Als sich tz12 zum ersten Mal in der Community anmeldet, weiß er schon, dass sein erstes Nutzerprofil nicht sein letztes bleiben wird, weshalb er sich mit seinem Profilnamen auch nicht besonders viel Mühe gibt (immerhin, das "tz" steht für "Terrorzwerg", soviel Zeit für Humor muss sein). Dass er bis zu seinem letzten Kommentar in dieser Community rund 10.000 Profilsperrungen und somit rund 10.000 Neuanmeldungen hinter sich haben wird, ahnt allerdings zu diesem Zeitpunkt selbst er noch nicht.

Nach ein paar Tagen hat sich tz12 – natürlich heißt er jetzt nicht mehr so, und auch nicht mehr ZONengaudi, hallo1, hallo2, hallo3 oder ichmalwieder – einen ungefähren Überblick über die Stärke und Reaktionsgeschwindigkeit des Moderationsteams sowie die aktivsten seiner Mitkommentatoren verschafft. Ja, er nennt sie tatsächlich Mitkommentatoren, aber natürlich nur im Scherz, er hat ja Humor, auch noch nach der Sperrung seines zwanzigsten Profils.

Nach ein paar weiteren Tagen weiß er, dass die Moderation weiß, dass er weiß, wie man einen Proxy gebraucht. Jetzt kann der Spaß so richtig losgehen. Dass er auch schon weiß, wie man sich die zur Anmeldung erforderlichen E-Mail-Adressen in Hunderterpaketen generiert, gibt er zu diesem Zeitpunkt noch nicht preis – die Katze tötet die Maus ja auch nicht gleich, sie spielt sie zu Tode.

Er beginnt, dem Moderationsteam Nachrichten zu schicken und auf Missstände im Moderationsverhalten hinzuweisen. Er kennt die Forenregeln, er weiß, dass Kommentare zu entfernen und Nutzerprofile zu sperren keine Lösung für ein konstruktives Miteinander ist. Er weiß, dass die Lösung für ein konstruktives Miteinander darin liegt, ihn von allen Regeln zu befreien; gleichzeitig spürt er sich nur dann, wenn ihm ein Regelverstoß mitgeteilt wird – die Unvereinbarkeit seiner Bedürfnisse bildet in der Folge den Hauptantrieb all seiner Handlungen. Der Moment, wenn er sich einloggen will und nicht kann, weil sein Profil gesperrt wurde, dieser Moment gibt ihm einen Kick, und er bekäme den Kick nicht, wenn er von allen Regeln befreit wäre, denn von allen Regeln befreit zu sein, hieße, nie gesperrt zu werden. Nie gesperrt zu werden, eine schreckliche Vorstellung. Aber sich nicht über die Regeln erheben zu können, genauso schrecklich. Ein Dilemma. Das Dilemma des Trolls.

Regeln im regelfreien Raum

Dann kommt ihm eine Idee, wie er bewerkstelligen kann, dass ihm ein Regelbruch gleichzeitig erlaubt und unmöglich gemacht werden kann: Er muss die Moderatoren handlungsunfähig machen, er muss sie so intensiv beschäftigen, dass sie alles fahren lassen. Doch kaum ist ihm diese Idee gekommen, muss er sie schon wieder fallen lassen, denn er erkennt: Der regelfreie Raum gälte dann nicht mehr nur für ihn, sondern auch für all die anderen Kommentatoren, er wäre also nur einer von vielen, und genau das will er auf keinen Fall sein. Er weiß, wie viele Trolle außer ihm noch im Forum unterwegs sind, nämlich zwei – und das bei einer geschätzt sechsstelligen Nutzermasse. Das ist schon ein wertvolles Distinktionsmerkmal – wenn auch eines, das ärgerlicherweise völlig verwässert wird durch die Angewohnheit dummer Menschen, jeden streitbaren Geist im Kommentarbereich pauschal als Troll zu bezeichnen und damit zu verkennen, was für ein seltenes Juwel er ist.

Aber Verkennung und Anerkennung liegen nun mal nah beieinander, damit hat er gelernt zu leben. Über all die pseudowissenschaftlichen "Troll"-Studien, die ihm sadistisch-narzisstische Züge attestieren und keine Ahnung von der Unerschütterlichkeit seiner geistigen Gesundheit haben, kann er nur lachen, aber die Reaktionen seiner Mitkommentatoren machen ihn schon manchmal nachdenklich. Dass das Einstreuen banaler Reizworte aus der Nazi-Ecke die anderen zur Annahme treibt, sein Wirken sei ideologisch motiviert, kommt einer Beleidigung gleich: Wer ist er, für Menschen zu kommentieren, die nicht mal die billigsten Manipulationsversuche durchschauen?

Ein paar Tage lang ist er sehr unleidig, meldet sich nur etwa zehnmal pro Tag neu an. Dann geht ihm auf, wie er sich von den anderen absetzen kann: Er muss sich als Opfer inszenieren. Ach was, inszenieren – er ist ein Opfer. Er bekommt nicht, was er will, und das ist äußerst ungerecht, also muss er mehr wollen dürfen als die anderen Kommentatoren, und dass er es nicht darf, macht ihn zum Opfer. Ja, das ist gut, diese Argumentationskette hält.

Ohne Feedback ist seine Arbeit nichts wert

Einmal passiert ihm etwas Merkwürdiges: Er erhält Antwort vom Moderationsteam. Man freue sich über seine rege Beteiligung an den Debatten, man freue sich, dass es ihn gibt. Aus Wut über diese unbefriedigende Reaktion postet er 20 Kommentare desselben Inhalts ("ihr seid zensorenmüll") in einem Thread untereinander, was ihn nur noch wütender macht – auf sich selbst. 20 Kommentare untereinander, so etwas darf einfach nicht noch einmal passieren, er weiß doch, wie einfach die Moderation Kommentardoubletten entfernen kann und dass doppelte Kommentare verschwendete Kommentare sind! Er muss lernen, sich zu beherrschen, umsichtiger zu kommentieren.

Er ändert seine Taktik. Er stellt sich jetzt immer den Wecker auf drei Uhr morgens und kommentiert bis sechs Uhr durch, er nimmt an, dass in dieser Zeit kaum jemand unterwegs sein wird, der ihm in die Quere kommen könnte. Die Freude über die nächtliche Aktivität währt allerdings nicht lang: Er vermisst das unmittelbare Feedback auf seine Arbeit. Wenn er keine Reaktionen auf seine Provokationen erhält, wozu ist er dann da? Die Anerkennung seiner Existenz durch die Gegenseite fehlt ihm, er fühlt sich einfach nur noch leer.

Eines Morgens wacht er auf und weiß: Es muss sich etwas ändern. Er ist gefangen in der täglichen Mühle aus Löschungen und Sperrungen, er weiß alles über seine Gegner. Er hat sich seinen Humor bewahrt, sicher, aber es gibt keine Überraschungsmomente mehr, sein Handeln ist vorhersehbar geworden und damit wirkungslos. Er wird einen Neuanfang machen müssen. In einem anderen Forum.