Wie viele Mitglieder der ZEIT-ONLINE-Community weiblich und wie viele männlich sind, ist nicht bekannt. Nur wenige Community-Mitglieder füllen ihre Profile aus, und bei den meisten Profilnamen handelt es sich um Pseudonyme. Es gibt zwar geschlechtsspezifische Namen, aber hinter Frank kann sich auch Franka verbergen. Vielleicht will Franka ihre Mitkommentatoren bewusst hinters Licht führen. Vielleicht hat sie sich aber auch einfach keine Gedanken darüber gemacht, ob ihr Profilname als geschlechtsspezifisch empfunden werden soll.

Wer männlich oder weiblich ist, erschließt sich in der Regel nur, wenn eine Debatte geschlechterspezifische Positionen thematisiert und Kommentatoren folglich ihr eigenes Geschlecht im Kommentarbereich preisgeben. Aber selbst da kann man nicht sicher sein. In Einzelfällen wechseln Kommentatoren sogar ihr Geschlecht, wie der Fall eines Kommentators zeigt, der sich als Mann in einer Genderdebatte feminismuskritisch geäußert hatte und dann plötzlich als Frau auftrat, die als Verfechterin eines traditionellen Rollenbildes "ihrem Mann" unterstützend beipflichtete.

Die Frage "Sind Sie Mann oder Frau?" ist deshalb unter Kommentatoren eine häufig gestellte, beziehungsweise ein beliebtes Ratespiel. Da spricht das eine Community-Mitglied ein anderes mit Benutzervornamen "Mary" zwar als Frau an, setzt aber dazu, "auch wenn ich hinter ihrem Nick eher einen Mann vermute". Die angesprochene Leserin fasst das als Kompliment auf: "Danke für die Blumen! Muss Sie aber ent-täuschen, (m)ein Mann postet hier nicht."

Aber warum ist es überhaupt so wichtig, das wahre Geschlecht von Kommentatoren auszumachen, wenn das für die Debatte selbst doch unerheblich ist? Weil das Geschlecht eben immer noch als vorrangiges identitätsprägendes Merkmal gewertet wird. Wenn ich schon nichts über mein Gegenüber weiß, gibt mir zumindest das Geschlecht ein bisschen Orientierung. Andererseits ermöglicht das Nichtwissen eine unvoreingenommene, prägungsfreie Sicht auf Argumente.

Aber ist es abgesehen von inhaltlichen Hinweisen überhaupt möglich, das Geschlecht von Kommentatoren anhand ihres Schreibstils auszumachen? Schreiben oder argumentieren Männer anders als Frauen? Die Literaturwissenschaft kennt das "weibliche Schreiben" sogar als eigenen Typus. Im 19. Jahrhundert, als Autorinnen noch unter männlichem Pseudonym publizieren mussten, sollte der Unterschied zwischen weiblichem und männlichem Sprachstil möglichst nicht auffallen. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts prägten Autorinnen wie Virginia Woolf und Christa Wolf eine "weibliche Ästhetik". Zwar herrscht keine Einigkeit darüber, ob die Unterscheidung zwischen "weiblichem" und "männlichem" Schreiben wirklich trägt, aber in Gesprächssituationen gehen Frauen und Männer durchaus unterschiedlich mit Sprache um. Die Sprachwissenschaftlerin Susanne Günthner fasst einige soziolinguistische Forschungsergebnisse in dem Sammelband Mitsprache, Rederecht, Stimmgewalt zusammen: Frauen brächten Gegenmeinungen zahm vor und kritisierten sich schneller selbst als männliche Kollegen, unabhängig von ihrer gesellschaftlichen oder beruflichen Position.

Auch verschiedene Studien über Kommentarverhalten im Internet attestieren Frauen Zurückhaltung in Onlinedebatten. Laut einer Studie von März 2015 (erarbeitet vom Leibniz Institut für Sozialwissenschaften, der ETH Zürich und der Universität Koblenz) wird das freie und nutzergenerierte Onlinelexikon Wikipedia vornehmlich von Männern gestaltet. Um das herauszufinden, untersuchten die Sozialwissenschaftler Wikipedia-Texte auf Schlagworte. Fazit: Frauen werden auf Wikipedia anders dargestellt als Männer. In Biografien über Frauen tauchen öfter Worte wie "Frau", "weiblich" oder "Dame" auf. In Männerbiografien werden die männlichen Pendants seltener erwähnt. Für die Wissenschaftler lässt dies den Schluss zu, die Wikipedia-Autoren werteten das Männliche unbewusst als das etablierte Geschlecht, als Standard, von dem die Unterscheidung gemacht werden muss.

Machen auch Sie ein geschlechtsspezifisches Kommentarverhalten in dieser Community aus? Erkennen Sie am Stil eines Kommentars, ob sein Urheber Mann oder Frau ist, und was sind für Sie geschlechtsspezifische Indizien? Stellen Sie sich das Geschlecht eines Kommentarurhebers vor, wenn Sie auf einen Kommentar antworten?