Projekt Links Rückkehr der Utopie
Deutschland spaltet sich, politisch wie ökonomisch. Einer neuliberalen Elite stehen die Verlierer der gesellschaftlichen Veränderung gegenüber. Die wählen neuerdings auch links. Entsteht eine politische Kraft?
Voraussichtlich 230.000 Billigautos werden die Deutschen im kommenden Jahr kaufen. Keines von ihnen kostet mehr als 10.000 Euro. Gleichzeitig meldet Porsche wachsende Verkaufszahlen und plant ein viertüriges Sportcoupé, das in der Grundversion wohl 70.000 Euro kosten dürfte. Volkswagen-Chef Bernd Pischetsrieder vergleicht den deutschen Automobilmarkt mit einer Sanduhr: Oben wachsen die Umsätze der teuren Premiummarken, unten die der preiswerten Kleinwagen. Mittelklassewagen hingegen sind out. Des Deutschen liebstes Kind: ein Indiz sich wandelnder Verhältnisse.
Die Gesellschaft verändert sich, und mit ihr die politische Landschaft. Die Bundestagswahl hat es gezeigt: Gewonnen haben angeblich alle. Doch mehr Wählerstimmen als in der Vergangenheit haben nur zwei Parteien bekommen, die Freien Demokraten und die Linkspartei. Die ersten stehen für einen wirtschaftsliberalen Kurs, die zweiten wollen einen demokratischen Sozialismus. Wahlforscher sagen zudem, die Bürger hätten diesmal weniger Personen, dafür umso mehr Programme gewählt. Die politischen Lager driften auseinander, selbst wenn noch rund siebzig Prozent für die beiden Volksparteien stimmten.
Zwei Zahlen, entnommen dem Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, korrespondieren mit diesem Wahlergebnis: Zehn Prozent der Deutschen besitzen knapp die Hälfte des gesamten Nettovermögens des Landes. Zehn Prozent der Deutschen besitzen: nichts. Die Republik teilt sich auch ökonomisch. Es entsteht eine neue Schicht der Besitzlosen, der Niedriglöhner und Arbeitslosengeld-II-Empfänger genauso wie der gescheiterten Mittelschichtler.
Die Ungeichheit wächst, und sie beschränkt sich nicht auf Arbeitslose oder jene, der vor Hartz IV Sozialhilfe bezogen. Im März zählte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung drei Millionen Erwerbstätige, die unter der Armutsgrenze leben. Das sind fast anderhalb mal soviele wie vor zwölf Jahren. Der Frankfurter Ökonom Holger Stein beobachtete, dass die durchschnittlichen Nettovermögen von Arbeiterhaushalten in den achtziger und neunziger Jahren zwar wuchsen, jedoch langsamer als die Vermögenswerte insgesamt. Immer mehr Menschen machen die Erfahrung, dass Nachbarn und frühere Kollegen ihnen auf dem Weg nach oben enteilen. Mit der Ungleichheit wächst die Angst. Die Deutschen fürchten - in dieser Reihenfolge - Inflation und Verteuerung, die Verschlechterung der Wirtschaftslage, eine steigende Arbeitslosigkeit, stellte eine Studie der R+V-Versicherung im September fest.
Augenscheinlich zerfällt die oft beschworene "nivellierte Mittelstandsgesellschaft". So beschrieb der Soziologe Helmut Schelsky die Deutschen in den fünfziger Jahren. Auch andere Sozialforscher hatten die Bundesrepublik jahrzehntelang als "Aufstiegsgesellschaft" skizziert, in der zwar nicht alle reich wurden, jeder aber sicher sein konnte, in zehn Jahren mehr zu besitzen als heute. Von den fünfziger bis in die achtziger Jahre verfünfzehnfachte sich das reale Volkseinkommen. Weil die unteren Einkommensschichten davon eher mehr profitierten, enstand in der Bundesrepublik eine der egalitärsten Gesellschaften der Welt. Große Teile der Mittelschicht erleben gegenwärtig jedoch einen schleichenden Abstieg. Die Lebenslagen fallen auseinander und die Kluft zwischen "Drinnen" und Draußen" vergrößert sich stetig.
Nun haben beide gesellschaftlichen Pole ihren politischen Ausdruck gefunden. Hier die neuliberale Elite, dort die Verlierer der gesellschaftlichen Destrukturierung. Doch während sich die Konturen des liberalen Projekts scharf abzeichnen, verschwimmen die Grenzlinien der Linken. Gibt es überhaupt ein neues "Projekt links", das mehr ist als eine Ansammlung aus ehemaliger DDR-Elite und einigen Schwärmern aus dem alten Westen?
ZEIT online
will dieser Frage in den kommenden vier Wochen nachgehen. Wer denkt links? Was für linke Lebenswelten und Milieus existieren und welcher Einfluss geht von ihnen aus? Entsteht tatsächlich eine neue Kraft, oder sehen wir ein medial aufgebautes Trugbild?
8,7 Prozent. Das ist der Anteil, den die Linkspartei bei der Bundestagswahl gewonnen hat. Mit Recht sehen viele in ihren Protagonisten rückwärtsgewandte Populisten. Dennoch kehren mit der Linkspartei lange verschüttete Ideen aus der linken Gedankenwelt wieder und erschrecken das politische Establishment. Man könnte auch sagen: Normalität hält Einzug. Denn was die politische Debatte in fünfzig Jahren Bundesrepublik geprägt hat, ist der Wettbewerb um die beste Vision einer guten Gesellschaft. Erschöpften sich Konservativismus und Sozialdemokratie vordergründig in Diskussionen um Steuern, Rente, das Bildungssystem oder die Ostpolitik, standen dahinter doch immer konkurrierende Bilder eines besseren, erstrebenswerten Lebens für alle.
Doch mit dem Sturz der realsozialistischen Staaten und dem voreilig verkündeten Ende der Ideologien haben die etablierten Parteien ihr Ziel aus den Augen verloren. Der Göttinger Politologe Franz Walter schrieb
in der
ZEIT
(23/05)
, die rot-grüne Regierung sei schon 1998 von der gesellschaftlichen Entwicklung überholt worden: "Die achtziger Jahre wurden zum schönsten Jahrzehnt rot-grüner Mentalitäten. In diesem Jahrzehnt legte sich das Land die vielen Fahrradwege zu, feierte multikulturelle Stadtteilfeste, demonstrierte für Frieden. Als Rot-Grün dann, zudem noch mit acht Jahren Verspätung, 1998 an die Macht gelangte, waren die gesellschaftlichen Unterströmungen der achtziger Jahre in alle Poren der Gesellschaft eingezogen und hatten ihre zuvor noch polarisierenden Eigenschaften verloren."
Die politische Mitte war breit wie nie geworden. Lediglich einige ströbelsche und schreinersche Irrlichter lockten noch auf ungewisse Pfade. Doch niemand folgte ihnen. Dafür bekam es die Regierung Schröder/Fischer mit Aufgaben zu tun, auf die sie keineswegs vorbereitet war: ein schwankender Sozialstaat, die Haushaltskrise, eine beständig wachsende Arbeitslosigkeit und anhaltende Wirtschaftsschwäche. Was folgte, war ein radikaler Pragmatismus - und bald schon die Erkenntnis, dass es solcher Politik an Sinn, Zielen und Orientierung fehlt. Seither tut sich eine Leerstelle auf.
Die füllt sich auf der einen Seite mit den Idealen des so genannten Neoliberalismus, der sich einer wachsenden Anhängerschaft erfreut. Statt politischen Vordenkern bestimmen hier Ökonomen mit ihren Theorien die gesellschaftliche Debatte. Zuletzt wurde sogar der Steuerexperte Paul Kirchhof zur Instanz in der Familienpolitik. Auf der anderen Seite spürt man einen linken Gegenschwung - jedenfalls im Wählerverhalten. Denn dass die Hälfte der Deutschen nicht für CDU, CSU oder FDP stimmte, zeigt, wie viele Menschen sich offenbar auch ein Wirtschafts- und Gesellschaftssystem vorstellen können, das nicht angelsächsisch geprägt ist. Doch es zu formulieren hat noch niemand gewagt und in den Reihen der Soziologen und Politologen herrscht beredtes Schweigen.
Was bedeutet es also, heute links zu denken? Die Berliner
Tageszeitung
kommt auf 16 Seiten zu einem so wenig neuen wie erstaunlichen Ergebnis: Links sein heißt danach solidarisch sein, den Ausgleich zwischen Reich und Arm suchen, Widerstand leisten gegen soziale Ungerechtigkeit und Unterdrückung, aufklären, sich emanzipieren. Reicht das als Antwort? Ja, weil die Grundanliegen linker Politik seit ihren Anfängen die gleichen geblieben sind. Nein, weil der politische Begriff "links" im Laufe der Geschichte eine Vielzahl immer neuer Konnotationen erhalten hat. Diejenigen, die 2005 gelten, sind noch nicht benannt.
Deshalb präsentiert sich linke Politik gegenwärtig vor allem im Sinne der Linkspartei und damit als Anspruchspolitik. Im Westen hat das viel mit dem Lebensgefühl der sozialen Gleichheit in der alten Bundesrepublik zu tun. Der Aufstieg aller führte dazu, dass links keine materielle Kategorie mehr war, sondern eine moralische. Man war gegen die Abschiebung von Asylbewerbern, gegen Atomkraft, gegen Obst aus Südafrika. Noch heute heißt Linkssein oft, nur negative Antworten auf die Frage zu geben, wie eine gerechte Welt möglich sei. Die wenigen wirklich Armen standen und stehen dagegen jenseits des linken Denkens. Sie hatten nie eine wirksame politische Lobby. Nicht in der Sozialdemokratie, nicht in den Grünen.
Stattdessen glaubten die Sozialdemokraten in den späten neunziger Jahren sogar, den Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit endgültig aufheben zu können, indem Arbeiter und Angestellte durch den Kauf von Aktien selbst zu Unternehmern werden. So sollten sie sich entscheiden können, was sie wollen: Lohn oder Aktiendividende. Das sollte frei machen, frei auch vom Staat. Doch aus der Idee vom "Du bist frei und kannst vorsorgen" ist ein "Sieh zu, wie du alleine zurecht kommst" geworden.
Das tun Arbeiter, Angestellte und Erwerbslose nun, und die Lösungen
sind individualistisch. Seit Beginn der achtziger Jahre steigt die Zahl
der Selbstständigen, vor allem die der "Ein-Personen-Gesellschaften".
Andere schließen sich zu kleinen Gruppen zusammen, die sich dem
klassischen Wirtschaftstreiben entziehen, wie beispielsweise die
Sozialistische Selbsthilfe Mülheim
.
Wieder andere richten sich ein in Arbeitslosigkeit, staatlicher Hilfe,
Schulden, manchmal Schwarzarbeit. Die Sozialdemokratie erreicht diese
Kreise kaum noch. Die Gewerkschaften auch nicht. In ihnen organisieren
sich die wenigsten Arbeitslosen oder Scheinselbstständigen, auch nicht
das Heer derer, die in so genannten prekären Arbeitsverhältnissen
beschäftigt sind.
Könnte die Linkspartei ein neuer Organisationsort werden? Manche Ortsverbände der WASG sind es. Und Hartz IV führt viele sehr verschiedene Lebenslagen wieder unter einem Dach zusammen. Doch im Osten ist die PDS eine linkskonservative Partei geworden. Sie sammelt jene ein, die noch immer nicht mit dem Staatssozialismus abgeschlossen haben und bildet eine Plattform für alte DDR-Eliten. Linksdemokratische Ideale pflegt sie nicht. Dafür kultiviert die Partei vielerorts noch ein gutes Stück Systemfeindschaft. Zudem fehlt einer linken Bewegung in Ostdeutschland die Basis. Die Arbeiterschaft wählt hier seit 1990 durchgängig CDU. Und sie folgt Grundsätzen, die vielen Linken konträr entgegenstehen: Flächentarifverträge beispielsweise gelten unter Ostdeutschen als nichts Gutes.
Auch den sozialen Bewegungen gelingt es derzeit nicht, einen neuen Gesellschaftsentwurf zu formulieren. Als im Frühjahr des Jahres das Sozialforum in Erfurt stattfand, sollten dort "Alternativen für eine solidarische, demokratische, ökologische, nicht-patriarchale und sozial gerechte Gesellschaft" erarbeitet werden. Nicht einmal Grundrisse eines solchen Projekts kamen zustande. Selbst Attac entwickelte keine Deutungsmacht mehr.
Ist die linke Gegenkraft also eine Chimäre? Zumindest hat das Nachdenken über linke Utopien wieder begonnen. Und nach Jahren des Pragmatismus finden sich wieder Menschen, die sich für ein abstraktes Ziel begeistern können.
- Datum 07.08.2007 - 11:24 Uhr
- Quelle © ZEIT ONLINE, 13.10.2005
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Sinistro:
Es war eine Naturwissenschaft - die Physik -, die herausgestellt hat, dass der Beobachter eine entscheidende Rolle bei der Beobachtung spielt, mithin Wissenschaft sich schlechterdings mit dem auseinandersetzen kann, was "ist". Die Beobachtung sagt mehr aus über den Beobachter als über das Beobachtete, sie sagt immer etwas darüber aus, was in den Augen des Beobachters sein sollte.
Nun können wir die Rolle des Beobachters noch ausweiten, ja auf die Spitze treiben und festhalten, dass allein das Beobachten an sich den beobachteten Gegenstand verändern kann und somit letztendlich die Beobachtung unmöglich macht. Aber hilft uns das weiter? Hier?
Auch der Satz, daß die Beobachtung mehr über den Beobachter aussagt als über das Beobachtete, ist ein Allgemeinplatz, der erstens so nicht stimmt und zudem nichts sagt. Wenn ich jetzt beobachte, dass es draußen regnet, kann der Leser dieser Beobachtung natürlich Rückschlüsse auf den Beobachter ziehen: er wohnt oder arbeitet in einem Gebiet, in dem es am 20.10.2005 geregnet hat; er hat Zeit, nach draußen zu sehen; er ist wahrscheinlich nicht blind ......... All diese Dinge sprechen aber nicht dagegen, dass es regnet. Der Beobachter hat recht, egal, was er mit der Aussage von sich preisgibt. Es regnet tatsächlich.
Natürlich gibt es tendenziöse Wissenschaft, physikalische, chemische, ökonomische oder welche Disziplin auch immer. Natürlich kann ein Wissenschaftler versucht sein, seine Hypothese zu beweisen statt sie auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Spricht das denn gegen die Wissenschaft? Gegen die Sozialwissenschaft Nationalökonomie? Daß sie keine endgültigen Wahrheiten bietet, ist selbstverständlich, denn sonst gäbe es sie nicht mehr. Aber ist die Tatsache, dass eine Wissenschaft keine endgültigen Wahrheiten liefern kann, ein Grund, über ihre Erkenntnisse hinwegzugehen?
Der Kapitalismus ist eine zu einer praktizierten Wahrheit erstarrten Hypothese darüber, wie Wirtschaft funktionieren kann, an der sich Unternehmensvertreter, die längst neu denken müssten, zutiefst verunsichert festklammern. Welch ein Satz! Aber bitte: eine Hypothese wird zur anerkannten Wahrheit und dann auch noch praktiziert. Was wollen wir denn mehr? Weshalb werfen Sie nun das (negativ-) Wort erstarrt in die Debatte?
Die Hypothese, dass Antibiotika gegen Infektionen wirken, bewahrheitet sich und nun geben die Ärzte Antibiotika gegen Infektionen. Hypothese Wahrheit Praxis.
Daß die Begriffe Kapitalismus und Unternehmensvertreter in eine Satz gehören scheint Ihnen so selbstverständlich, dass Sie letztere auch noch mit dem Zusatz verunsichert und einem weiteren Vorwurf (die längst neu denken müssten und festklammern) versehen, damit das Feindbild auch recht deutlich wird.
Die Nationalökonomie ist eine Sozialwissenschaften und ihrem Zentrum steht der handelnde, entscheidende Mensch und nicht umsonst sind Spieltheoretiker - zuletzt in diesem Jahr - mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden. Die Nationalökonomie ist eine Disziplin, die mit möglichst wissenschaftlicher Methodik - im Gegensatz zu persönlich gefärbter Beobachtung und Logik an die Dinge herangeht.
Anders gesagt: Ökonomie ist im Grunde angewandte Psychologie des Menschen im Hinblick auf ökonomische Sachverhalte. Wenn die Quintessenz der ökonomischen Erkenntnisse die Erkenntnis ist, dass die effektivste Form des Wirtschaftens die Marktwirtschaft ist, dann heißt das, dass wir unsere Renten, Sozialkosten, Gesundheitskosten, Aus- und Weiterbildungskosten und vieles mehr am ehesten, leichtesten in einer Marktwirtschaft erarbeiten können.
Jeder Eingriff in diese effektivste Form des Wirtschaftens, die Marktwirtschaft, bedeutet eine Erschwernis für diejenigen, welche die Mittel für die oben erwähnten sozialen Leistungen erarbeiten, was wiederum das ökonomische resuultat dieser . Dem kann man sich nicht entziehen. Somit ist es denkbar, dass ab einer entsprechenden Interventionsintensität diese Leistungen eingeschränkt werden müssen, weil die Mittel hierfür nicht mehr erbracht werden.
Bitte sehr, man kann sich aus den unterschiedlichsten Gründen Interventionen unterschiedlichster Intensität in das Marktgeschehen denken. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt: Rasse, Hautfarbe, soziale Gerechtigkeit, Umweltschutz, Errichtung von Bürokratien, Begünstigung von Oligarchien oder Krieg sind nur Beispiele. Betrachten wir es wertfrei: Solche Eingriffe sind natürlich verbunden mit Einschränkungen der Wahlfreiheit und damit Einschränkungen der Freiheit eines Teils der Bevölkerung. Entsprechende Reaktionen müssen einkalkuliert werden. Schwere Eingriffe in das Marktgeschehen (USA in den 20er und 30er Jahren, Faschismus in Italien, Kommunismus in der UdSSR oder Nationalsozialismus in Deutschland) zeigten auch dementsprechend desaströse Ergebnisse. Andere Extrembeispiele sind derzeit zu beobachten: Simbabwe, Nordkorea und trotz sprudelnder Ölquellen in Zukunft wohl auch Venezuela.
Eingriffe in das Marktgeschehen sind nicht mehr als das und nicht als Alternative zum Markt anzusehen. Markt ist immer dort aktiv, wo die Wahlfreiheit nicht abgeschafft ist, wo der Mensch als handelndes Individuum existiert. Das ist die Alternative. Man kann versuchen, dies zu negieren, den Menschen umzuerziehen, ja abzuschaffen, landet aber dann doch in armseligen Zwangssituationen. Schreckliche Beispiele: Die roten Khmer, Vietnam. Manches diktatorische Oligarchensystem scheint allerdings nicht sehr viel besser zu sein. Armseligste Ergebnisse für die Ökonomie der jeweiligen Nation sind das Resultat, schreckliche Erlebnisse für die Menschen, die dort leben.
In der Linkspartei im Bundestag sehe ich nichts anderes als die Vertretung einer Interessensgruppe, die mehr Geld aus dem System holen will. Ein Konzept, eine Utopie, eine Alternative? Nein!
titopoli vermerkt:
"Soll solches vermieden werden, muß sich das linke Projekt den Gesetzmäßigkeiten der Ökonomie beugen. Ökonomie, richtig (was ist richtig?) betrachtet ist eine Sozialwissenschaft, die sich mit dem auseinandersetzt, was ist und nicht mit dem, was sein soll. Ähnlich der Naturwissenschaft: Wie die jetzt Linken mit die Ökonomie, hat auch die Kirche Probleme gehabt, das heliozentrische Weltbild zu akzeptieren." Soweit das Zitat.
Sprache konstruiert Wirklichkeiten, die Gefahr laufen, mit Wahrheiten verwechselt zu werden. Das linke "Projekt" soll sich Gesetzmäßigkeiten (heißt dies: unausweichbaren Wahrheiten) "beugen", da sich die Ökonomie mit dem auseinandersetze, was sei, und nicht mit dem, was sein solle. Als könnte man "objektiv" sagen, was "ist". Auch die Ökonomie ist eine Wissenschaft, die ohne den Beobachter und damit ohne seinen mehr oder weniger impliziten Hypothesen nicht auskommt. Es war eine Naturwissenschaft - die Physik -, die herausgestellt hat, dass der Beobachter eine entscheidende Rolle bei der Beobachtung spielt, mithin Wissenschaft sich schlechterdings mit dem auseinandersetzen kann, was "ist". Die Beobachtung sagt mehr aus über den Beobachter als über das Beobachtete, sie sagt immer etwas darüber aus, was in den Augen des Beobachters sein sollte.
Der Kapitalismus ist eine zu einer praktizierten Wahrheit erstarrten Hypothese darüber, wie Wirtschaft funktionieren kann, an der sich Unternehmensvertreter, die längst neu denken müssten, zutiefst verunsichert festklammern. Indem die Ökonomie den Kapitalismus zur einzigen Wahrheit macht oder meinungsführende Medien nur jene Vertreter der Ökonomie zu Wort kommen lassen, die dies tun, verhält sie sich genauso unflexibel, wie die Kirche, die das heliozentrische Weltbild nicht akzeptieren wollte - und wie der real existierende Sozialismus, der ebenfalls eine "Wahrheit" vertrat. (Im übrigen ist auch das heliozentrische Weltbild eine längst überholte Hypothese, auch die Sonne ist ebensowenig oder genauso viel der Mittelpunkt der Welt wie die Erde, da es diesen - nach derzeitigem Stand - nicht gibt)
Ebenso wenig vertritt natürlich die Linke die Wahrheit. Sie formuliert jedoch Antithesen zu der bislang als Wahrheit vertretenen und verkündeten Auffassung, zur derzeitigen Politik gebe es keine Alternative. Sie setzt dem "So ist die Welt, also beugt euch" (gemeint ist: "Ich will, dass ihr die Welt so seht wie ich, also bitte nichts anderes mehr denken") ein "Man kann es auch anders machen" entgegen, vertreten in einem zugegebnermaßen überspitzten "So soll es sein". Darum ist die Linke im Bundestag.
Die Chance des Bundestagswahlergebnisses ist im übrigen, dass nach den vielen verkündeteten Wahrheiten Politik wieder anders erzählt werden muss, ganz im Sinne von Skorpionspion, der das "Lagerdenken" für überholt hält.
In der vermeintlich besten aller Lebenswelten bleibt dem bedrängten und deklassierten Individuum, so die derzeit herrschende Meinung, höchstens noch verschämt Verbesserungsvorschläge ins Meckerkästchen einzuwerfen oder den selbstverständlich selbstverschuldeten Status quo zu akzeptieren.
In diesem Sinne fangen Sie konsequent mit einfachen Beschreibungen der ökonomischen Verhältnisse an. - Deutsche fahren kleinere und billigere Autos, weil sie sich die grösseren Karrossen nicht mehr leisten können. Tatsächlich ein Statusproblem der sogenannten Mittelschicht. - Dass die Einkommens- und Vermögensverteilung immer mehr ökonomische und vor allem soziale Unterschiede (siehe Bildung) produziert, bestreiten auch konservative Fachleute und Denker nicht mehr. Ihr Credo lautete bisher jedoch, es könne mit einem überzeugend hohen Gesamtwachstum der Wirtschaft gelingen, selbst die niedrigsten Einkommens- und Besitzverhältnisse noch menschenwürdig zu gestalten und die Menschen im beständigen Konsumprozess zu halten. Fortschrittliche Konservative sprechen sich daher sogar für Lohnersatzleistungen an jene aus, die als arbeitende Menschen nicht mehr gebraucht werden!-
Mit Macht gesichert, bleiben das Eigentum an Boden und Immoblien, das Erbe und grosse Geldvermögen.
Mittlerweile setzt, behäbig aber sicher, Nachdenklichkeit ein: Der materielle Ressourcenverbrauch, die Belastungen der Umwelt und damit einhergehend, sinkende oder gefährdete Lebensqualität, die ausbleibenden dauerhaften Erfolge neoliberaler und neokonservativer Entwicklungskonzepte, mit konstant zu niedrigen Wachstumsraten in den schon entwickelten Ländern und fortgesetzt massiver Ausbeutung in den Entwicklungsstaaten, stören natürlich nur dann jene von Ihnen beschriebenen 10% der Vermögenden und jene 15%, die glauben zu dieser Klasse dazuzugehören, wenn sie reale Furcht und Bedrohung verspüren, oder aber diffusen Verlustängsten ausgesetzt sind.
Wie zu den Gründerzeiten der Linken, ist ein wesentliches
Element ihrer Wirkung an den Grad des ausgelösten "gespenstischen Schreckens" gekoppelt, den die pure Existenz
linker Elemente auslöst. Solch simple Zusammenhänge haben z.B. der SPD nochmals, wider alle Erwartungen, die Regierungsbeteiligung eingebracht und andererseits den konservativen Kräften einige Zugeständnisse abgerungen. - Eine eigenständige neue, vor allem einige und mächtige, linke Position entsteht erst, wenn die Akteure Geduld und Beharrlichkeit aufbringen, den "Schrecken" zu organisieren.
Wenn es Ihnen gelingt, einige theoretische und praktische Neuanfänge ohne billigen Spott und ohne ideologische Scheuklappen aufzuzeigen, wird Ihr anspruchsvolles Projekt
ein voller Erfolg. Viel Glück.
Kultur- und Geistesarbeiter erklären gerne ihnen fremde Denk- und Handlungsanleitungen für tot. So starb des öfteren die Geschichte,so wurde die Diffenz von Rechts und Links zu Lechts und Rinks, so erklärte sich das naturwissen- schaftliche Gehirn als wahrhaft fortschrittlich und überlegen, so schworen Soziologen und Altbundeskanzler auf die Reduktion der Komplexität und forderten psychiatrische Betreuung für Visionäre.
Das neue linke "Projekt" setzt auf die Anerkennung der Komplexität und integriert ehemals rationalistische Ansätze
des Piecemeal. Ein Fortschritt, angesichts der Herrschaftsansprüche von Neoliberalen und Neokonservativen, die mit reichlich dünner Argumentation vermeinen auskommen zu können und solch alten Ladenhütern wie "Wille", "Stimmung", "Bekenntnis" wieder zu Glanz und Gloria verhelfen.
Meiner meinung nach sind links und rechts veraltete denkensmuster, die verhindern dass die diskussion weiter kommt. Die heutigen probleme sind der neoliberalismus und die konservative kreise der linken und rechten.
mfg
In Deutschland ist seit den achtziger Jahren eine Abnahme der Wahlbeteiligung zu beobachten. Bei Landtagswahlen beteiligt sich oft ein Drittel der Berechtigten nicht, bei Europawahlen ist die Wahlenthaltung noch größer. Kritischer für die Parteien ist, dass höchstens vier Prozent der Bürger Mitglied einer politischen Partei sind. Diese schmale Mitgliederbasis wird als Folge und Ausdruck einer "Parteienverdrossenheit" gesehen. Haben sie genügend Wählerstimmen gewonnen, wollen die Parteien in der Politik alles bestimmen. Aber mit ihrem geringen Organisationsgrad sind sie nur Ausschnitte der Gesellschaft. Auf diesem Missverhältnis zwischen allgemeinem Machtanspruch und schmaler sozialer Basis beruht die Parteienverdrossenheit. Dieses Unbehagen wird noch dadurch gesteigert, dass es keine Alternative zur Parteienherrschaft gibt, wenn man nicht auf Demokratie und Rechtsstaatlichkeit als Grundlagen des politischen Systems verzichten will. (aus Bundeszentrale für politische Bildung)
Die demokratischen Rechte der Bürger außerhalb der Wahlen und jenseits der Einflussnahme durch die örtlichen Parteien sind weitgehend unbekannt.
Dazu gehören in NRW:
1. Informationsfreiheitsgesetz
2. Anregungen nach §24 der Gemeindeordnung
3. Fragestunden in der Stadtbezirksvertretung und im Stadtrat
Von der örtlichen, großteils parteipolitisch verfilzten Presse ist Aufklärung nicht zu erwarten. Hier ist die ZEIT gefordert; vielleicht sogar mit einem neuen Konzept, der Realy Soap Story, wenn Bürger im Duisburger Homberg basis-demokratisch ihre Interessen gegen eine verdeckte Große Koalition im Stadtbezirk durchzusetzen versuchen.
Soll das ein Witz sein, die reaktionäre ZEIT des Herausgebers Helmut Schmidt berichtet über "die Linke"!
Sollte es so kommen, dass die satten Eliten der westlichen Welt den anderen Menschen überhaupt nichts mehr bieten wollen, dann wäre ja die neue utopische Bewegung die richtige Antwort. Sie wäre auch wieder so internationalistisch, wie einst die Arbeiterbewegungen. Bereichert durch den Faktor Globalisierung, wird sich das "globale Vernunftprinzip" - ein schönes Synonym für Utopie - bald durchsetzen.
Es ist auch nur eine Frage der Zeit, wann die Schere zwischen Teilhabe und Entzug an bzw. von Wohlstand so bedrohlich auseinanderklaffen wird, dass sich kein "moralisierender Nationalkonservativer" mehr auf seinen Besitztümern wohlfühlen kann.
Allerdings haben die Superreichen im Gewande des russischen Oligarchen oder sagen wir des indischen Maharadscha ja auch einen gewissen Charme entwickelt.
Sollten sie durch die pure Notwendigkeit, Ressourcen anständig aufzuteilen, auch mal einen Bewußtsseinsschub haben, dann könnte es noch was werden mit "Peace Planet".
Alles eine Frage der Zeit, denn Kant ist schon zweihundert Jahre tot und vor hundert Jahren hatten wir noch einen Kaiser.
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