Schönheitswahn Zu dünn, um wahr zu sein

Geschönte Werbefotos treiben Teenies in die Magersucht. Franzosen und Briten wollen den Schönheitswahn bekämpfen, indem sie bearbeitete Fotos künftig kenntlich machen.

Ein Blick hinter die Kulissen: Dünne Models, ganz ohne Bildbearbeitung

Ein Blick hinter die Kulissen: Dünne Models, ganz ohne Bildbearbeitung

Jo Swinson, Mitglied der britischen Liberalen, mag keine Werbeplakate, auf denen Frauen perfekt aussehen. Ihr Zorn richtet sich gegen Bilder von Frauen, denen man mit Hilfe moderner Bildbearbeitung eine Rundung oder eine Falten zuviel entfernt hat. "Wenn Teenager und Frauen diese Bilder sehen, werden sie am Ende unglücklich mit sich selbst“ sagte Swinson zuletzt in einem Interview mit der International Herald Tribune. Ihren Vorschlag, eine Kennzeichnungspflicht für Werbeanzeigen einzuführen, hat die drittgrößte Partei Großbritanniens jetzt in ihr Wahlprogramm aufgenommen. Für Werbung, die sich an Kinder unter 16 Jahren richtet, soll sogar ein vollständiges Verbot von bearbeiteten Fotos ergehen.

In Frankreich kämpft Válerie Boyer für naturbelassene Frauenbilder. Sie ist Mitglied in der UMP, der Partei Nicolas Sarkozys. Boyer hat unlängst mit einer Gruppe von etwa 50 Abgeordneten in der französischen Nationalversammlung einen Gesetzentwurf vorgelegt, der den Einsatz von Programmen wie Photoshop kontrollieren will. Es gehe ihr darum, die "irreführenden und standardisierten Körperbilder" zu bekämpfen, sagte Boyer der französischen Zeitung La Croix. Diese verleiteten vor allem Frauen zu dem Glauben, immer jung und schön sein zu müssen. "Das führt schon im jungen Alter zu Komplexen", glaubt sie. Auch Kunstfotos und politische Kampagnen sollen unter die neue Regelung fallen.

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"Das wär lustig, dann wär neben jedem Bild ein kleines 'M' oder so für 'manipuliert'", sagt der Münchner Volker Stegner. Der Berufsfotograf, der unter anderem für das SZ-Magazin die ganze Welt bereist, ist Träger des renommierten Lead Awards. Ihn scheint der Vorschlag höchstens zu amüsieren. "Am besten sollte man das mit den Texten genauso machen, vielleicht mit einem 'T' für "tendiziös"", schlägt er vor. Ralf Nöcker, der Geschäftsführer des Gesamtverbandes der Kommunikationsagenturen (GWA), findet die Idee weniger amüsant. Der deutsche Gesetzgeber solle von solchen Ideen auf jeden Fall die Finger lassen. "Werbung würde durch staatlich induzierte Zwangsinformationen verstümmelt, ohne dass die politischen Ziele dadurch erreicht werden", meint Nöcker. Bürokratiemonster schützen den Verbraucher nicht, sie schaden der Wirtschaft, ist er überzeugt.

Die deutsche Kosmetikmarke Dove hatte vor zwei Jahren mit einer Werbekampagne auf sich aufmerksam gemacht, in der sie normalgewichtige Frauen für ihre Duchgels und Bodylotions werben ließ. Dem vorausgegangen war eine Studie, derzufolge weltweit nur zwei Prozent aller Frauen sich als schön beschrieben. Rund drei Viertel bewerteten ihre Schönheit als durchschnittlich, fast die Hälfte glaubte, ihr Gewicht sei zu hoch. Die Kampagne mit den normal gewichtigen Models war in Sachen Medienöffentlichkeit ein großer Erfolg. Vielleicht hat es sogar den Verkauf der Pflegeprodukte angekurbelt. Eine Bewegung zu natürlicheren Werbebildern losgetreten hat die Kampagne bis heute nicht.

Die Briten wollen jetzt eine Art Rating einführen, um das jeweilige Maß der Veränderung auf einer Skala von 1 bis 4 zu bewerten. 4 wäre dann ein massiver Eingriff mit einem Programm wie Photoshop, 1 nur ein leichtes Drehen am Regler für die Farbtemperatur. "Wenn die Leute wissen, sie müssen nachher beschreiben, was sie verändert haben, wird es sie vielleicht schon ein bisschen davon abhalten", hofft die liberale Politikerin Swinson. Die Briten wollen das Anliegen möglichst innerhalb der zuständigen Verbände durchsetzen. Die Franzosen setzen indes auf den Gesetzgeber. Rechtsexperten weisen allerdings darauf hin, dass ein solches Gesetz schwer durchzusetzen und noch schwerer zu verfolgen wäre. Schließlich könne man den Agenturen und Magazinen schlecht nachweisen, dass sie mit ihren Anzeigen die Absicht verfolgten, Magersucht zu propagieren.

"In der Modefotografie wurden von Anfang an alle zur Verfügung stehenden Mittel zur Idealisierung der Bildaussage eingesetzt", sagt Hubertus Hamm. Der renommierte Fotokünstler veröffentlicht unter anderem in Vogue und in ZEITmagazin. "Eine Kennzeichnungspflicht würde somit nahezu jedes Foto in sämtlichen Magazinen treffen", sagt er. Ralf Nöcker vertraut als Vertreter der deutschen Kommunikationsagenturen auf die Fähigkeiten des Verbrauchers, sich sein eigenes Bild zu machen. Das Internet gewährleiste heute eine hohe Transparenz, die Konsumenten könnten sich bestens darüber informieren, ob Darstellungen von Personen, Landschaften oder Produkten der Wahrheit entsprechen oder nicht. "Wo Selbstregulierung wirkt, ist Zwangsregulierung überflüssig."

 
Leser-Kommentare
  1. Wenn es wissenschaftlich nachgewiesen ist, dass die retouchierten Fotos der Werbung einen Einfluss auf die Entwicklung möglicher Essstörungen haben...go ahead! Schließlich nimmt sich der Staat ja auch das Recht heraus Tabakkonsumenten vor potentiellem Ungemach zu schützen. Wenn von der xten Retortenschönheit ein ähnliches Risikopotential ausgeht, möchte ich bitte auch davor gewarnt werden. Dass die arrogante Modebranche darauf keinen Bock hat, ist nur natürlich. Vielleicht sollte ihnen mal jemand beibringen, dass Werbung keine Kunst ist, sondern eben...Werbung. Der Schildermaler von früher hat sich schließlich auch nicht mit Van Gogh verglichen. Wenn Modefotos wirklich nur für Ausstellungen/"Kunst" produziert werden, ohne in einer Anzeige zu landen, können sie dann auch so retouchiert sein wie sie lustig sind...

  2. 2.

    was für ein Schwachsinn! Vielleicht sollt man aufarbeiten, warum schlanke bis magere Models als laufender Kleiderständer bevorzugt werden- vielleicht weil man ein Minimum an Träger will, um ein maximum an Getragten herauszuholen? Geht es nur um Schönheit? Wenn dort mal endlich ehrliche Antworten rauskommen, hätte man einen ersten wirklich produktiven Ansatz. Macht den DOVE weiter mit der "Natürlichkeit"? Ich glaube nicht. Warum? Ein Indiz dafür, auch nur auf den reinen Werbeeffekt abzuzielen, als verständnissvoll die Natürlichkeit zu preisen.
    Es ist erschreckend, wieviele Frauen und auch Männer Komplexe haben und diese kommen nur anteilig von Models. Habe letzte Woche im Fernsehen gesehen, wie sich eine Befragte darüber muckiert hat, das Jürgen Drews KEINE rasierten Achseln hat.
    Ich glaube (mal krass gedacht) ein Zeichen für Manipulation würde den Wunsch der eigenen Manipulation eher verstärken als ein Abwinken...

  3. Dove ist mitnichten eine "deutsche Kosmetikmarke". Die Doof-Seife gibt es schon seit rund 50 Jahren in den USA; seit einigen Jahren wird das Zeug in den holländisch-britischen Laboren von Unilever zusammengebraut.

  4. oder zur Abwechslung mal was Sinnvolles tun. Der Schönheitswahn hat bestimmte Ursachen. Z. B. sind attraktive Menschen erfolgreicher, dünne Menschen wirken dynamischer und werden eher eingestellt und befördert als übergewichtige. Diese Tatsache muss man den Dumpfbacken ins Gesicht schleudern, die nur Pseudopolitik betreiben.

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    • Isaidy
    • 09.10.2009 um 10:09 Uhr

    Attraktivität liegt immer im Auge des Betrachters und macht sich mitnichten nur am Aussehen fest. Was heute auf den Catwalks stolziert, das wäre, würde man die Sachlage ins Gegenteil verkehren, eine adipöse Person von 150 kg bei einer Körpergröße von 1,60 m. Derart drastisch ist das kg/Größe-Verhältnis vieler Top-Models in der Modebranche. Wir sind uns doch einig, dass es nicht nur Extreme auf dieser Welt gibt, und dass weder ein BMI von 21 noch einer von 35 erstrebenswert ist. Wir reden also nicht von schlank oder vollschlank, wir reden von mager, manchmal lebensbedrohlich mager. Und genau jenes "Vorbild" trifft auf junge Mädchen, die in ihrer pubertären Phase ungefestigt sind und ihren Wert alleine über ihr Aussehen und Kleidergröße definieren. Dabei möchte ich jene Männer mal kennenlernen, die wirklich an einer knöchernden Modelfigur Gefallen finden. Eine Branche die Erfolg über das Erreichen einer solchen Figur verspricht, ist meines Erachtens krank. By the way: wer trägt denn überhaupt hinterher die Klamotten, die dort auf diese Weise angepriesen werden?

    • Isaidy
    • 09.10.2009 um 10:09 Uhr

    Attraktivität liegt immer im Auge des Betrachters und macht sich mitnichten nur am Aussehen fest. Was heute auf den Catwalks stolziert, das wäre, würde man die Sachlage ins Gegenteil verkehren, eine adipöse Person von 150 kg bei einer Körpergröße von 1,60 m. Derart drastisch ist das kg/Größe-Verhältnis vieler Top-Models in der Modebranche. Wir sind uns doch einig, dass es nicht nur Extreme auf dieser Welt gibt, und dass weder ein BMI von 21 noch einer von 35 erstrebenswert ist. Wir reden also nicht von schlank oder vollschlank, wir reden von mager, manchmal lebensbedrohlich mager. Und genau jenes "Vorbild" trifft auf junge Mädchen, die in ihrer pubertären Phase ungefestigt sind und ihren Wert alleine über ihr Aussehen und Kleidergröße definieren. Dabei möchte ich jene Männer mal kennenlernen, die wirklich an einer knöchernden Modelfigur Gefallen finden. Eine Branche die Erfolg über das Erreichen einer solchen Figur verspricht, ist meines Erachtens krank. By the way: wer trägt denn überhaupt hinterher die Klamotten, die dort auf diese Weise angepriesen werden?

  5. ... musste ich, als ich Folgendes laß: "Werbung würde durch staatlich induzierte Zwangsinformationen verstümmelt."
    Die "verstümmelte Werbung", eine absurde, wenn auch köstliche Vorstellung. Aus meiner Zeit als Fernsehkonsument kann ich mich noch allzu gut an die Verstümmelung von Filmen durch Werbeblöcke erinnern. Und auch die Verstümmelung unserer Innenstädte durch Großbildreklame wird mir jeden Tag aufs Neue buchstäblich unübersehbar vor Augen geführt. Von der Verstümmelung der deutschen Sprache durch unsägliches Marketing-Neusprech einmal ganz zu schweigen.
    Aber ich komme vom Thema ab. Ich halte die französisch-britischen Vorschläge für lobens- und nachahmenswert. Zwar findet man, wenn man nur sucht, im Netz auch jetzt schon aussagekräftige Vorher-Nachher-Bilder zu verschiedensten "Prominenten" und Photoshop, dennoch scheint mit das Bewusstsein des Einzelnen um das tatsächliche Ausmaß der Nachbearbeitung doch eher gering. Und wenn selbst auf meiner Flasche Scotch vermerkt ist, dass zwecks einheitlicherer Farbgebung mit Zuckerkulör nachgeholfen wurde, wieso dann nicht dasselbe auch bei irreführenden Photos tun? "Diese Abbildung entspricht nicht dem tatsächlichen Aussehen." Das wäre nur aufrichtig und nähme der Werbung ein wenig ihrer Verlogenheit.
    Als nächsten Schritt schlage ich dicke Kinder mit verfaulten Zähnen für die Süßigkeitenwerbung vor. Ernsthaft!

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  6. Das Problem sind die Modemacher.

    [...]

    Unterbewusst oder vielleicht sogar ganz bewusst, benutzen sie unansehnliche bis hässliche Körper um die Frau darzustellen. An diese Kleiderständern werden ihre überwiegend phantasiegeprägten Produkte gehängt.

    Das meiste von dem was über den Catwalk getragen wird, wird dort auch zum letzten mal gesehen. Eine Frau die von Ihrem Mann geliebt wird hat keine Essstörung. Der Grössentrend ist in den letzten Jahren laut Statistik von Durchschnitt Größe 34 auf 36 gestiegen. Die Modells stehen dem entgegen. Solange die Modemacher die Figuren vorgeben wird sich das nicht ändern.

    Moderiert. Bitte fügen Sie Quellen für die von Ihnen postulierte Verbindung zwischen sexueller Gesinnung von Modemacher und Frauenfeindlichkeit an. In dem Kontext war die Aussage widersprüchlich formuliert. Die Redaktion/is

  7. 7.
  8. Als erstes finde ich die Einleitung des Artikels irreführend, in der von "geschönten" Werbefotos gesprochen wird.
    Was ist an dürren Hungerhaken, bei denen man schon auf den Gesichtsknochen Klavier spielen kann, schön?!?
    Nichts, aber auch wirklich gar nichts.
    Dann finde ich es ein herumpfuschen an Symptomen, aber keine Bekämpfung der Ursachen der Magersucht, wenn gesetzlich verboten wird, an Fotos herumzupfuschen. Das Problem sind nämlich aus meiner Sicht nicht die Fotos selbst, sondern dass derjenige, der sie verwendet mit ihnen Erfolg hat oder zumindest immer noch davon überzeugt ist (es gibt ja als Gegenbeweis die Kampagne von Dove, die ich sehr gut finde).
    Dieser Erfolg wird vom Verbraucher verursacht, von Frauen, die sich selbst nicht mehr dadurch definieren was sie machen, sondern nur noch was sie an materiellen Dingen haben und wie sie aussehen, mit mehr als zweifelhaften Vorstellungen im Hinblick auf das Schönheitsideal.
    Man sollte vielmehr jungen Menschen wieder vermitteln, dass das äussere ein Spiegel des inneren ist.
    Bei schönen Frauen fällt mir immer wieder auf, dass sie nicht über Diäten reden, gern mit anderen zusammen sind und etwas unternehmen und auch fröhlich sind, ohne die ganze Zeit exzessiv über ihre Figur zu beklagen.
    Schönheit kommt vom mit sich selbst im reinen sein. Nicht vom wenig essen. Und das müssen wir unseren jungen Leuten wieder vermitteln. Unabhängig von Fotos.

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