Auch eine Art Beziehungsnetzwerk: ein Polyamid-Molekül © SSPL/Getty Images

Vor fast vier Jahren hat mich Theresa Bäuerlein für ZEIT ONLINE zu meinen Erfahrungen mit Polyamorie interviewt. Seitdem hat sich viel in meinem Beziehungsleben getan, und auch in den Medien hat die Polyamorie an Bedeutung gewonnen. 

Kurzer Rückblick: 2009 bin ich in meine allererste polyamore Beziehung geschlittert, die daraus entstand, dass mein damals bester Kumpel Martin und ich uns in dieselbe Frau, Sarah, verliebten – die umgekehrt auch Gefühle für uns beide hatte. Das lief lange Zeit auch überwiegend gut, und ab 2011 kamen dann jeweils auf meiner und Martins Seite neue Partnerinnen hinzu. Aus drei wurden im Abstand weniger Monate erst vier und dann fünf. Und auch diese fünf waren noch nicht das Ende vom Lied, denn es ist ja logisch: Je mehr Menschen im eigenen Beziehungsnetzwerk vorhanden sind, umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass irgendjemand eine neue spannende Person kennenlernt. 

In dieser Zeit machte ich viele schöne neue Erfahrungen. Mit zwei Menschen gleichzeitig zusammen zu sein, die voneinander wissen und sich gegenseitig mögen, ist toll. Vielleicht ist das für Personen, die es nie erlebt haben, nicht nachvollziehbar, aber es gibt einem in den schönsten Momenten ein Gefühl von Gemeinschaft, von Einheit, von sehr großer Fürsorge in der Gruppe. Es fühlte sich manchmal so an, als hätte ich meine Wunschfamilie oder mein Nest gefunden.

Leider projizierte ich damals zu viel von diesem Gemeinschaftsgefühl auf die anderen, ohne dabei zu merken, wie unterschiedlich die Interessen waren. Infolgedessen kam es unter anderem zu schweren Verwerfungen zwischen mir und Martin, was ich bis heute sehr bedaure. Ich wurde immer verunsicherter, versuchte wie ein kleines Kind Druck aufzubauen um die Realität an die Beziehungsstruktur in meinem Kopf anzupassen, forderte Aufmerksamkeit ein und wurde dadurch für die anderen noch anstrengender auszuhalten. Wir gaben uns alle sehr viel Mühe miteinander, versuchten offen über unsere Wünsche und Bedürfnisse zu kommunizieren – aber dabei wurde immer deutlicher, wie inkompatibel diese waren. Auch die Unterstützung aus unserem gemeinsamen Freundeskreis konnte daran nichts ändern. Ich bin heute weder mit Sarah noch mit der erwähnten damals neuen Partnerin zusammen, bin nicht mehr Teil ihres Beziehungsnetzwerks. 

Trotz alledem war ich zu keinem Zeitpunkt single: Parallel zu dem Ende dieser Beziehungen lernte ich Maria aus Berlin kennen und begann eine Fernbeziehung mit ihr. Sie unterstützte mich sehr in dieser Zeit. Zudem machte ich etwa ein Jahr lang eine Psychotherapie, um das Erlebte zu verarbeiten. Meine Beziehungen rettete das nicht, aber Maria fing mich auf, als sich Sarah und ich schlussendlich trennten. Das hat mir sehr gut getan, denn genauso großartig, wie es ist, mit mehreren Partnerinnen bzw. Partnern gleichzeitig zusammen zu sein, ist es auch enorm schmerzhaft, nicht nur eine vormals nahestehende Person zu verlieren, sondern fast das gesamte eigene Beziehungs- und auch Unterstützungsnetzwerk. Ich war gewissermaßen hoch geflogen und umso tiefer gefallen.