Betreff "Mit viel Liebe".

Der Autor verwendet für sich und seine im Text genannte Partnerin Pseudonyme. Sein richtiger Name ist der Redaktion bekannt.