Es gibt Regeln der Kommunikation, die gelten, ohne explizit formuliert worden zu sein und ohne hinterfragt zu werden. Bei ZEIT ONLINE werden Leser gesiezt, und auch untereinander im Kommentarbereich sprechen sich die meisten mit "Sie" an. Aber auch wenn unsere Netiquette von Lesern einen "freundlichen und respektvollen Umgangston" fordert: Formuliert findet sich eine "Siez-Regel" nirgends.

 

Neuen Community-Mitgliedern, die Mitkommentatoren mit Du ansprechen, ist deshalb kein Vorwurf zu machen. Dazu kommt, dass die Onlineforen-Kultur in ihren Anfängen vom Du geprägt war und sich bis heute die Vorstellung zu halten scheint, Interaktionsangebote im Netz würden vornehmlich von Menschen im Duz-Alter genutzt. Folgender Dialog unter Kommentatoren dient dafür als Beispiel: Rastasafari äußert seinem Diskussionspartner gekkox gegenüber Verwunderung darüber, von diesem geduzt worden zu sein – "Wir duzen uns?" Darauf antwortet gekkox: "Ja, wir duzen uns. Das ist im Internet üblich." Tatsächlich duzen "junge" Medien wie Buzzfeed ihre Leser grundsätzlich, und auch gesetztere Medienmarken, die in ihren traditionellen Kanälen das Sie pflegen, duzen ihre Leser in den sozialen Medien, wie etwa das ZDF auf Twitter oder die Welt auf Facebook.

 

Manche mit Du angesprochene Leser fühlen sich davon aber nicht einfach nur irritiert, sondern persönlich angegriffen. Als Beispiel dient die Reaktion von Peter Beagle: "Ich kenne Sie nicht persönlich, also kann ich mit Gewissheit ausschließen, dass wir uns jemals auf ein 'Du' geeinigt haben." Und wirklich erweist sich das in der ZEIT-ONLINE-Community gepflegte Sie als durchaus vorteilhaft. Eine sachliche Debatte wird nicht zuletzt durch höfliche Umgangsformen getragen. Distanziertheit hilft dabei, sich von persönlichen Angriffen nicht getroffen zu fühlen, und gute Argumente überzeugen auch, ohne dass man eine vertrauliche Nähe herstellen müsste.

Fühlen Sie sich gestört, wenn Sie geduzt werden oder schätzen Sie die persönliche Note? Ist die Wahrung der Sie-Form ein Zeichen von Wertschätzung oder ein Anachronismus? Welchen Einfluss hätte es auf das Kommentarverhalten, wenn das Duzen das Siezen ablösen würde?