In meinem beruflichen Umfeld, bestehend aus tendenziell wertkonservativen Akademikern, gelte ich als alleinlebend. Auch an Familienfeiern nehme ich immer alleine teil. Nur wenn ich Menschen vertraue, erzähle ich ihnen, dass ich nicht alleine bin, sondern in einem Netzwerk lebe.

Ich habe verschiedene Bedürfnisse und Ansprüche, und ich habe nicht den Eindruck, dass eines Tages ein einziger Mensch mir alles wird geben können, was ich brauche. Ich kann es natürlich nicht ausschließen, dass es doch einmal so kommt, ich halte es nur für extrem unwahrscheinlich. Ich bin überhaupt kein Mensch für schnell wechselnde Partner und auch nicht unbedingt ein Fan von Gruppensex, aber ich habe gerne nebeneinander enge Beziehungen zu verschiedenen Menschen. 

Mein Netzwerk hat Regeln. Ein verantwortungsvoller Umgang mit unserer Gesundheit steht an erster Stelle. Eine große Bedeutung hat auch der Wunsch, keine Geheimnisse aus den Parallelbeziehungen zu machen. Dass ich mein Privatleben schon im größeren Rahmen so sehr schützen muss, reicht mir völlig. 

Ich denke, dass ich mit meinen Bedürfnissen schon so geboren wurde. Ich konnte schon als Teenager sehr gut und schnell Netzwerke aufbauen. Für mich ist es schon alleine wegen meiner bisexuellen Neigung schwer, in einer monogamen Beziehung mit einem Menschen nichts zu vermissen.

Ich habe eine längere Beziehung hinter mir, die ich im Alter von 16 Jahren angefangen habe. Als ich 28 Jahre alt war, starb mein Partner. In diesen zwölf Jahren hatte ich anfangs eine Parallelbeziehung zu einer Frau, von der mein Partner wusste. Außerdem bin ich in den ersten fünf Jahren mehrmals im Geheimen fremdgegangen. Als ich 21 Jahre alt war, dachte ich, ich reiße mich jetzt mal wirklich zusammen, habe alles gestanden – bin anschließend aber doch noch zweimal schwach geworden. 

Mein Beziehungsleben empfinde ich im Moment als passend. Ich würde gerne die besorgten Nachfragen von Kollegen und Verwandten abstellen, die denken, ich sei völlig vereinsamt. Aber sonst bin ich zufrieden. 

Kinder sind natürlich ein wichtiges Thema. Gemeinsam mit einem sehr alten Freund habe ich entschieden, dass wir gemeinsam Kinder bekommen möchten. Mit ihm verbindet mich keine sexuelle Partnerschaft und wir werden nicht zusammenziehen. Uns verbindet aber eine 21 Jahre alte Freundschaft, in der früher auch Sex eine Rolle gespielt hat, doch das ist schon seit mehr als zehn Jahren kein Thema mehr.

Ich habe mir viele Gedanken darüber gemacht, mit wem ich mich in Elternschaft verbinden möchte, und ich hoffe, ich habe eine für das Kind gute Entscheidung getroffen. Im Moment bin ich in der elften Woche schwanger. In der Familie habe ich darüber noch nichts bekannt gegeben. Es fällt mir etwas schwer, weil ich weiß, dass ich teilweise auf Unverständnis stoßen werde. Ich hoffe, dass mir niemand vorhält, unverantwortlich zu handeln. Das würde mich persönlich treffen.

Manchmal sind Menschen überrascht, dass ich als gläubige Christin kein Problem habe, so zu leben – habe ich aber wirklich nicht. Ich habe aber Angst, besonders als Frau mit mehreren Partnern, als ständig verfügbare Schlampe wahrgenommen zu werden, was ich nicht bin. Das Risiko erscheint mir für Frauen deutlich größer als für Männer, die so leben. 

Natürlich kann ich nicht ausschließen, dass eines Tages Mr. oder Mrs. Right auf einem weißen Pferd dahergeritten kommt. Aber bis dahin genieße ich mein Leben genau so, wie es mir entspricht.

Dieser Beitrag ist Teil unserer Serie "Mit viel Liebe". Wir haben bereits eine große Zahl von Zuschriften erhalten, vor allem zum Thema Polyamorie. Deshalb können wir leider keine Einsendungen zu diesem Thema mehr berücksichtigen. Über Texte zu allen anderen Beziehungsformen freuen wir uns weiterhin. Bitte schreiben Sie uns dazu eine E-Mail an leseraufruf@zeit.de, Betreff "Mit viel Liebe".

Die Autorin schreibt unter Pseudonym. Ihr richtiger Name ist der Redaktion bekannt.