Eifersüchtig? © Bert Garai/Getty Images

Ich kann mich noch gut an die Erleichterung erinnern, die mich überkam, als ich eines Nachts zufällig auf den Wikipedia-Artikel über Polyamorie stieß. Es gab einen Namen für das, was ich fühlte, ich war nicht allein. Schon gegen Ende der Grundschulzeit hatte ich mich heftig in eine Klassenkameradin und gleichzeitig in einen Jungen aus dem Sportverein verliebt. In mir war einfach mehr Liebe, oft flatterten in meinem Bauch gleichzeitig Schmetterlinge für zwei, drei, vier Menschen.

Während der Pubertät lernte ich dann, dass meine polyamoren Gefühle nicht als normal galten. Ich behielt sie für mich. Auch dass ich mich nicht nur für Jungs interessierte, verheimlichte ich meiner Umwelt. Ich hatte Angst, deswegen meine Freundinnen zu verlieren, die möglicherweise befürchtet hätten, ich wollte mehr von ihnen. Ich bin in einer bayerischen Kleinstadt aufgewachsen und wusste, wie über diejenigen geredet wird, die irgendwie von der Norm abweichen.

Stattdessen hatte ich nach und nach eine ganze Reihe von heterosexuellen Beziehungen. Ich konnte treu sein, aber ich war es immer nur für meinen Partner, nie aus mir selbst heraus. In einer Beziehung zu sein, zügelte meine Gefühle nicht, ich konnte mich trotzdem jederzeit neu verlieben. Zusätzlich, nicht stattdessen. Aber ich gab diesen Gefühlen dann üblicherweise nicht nach, denn Fremdgehen hielt ich für falsch. Und in meinem Umfeld gingen bestürzend viele fremd.

Ich war zwar in meinen Beziehungen mehr oder weniger glücklich, aber ich begann langsam, das monoamore Ideal zu hinterfragen. Aufmerksam registrierte ich, wenn in Büchern oder Filmen Konstellationen vorkamen, die über die klassische Zweisamkeit hinausgingen.

Irgendwann, ich war inzwischen 21 und meine letzte Beziehung war mit Pauken und Trompeten gescheitert, klickte ich mich in einer schlaflosen Nacht durchs Internet und fand heraus, dass es ein Wort für meine Gefühle gab: Polyamorie. Die Verheißung, meine Liebe zu mehreren leben zu können, mit Wissen und Einverständnis aller Beteiligten, schien mir wundervoll. Meine Wünsche, die ich immer für weltfremd und absurd gehalten hatte, waren offenbar doch legitim und, noch wichtiger, sie wurden von anderen geteilt. Eine komplett neue Welt öffnete sich mir und ich machte mich daran, sie zu entdecken. Ich verschlang Bücher, las Unmengen Artikel und vernetzte mich online mit anderen Polys.

Aus einem Onlineflirt in einem Poly-Forum wurde eine offene Fernbeziehung. Auf einer Party lernte ich wenig später einen hübschen, klugen und witzigen jungen Mann kennen, der heute noch ein enger und wichtiger Freund für mich ist. Er fand es in Ordnung, dass ich bereits in einer Beziehung war. Wir hatten trotzdem eine wundervolle Zeit zusammen. Wenn ich ihn traf, schliefen wir miteinander, das war einfach ein wunderschöner Aspekt unserer Beziehung und eine Ebene, auf der wir uns prima verstanden.

Seit ich ihn kenne, habe ich aber auch monoamore Beziehungen und Phasen der vereinbarten Treue mit meinen Partnern gehabt. Wir treffen uns dann trotzdem, haben als Freunde Spaß zusammen und halten uns entsprechend zurück. Ich bin alleine seinetwegen schon unendlich froh, den polyamoren Weg für mich erschlossen zu haben.

Seit ein paar Jahren gibt es neben ihm auch eine bezaubernde Dame, die mein Herz erobert hat und selbst in einer Beziehung lebt. Ihr Freund war zunächst meinetwegen sehr skeptisch, ist inzwischen aber absolut einverstanden mit unserem Verhältnis.

Auch Polys kennen Eifersucht

Auf der anderen Seite lernte ich nach und nach, dass gelebte Polyamorie sehr schwierig sein kann. Eifersucht ist in polyamoren Beziehungen natürlich ein wichtiges Thema und es wird unendlich viel darüber kommuniziert. Im Idealfall ist es so, dass die Partner aufeinander Rücksicht nehmen, und sich gleichzeitig darum bemühen, dem anderen alle Freiheiten zuzugestehen, die er möchte. Im besten Fall freut man sich mit ihm, wenn er eine andere Liebe ausleben kann. Neben sehr vielen Gesprächen fordert das eine große Reflektiertheit auf beiden Seiten. Wenn sich aber einer der Partner nicht sicher ist, was er möchte, kann das zu sehr unschönen Situationen führen.

Ein anderes Problem ist Zeit. Eine Beziehung intensiv zu führen, erfordert einfach einen gewissen zeitlichen Aufwand, und auch wenn man mit guter Organisation einiges hinbekommen kann, ist es doch ein Balanceakt, dafür zu sorgen, dass von mehreren Partnern nicht einer das Gefühl hat, zu kurz zu kommen. Ich hatte eine polyamore Beziehung, die endete, weil mein Partner merkte, dass er nicht genug Ressourcen hatte, um zwei sehr intensive Beziehungen gleichzeitig zu führen. Wir sind als Freunde auseinandergegangen, und ich gönne ihm heute noch das Glück mit seiner anderen Freundin.

Über die Jahre habe ich gelernt, dass Polyamorie meine Wunsch-Beziehungsform ist. Sie ist aufwändig, sie ist kompliziert, sie kann verletzende Momente mit sich bringen – aber sie gibt eben auch wahnsinnig viel zurück. Für mich überwiegen eindeutig die Vorteile. Wie großartig ist es, nicht nur einen Partner zu haben, mit dem man sich blind versteht, sondern mehrere. Wie schön ist es, jemand anderen zu küssen – und es genießen zu können, ohne schlechtes Gewissen. Wie beglückend, das volle Potenzial aller Beziehungspartner ausschöpfen zu können, ohne auf eine Ebene der Beziehung verzichten zu müssen.

Natürlich kreuzt mir das Leben ab und an dazwischen. Zuletzt in Form eines wundervollen Mannes und Partners, der mir alles gibt, was ich mir von einer Beziehung wünsche. Außer dass er eben monogam leben möchte und sich das auch von mir wünscht. Wir können uns nicht aussuchen, in wen wir uns verlieben. Und obwohl ich ihm noch vor dem ersten Kuss erklärt habe, wie ich ticke, dass ich nicht nur ihn lieben werde und dass ich mir eine Poly-Beziehung wünsche, leben wir jetzt in einer monoamoren Partnerschaft. 

Ich tue es ihm zuliebe und natürlich fehlt mir etwas. Ich bedaure, dass ich für meine anderen Lieben zurzeit nur eine platonische Freundin sein kann. Ich wünschte, mein Partner könnte sich für meine Ideen öffnen, aber auch wenn wir viel darüber sprechen, ist er sich eben sehr sicher, dass dieses Beziehungsmodell für ihn nicht infrage kommt. Wir haben seit eineinhalb Jahren eine wunderbare Beziehung, aber sie funktioniert, weil ich verzichte. Kann das auf Dauer gut gehen? Ich weiß es nicht. Im Moment lebe ich monoamor, weil ich einen Menschen sehr liebe. Vielleicht liebt er mich irgendwann so sehr zurück, dass er für mich seine Beziehungsart ändert. So wie ich das gerade für ihn tue.

Dieser Beitrag ist Teil unserer Serie "Mit viel Liebe". Wir haben bereits eine große Zahl von Zuschriften erhalten, allerdings hauptsächlich zum Thema offene Beziehung. Ganz besonders freuen wir uns deshalb auf Berichte über andere Beziehungsmodelle. Zum Beispiel von einer Frau, die einen deutlich jüngeren Mann liebt, oder von einer polyamoren Familie mit mehr als drei Elternteilen. Bitte schreiben Sie uns eine E-Mail an leseraufruf@zeit.de, Betreff "Mit viel Liebe".

Die Autorin schreibt unter Pseudonym. Ihr richtiger Name ist der Redaktion bekannt.