Das Image von Leserkommentaren ist so schlecht, dass es kaum für nötig befunden wird, genauer hinzuschauen. Weiß doch jeder, wie viel in den Kommentarbereichen gepöbelt und beleidigt wird, nicht wahr? Eine Umfrage unter Journalisten aus dem Jahr 2014 kommt zum Ergebnis, der Ton von Leserkommentaren sei rauer geworden. Kritische Stimmen zur vermeintlichen "Tastaturkotze" gibt es viele.

Selbst die Moderatoren, die bei ZEIT ONLINE die Kommentarbereiche betreuen, haben manchmal den Eindruck, den ganzen Tag über nur mit solchen Kommentaren konfrontiert zu werden. Und zwar immer dann, wenn die Themenlage zu polemischen Debatten einlädt. Ukraine-Konflikt, Flüchtlingspolitik, Religion, Terrorismus, Klimawandel, das sind Aufregerthemen, die ein erhöhtes Maß an verbaler Aggression hervorbringen. Aber dieser Eindruck lässt sich nicht verallgemeinern: Eine Woche lang haben die Moderatoren gezielt nach Beleidigungen Ausschau gehalten – und kaum welche gefunden. Dafür haben sie aber erkannt, dass nicht mit jeder Beleidigung auf die gleiche Weise verfahren wird.

Hart durchgegriffen wird, wenn sich Kommentatoren gegenseitig beleidigen, weil das erfahrungsgemäß in einem Pingpong aus wüsten Beleidigungen mündet, das Dritte abschreckt und die Debatte beendet. Auch die Beleidigung von Redaktionsmitgliedern wird entfernt. Als Teil der Redaktion kann sich ein Moderator schließlich in die Gefühlswelt eines angefeindeten Kollegen versetzen. Ist dagegen eine in der Öffentlichkeit stehende Persönlichkeit Gegenstand eines Übergriffs, sind die Moderatoren manchmal blind. Zum Beispiel, wenn Thomas Gottschalk als "Haribo-Clown" bezeichnet wird. Vielleicht weil von Prominenten grundsätzlich erwartet wird, Kritik und Respektlosigkeiten auszuhalten, als Preis des Ruhms. Vielleicht aber auch, weil sie ein Leserkommentar gar nicht erreicht, und weil es keine störenden Reaktionen darauf gibt. Kaum ein Kommentator beschwert sich über respektlose Äußerungen gegenüber Prominenten, aber jeder Kommentator beschwert sich, wenn er selber angegangen wird.

Beleidigungen sind oft unfertige Gedanken

Tatsächlich machen beleidigende, polemische oder menschenfeindliche Leserkommentare nur einen Bruchteil des Kommentargeschehens auf ZEIT ONLINE aus. Dennoch vergiften sie den Eindruck, der von Debatten im Netz bleibt. Umso wichtiger ist es, Beleidigungen nicht überzubewerten. Die aggressiven Kommentare von Trollen etwa werden häufig persönlich genommen und provozieren entsprechende Reaktionen, obwohl eigentlich klar ist, dass diese Kommentare keinen anderen Zweck als genau solche Reaktionen haben.

Oft sind beleidigende Kommentare auch nur unfertige Gedanken: Eine impulsive Reaktion auf einen Artikel oder einen anderen Kommentar, unüberlegt in Worte gefasst und abgeschickt. Mancher Verfasser meldet später seinen eigenen Kommentar als bedenklich, mit der Bitte an die Moderation, ihn zu entfernen und damit einen Anfall von Unbedachtheit ungeschehen zu machen. Die meisten Beleidigungen sind die negative Klimax einer Diskussion, die oft sachlich beginnt, in deren Verlauf allerdings das Verständnis und der Respekt für die Gegenseite verloren gehen. Das Gefühl, nicht verstanden zu werden, auf ein verschlossenes Tor einzureden, das sich trotz aller Bemühungen nicht für die eigenen Argumente öffnen mag, treibt Kommentatoren an einen Punkt, an dem sie Zweifel an der Intelligenz des Diskussionspartners äußern. Dabei vergessen sie häufig ihre Manieren, nicht aber ihre Kreativität, wenn es darum geht, verbale Ausfälle den Moderatoren gegenüber zu rechtfertigen: "Ich habe meinen Mitkommentatoren nicht beleidigt. Ich habe ihn lediglich auf seine Dummheit aufmerksam gemacht."

Beleidigungen in Kommentaren zeigen, wie ernst Leser die Debatten nehmen, wie nahe ihnen Themen gehen können. Dass es nicht noch polemischer zugeht, mag Kritiker von Leserkommentaren wundern, hat aber einen logischen Grund: Ernsthafte Kommentatoren wissen, dass Beleidigungen eine Debatte behindern oder ganz beenden. Leser, die ausfällig werden, schließen sich selbst aus der Diskussion aus – denn wer will schon mit jemandem diskutieren, wenn er dabei beschimpft wird?