Bis zu zwanzigmal wechseln diese Fallschirmspringer innerhalb einer Sprungphase die Formation. © Joachim Priedemann/dpa

A. und ich haben uns vor 13 Jahren in Tokio kennengelernt. Zwischen uns lief schon etwas, von dem wir noch nicht wussten, was es werden würde, als er für einen Monat Arbeit nach Frankreich flog. Ich wusste, dass ihn da gleich drei ehemalige Liebhaberinnen erwarten würden, aber wir waren ja noch nicht gebunden. Das gab mir noch mehr Freiheit, Tokio so frei zu erforschen, wie ich es ohnehin wollte.

Als er zurückkam, stellten wir beide keine Fragen, weil es einfach nicht nötig war. Was auch immer in der Zwischenzeit passiert war, es hatte mit uns beiden nichts zu tun. Da wusste ich, dass die Verbindung zwischen uns etwas Besonderes war: echtes Vertrauen und große Freiheit. 

Irgendwann sagte mir A., dass er mich liebt, und ich bin stinksauer geworden. Ich war doch nicht nach Japan gekommen, um mich festzulegen, nachdem ich vorher eine Langzeitbeziehung nach der anderen absolviert hatte. Ich hatte das Gefühl, zu einer Entscheidung gezwungen zu werden. Entweder ich sagte "ich liebe dich auch", dann war ich gefangen, oder ich sagte "nein danke", dann war alles aus. Als ich ihm meinen Ärger unsanft entgegenschleuderte, wurde er, der nie seine Fassung verliert, wirklich wütend, und sagte: "Du checkst es nicht! ICH liebe dich. Was auch immer DU machst, hat damit nichts zu tun."

Das war ebenso schockierend wie befreiend für mich. Wir haben zwei Monate später geheiratet. Jemanden an meiner Seite zu wissen, der alle meine Freiheitswünsche akzeptiert und auch selber seine Freiheiten lebt, dabei aber liebender, unterstützender Partner bleibt mit all dem, was es bedeutet – was für ein Geschenk!

Wir hatten schon herrlichen Gruppensex mit unseren besten Freunden in Tokio und mit Fremden bei Tantra-Workshops. Ich hatte auch eine längere Parallelbeziehung mit einer Frau. Es gibt keine Standards oder Regeln, an die wir uns halten könnten. Was geht und was nicht, muss immer wieder neu erfühlt und erlaubt werden.

Nach der Geburt unseres zweiten Kindes waren wir mal auf einer Party, fingen gemeinsam an einen fremden Mann zu massieren, und nach wenigen Minuten fand ich mich auf einem Podest wieder, wo ich quasi im Rampenlicht genommen wurde. A. hatte dazu keine Lust und massierte jemand anderen. Später gingen wir lachend gemeinsam zurück zu unseren schlafenden Kindern. An anderen Tagen hätte es uns das Herz gebrochen, den anderen auch nur beim Flirten zuzuschauen.

Wir fühlen uns nicht immer gleich sicher, geliebt und geborgen. Wenn der eine nach Abenteuern schreit und der andere nach Sofa, knirscht es schon mal. Wenn man gerade übernächtigt und mit kranken Kindern im Bett liegt, ist das vielleicht nicht der beste Moment, um sich für den nächsten "Explore your Sexuality"- Workshop anzumelden. Oder eben doch.

Es gibt immer wieder Zeiten, in denen die Beziehung nicht so rund läuft und das Vertrauen bröckelt. Meistens liegt es einfach daran, dass jeder seinem eigenen Leben nachgeht und wir nicht so viel zusammen machen. Was fehlt, ist dann meistens gar nicht unbedingt gemeinsame Zeit, sondern die richtige Aufmerksamkeit und Intention. Wenn die da ist, stimmt alles. Wenn nicht, dazu das Sexuelle daheim nicht so traumhaft läuft und dann noch etwas außerhalb passiert, dann läuten die Alarmglocken und es wird höchste Zeit, wieder für mehr Nähe in der Beziehung zu sorgen. Ganz und ausschließlich für den anderen da zu sein, bis die Basis wieder wirklich sicher ist.

Ich verliebe mich sehr gern. Leidenschaftlich. Und intensiv. Die Begriffe "Liebe" und "verliebt sein" bedeuten ganz unterschiedliche Dinge für Menschen. Manche sagen, sie wissen gar nicht, was Liebe ist, oder lieben nur eine Person. Das ist Definitionssache. Ich liebe meine Eltern, Geschwister, meinen Mann, meine Kinder, meine Freunde – viele Menschen, und jeden ganz anders. Manche liebe ich für die Geschichte, die uns verbindet, die gemeinsame Zeit, ihre Gedanken, ihren Humor, ihre Loyalität. Und manche liebe ich für ihre sexuelle Anziehung, aus der sich oft eine langfristige Freundschaft entwickelt.

Nach einem neuen Abenteuer erfährt mein Partner meistens davon. Entweder weil er es von sich aus merkt, oder weil ich es aus lauter Begeisterung erzähle. Fragen tut er eigentlich nie. Ich frage ihn aber manchmal nach seinen Geschichten. Er ist dann überrascht und erzählt nur wenig, aber mit einem kleinen Funkeln in den Augen. Das gefällt mir.

Einmal war ich nach einer Geschäftsreise total daneben, hatte Sehnsucht nach dem fremden Land und der neuen Liebe, die ich dort kennengelernt hatte. Erzählen wollte ich nichts. Ich hatte keine Lust auf A. und wollte einfach nur zurück. A. blieb ruhig, ganz er selbst und wartete ab, bis ich nach einem Monat wieder auf ihn zuging. Dieses tiefe, gegenseitige Vertrauen in Anspruch nehmen zu dürfen, ist ein großes Glück.

Solange man mit dem anderen verbunden bleibt, ist alles möglich, glaube ich, aber gerade diese Verbindung ist ja die Kunst. Wie hält man den Kontakt bei so viel Leben? Dem Wahnsinn des Alltags, dem Stress der Arbeit, den Kindern und den ganz persönlichen Bedürfnissen? Uns hat Shiatsu, was wir in Japan zusammen gelernt haben, schon oft die Beziehung gerettet. Wenn sämtliche verbale Kommunikation versagt, legt sich derjenige hin, der noch fertiger ist als der andere, und wird eine Stunde lang massiert. Danach können wir sprachlos ins Bett plumpsen und haben doch wieder Nähe und Berührung geschaffen. Manchmal ist das schon genug.

In unserem Freundeskreis wissen manche von unserer offenen Beziehung, manche nicht. Ob wir davon erzählen, hängt vor allem davon ab, ob wir das Gefühl haben, dass die betreffende Person gerne offen über Beziehungen redet. Ich habe bisher ein wirklich negatives Erlebnis mit einer Freundin gehabt, für die meine sexuelle Offenheit eine Bedrohung bedeutete. Seit sie davon wusste, war ich in ihren Augen so etwas wie eine Sexbesessene, die immer und überall hungrig durch die Gegend streift, und sie hatte plötzlich Angst, ich könnte ihren Partner wollen. Mich hat das sehr verletzt. Ich habe es dennoch respektiert und aufgehört, mit ihrem Partner zu arbeiten.

Ansonsten erfahren wir erstaunlich gutes Feedback. Die meisten sind sehr entspannt, offen und neugierig. Sie freuen sich über die lustigen Seiten unserer Abenteuer, die wir mit ihnen teilen, und sehen uns als Ansprechpartner in allem, was Beziehung und Sexualität angeht. Mich freut es zu sehen, dass es Leute entspannt, über Sexualität reden zu dürfen, egal welches Beziehungsmodell sie persönlich bevorzugen.

Unser Sohn hat viele Freunde durch Kita und Nachbarschaft. Von allen dazugehörenden Eltern sind wir das einzige Paar, das noch zusammen ist. Ich finde, da haben wir was richtig gemacht.

Die Autorin schreibt unter Pseudonym. Ihr richtiger Name ist der Redaktion bekannt.