Ich* solle heute besser nicht mehr aus dem Haus gehen. Meine Freundin Özgül am Telefon sagt, sie wisse auch nicht genau warum, aber eine Bekannte habe ihr dasselbe geraten. Die Pläne für diesen Freitagabend können wir wohl vergessen. Fernsehen statt Drinks in der Stadt, wahrscheinlich mal wieder wegen einer Bombendrohung. Seit Monaten gibt es die ständig in Istanbul. Das Telefon klingelt erneut. Diesmal ist meine Freundin Megan dran, die fünf Minuten weit weg wohnt. Eine Bekannte habe gesehen, dass das Militär mit Panzern die Bosporusbrücke blockieren würde. Auf Facebook würde es auch stehen. 

Ernsthaft? Vielleicht ein Antiterroreinsatz, denke ich. Aber wieso ist dann das Militär im Einsatz und nicht die Polizei? Überall in der Stadt sollen bewaffnete Soldaten sein, sagt Megan. Das Militär sperre Regierungsgebäude auch in der Hauptstadt Ankara ab und stelle sich der Polizei entgegen. Das Wort Putsch – darbe – fällt.

Ich werde nervös. An die Terroranschläge und Bomben der vergangenen Monate habe ich mich fast schon gewöhnt. Selbst irgendwie daran, dass es mich, meine Familie oder Freunde treffen könnte. Ende Juni erst gab es einen Anschlag auf den Flughafen, mehr als 40 Menschen starben. Aber ein Militärputsch? Das wirkt auf einmal akut bedrohlich. Klar, die Türkei hat schon mehrere erlebt, ich bin aber in Deutschland aufgewachsen, lebe erst seit drei Jahren im Land und kenne so etwas eigentlich nur aus den Nachrichten oder aus Filmen und Büchern.

Stürmen Soldaten nun Wohnungen?

Ich rufe meinen Mann Ömer an, der einen Freund besucht. Er hat noch nichts mitbekommen, hält meine Warnung vor dem Militär zunächst für einen Scherz. Ich bin verwirrt. Stimmt gar nicht, was Freunde sagen und auf Facebook steht? Vor die Tür traue ich mich nicht. Es ist halb zehn Uhr, Ömer sagt, er sei gleich zu Hause.

Ich laufe in der Wohnung auf und ab, kann nicht glauben, was da draußen passiert. Im Fernsehen gibt es noch keine Sonderberichte. Was geht wirklich vor? Stürmen Soldaten nun Wohnungen, und wenn ja, von wem? Auf wessen Seite sind sie? Seit Monaten schon gibt es wieder Auseinandersetzungen zwischen der Regierung und vielen Kurden im Land, etwa mit der kurdischen Partei HDP. Ömer und ich machen uns Sorgen deswegen, und auch darüber, wie Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan seine Macht ausbaut und zunehmend autoritärer wird. Doch das Militär hörte bislang auf ihn.

Ich rufe meinen Bruder Jan in Berlin an. Er erzählt mir von Eilmeldungen auf den deutschen Nachrichtenseiten. CNN und andere Sender würden live berichten und ebenfalls Soldaten auf der Bosporusbrücke in Istanbul melden. Jan meint, ich solle in der Wohnung bleiben. Wo soll ich auch hin? Uns fällt die deutsche Botschaft in meiner Nähe ein. Jan sagt, ich solle auf Ömer warten, unsere Pässe rausholen und bereit sein zur Botschaft zu rennen. Aber Ömer sei kein deutscher Staatsbürger, sage ich. Aber ihr seid verheiratet, sagt Jan. Wir legen auf, wollen uns melden, wenn wir mehr wissen.

Ich halte es nicht aus in der Wohnung und gehe auf unsere Dachterrasse, betrachte die Stadt. Alles ruhig. Von hier aus sind es etwa fünf Kilometer zur Bosporusbrücke, in die Innenstadt nicht mal vier. Sind da in der Ferne gerade Schüsse gefallen? Ich weiß es nicht. Zurück in der Wohnung sehe ich im Fernsehen erste Berichte. Die meisten Sender haben ihr Programm unterbrochen. Breaking News. Bilder von der Bosporusbrücke. Tatsächlich: Panzer und Soldaten.

Türkei - Die Türkei seit dem Putschversuch Wie hat sich die Türkei seit dem Putschversuch vor einem Jahr verändert? Ein Videoüberblick zu den Themen Menschenrechte, Wirtschaft und Europa. © Foto: Adem Altem, AFP/Getty Images

Ömer kommt zur Tür rein, endlich. Er ist die Ruhe selbst. Er habe keine Soldaten auf dem Weg nach Hause gesehen. Falls er Angst hat, lässt er sich nichts anmerken. Ömer ist im kurdischen Teil der Türkei aufgewachsen, vielleicht liegt es daran. Militär gehört dort zum Stadtbild. Und als Kind erlebte er selbst, wie bewaffnete Offizielle auch die Wohnung der Eltern durchsuchten – auf der Suche nach Anhängern der kurdischen PKK, die als terroristische Vereinigung gilt. Diese Männer handelten damals im Auftrag der Regierung, nun scheinen da draußen Soldaten zu sein, die die derzeitige stürzen wollen.

Der Putsch wird zu unserem Fernsehabend. Bis in den frühen Morgen hinein wird nur der Bildschirm in unserer Wohnung flimmern. Vor Mitternacht ändert sich plötzlich die Berichterstattung des staatlichen Senders TRT. Die Sprecherin liest eine Erklärung vor, ist sichtlich mitgenommen. TRT? Das Studio ist nur wenige Kilometer entfernt, denke ich. Das Militär sehe die Demokratie bedroht und sei hier, um sie wieder herzustellen, liest die Sprecherin vor. Mit ihr im Studio: Männer in Militäruniformen.