Kommunikation Twitter verbreitete gefälschte Wahlprognosen

Agenturen und Zeitungen sind auf manipulierte Twitter-Prognosen hereingefallen. Eine anonyme Gruppe will mit der Aktion mehr Medienkompetenz erwirken.

Schon wieder sind Wahlprognosen über den Microblogging-Dienst Twitter vorab verbreitet worden, klagten Agenturen und Online-Zeitungen am Wahlabend. Eine Sprecherin des Bundeswahlleiters Roderich Egeler kündigte an, die Einträge in den kommenden Tagen genau überprüfen zu wollen. Dass die Prognosen teilweise sehr stark voneinander abwichen, hatte man da immerhin bemerkt.

Kein Wunder, denn die Mehrzahl der getwitterten Prognosen stammt aus einem Zufallsgenerator. Eine bislang unbekannte Gruppe namens "discordische Mediengruppe 09" hatte die Prognosen frei erfunden und über 125 eigens dazu eingerichtete Twitter-Accounts verbreitet. "Vermeintlich zurecht als Exit Polls bezeichnete Ergebnisse sollten in unserem Rauschen untergehen", hieß es dazu von der discordischen Mediengruppe. Gegen 23 Uhr outete sie sich mit einem Papier, das sie ebenfalls über Twitter verbreitete. Darin stellte sie klar: "Zu keinem Zeitpunkt des Tages waren wir im Besitz der richtigen Wahlergebnisse." In der Zwischenzeit waren viele Medien auf die vermeintlichen Twitterlecks hereingefallen. Auch ZEIT ONLINE veröffentlichte die dpa-Meldung "Diffuse Wahlprognosen auf Twitter".

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Recht früh erkannten einzelne User die Manipulationsversuche. Ein Twitterer namens Agitpopblob meldete gestern bereits gegen 17 Uhr: "Guter Plan. Twitter mit Wahlprognosen vollspammen. Sollte eine richtige dabei sein, nimmt sie keiner Ernst." Anders die Medien: "Das Presseecho zeigt, dass die Presse vieles nicht gerafft hat", schreibt die discordische Mediengruppe in ihrem Papier. Auf Nachfrage spitzt die auf Anonymität bedachte Gruppe noch einmal zu: "Es ist bezeichnend, dass einige andere Twitterer sehr früh bereits erkannten, was wir tun, dass wir uns selbst diskreditieren, ja eine Wahlfälschung sogar verhindern, all dies aber bei den Agenturmeldungen und Zeitungsberichten keine Rolle spielt. Dass hanspeter1001 durchnummeriert bis hanspeter1016 unterschiedliche Ergebnisse publiziert hat sollte doch irgendwie auffallen und berücksichtigt werden." Die Gruppe setzt sich für den sorgsamen Umgang mit Quellen ein.

Die Aktion zeigt noch etwas anders. Nach den teilweise recht rüden Rufen nach mehr Regulation, fast reflexartiger Internetschelte und der Forderung nach harten Strafen für die Geheimnisverräter findet die Community hier ihren eigenen Weg, der Probleme Herr zu werden.

Die Veröffentlichung von Wahlprognosen vor dem Ende der Stimmabgabe ist laut Wahlgesetz verboten. Weil es das Verhalten der Wähler zu beeinflussen vermag, könnte eine Wahl im schlimmsten Fall sogar angefochten werden. Dazu stellt die diskordische Mediengruppe am Ende ihres Papiers fatalistisch fest: "Letztlich stellt sich die Frage, warum Wahlen, bei denen es keine Wahl gibt, manipuliert werden sollen."

 
Leser-Kommentare
    • cure
    • 28.09.2009 um 11:57 Uhr

    hat selbst schuld. Verbieten und Sperren sind keine Lösungen, Medienkompetenz muss geschult werden.

    • spacko
    • 28.09.2009 um 12:16 Uhr

    muss es jedesmal in der zeit stehen, wenn irgendwer mal was lustiges twittert? das ist eigentlich ein dummes kleines progrämmchen, das sein dasein im web fristet, dort gehört es auch hin, und nicht ins life 1.0.

  1. Irgendwer hier auf ZEIT Online hat Twitter mal mit dem Geplapper verglichen, was man hören kann, wenn man an der Bushaltestelle steht. Man kann hinhören oder nicht, je nachdem, ob es einen interessiert. In Bezug auf Glaubwürdigkeit finde ich den Vergleich ebenfalls sehr treffend. Wer an der Bushaltestelle irgendetwas von einem Unbekannten aufschnappt und das dann veröffentlicht, hat sich nicht wirklich über den Wahrheitsgehalt der Aussage Gedanken gemacht.

    • Ranjit
    • 28.09.2009 um 14:29 Uhr

    Eine sehr gelungene Aktion, finde ich.
    Den Medien Medienkompetenz zu vermitteln ist zwar eine Sisyphosaufgabe, aber irgendwer muss es ja machen ;D
    (Keine Sorge, ich hab die Zeit trotzdem lieb)

    • 0514
    • 29.09.2009 um 5:21 Uhr

    @: "In der Zwischenzeit waren viele Medien auf die vermeintlichen Twitterlecks hereingefallen. Auch ZEIT ONLINE veröffentlichte die dpa-Meldung "Diffuse Wahlprognosen auf Twitter".

    Verstehe ich nicht ganz. dpa hat doch nie geschrieben, dass diese Zahlen echt sind, sondern, im Gegenteil: "Die angeblichen Ergebnisse wurden teilweise sogar bis auf die zweite Stelle hinter dem Komma genannt - was ihre Glaubwürdigkeit zweifelhaft machte, weil es nicht der Arbeitsweise der Demoskopen entspricht."

    Was meinen Sie dann eigentlich mit "hereingefallen"?

  2. Ich lasse mir gerne erklären, wie mit dieser Aktion mehr Medienkompetenz erreicht werden soll.

    Aber, die sind ja anonym, wer weiß ob das "die" überhaupt als Mehrzahl vorhanden ist oder ob sich nur eine Person als scheinbare Gruppe ausgibt, um mehr zu scheinen als zu sein.

    Wer persönliche Kompetenz für sich in Anspruch nehmen will, muß auch persönlich erkennbar für eine Meinung eintreten.
    Bei uns in der Bundesrepublik gibt es zum Glück keinen Grund, sich für seine Meinungsäußerung verstecken zu müssen.

    Kompetenz bedeutet, dass man für andere Vertrauen in einer Sache ausstrahlt und das Vertrauen auch gerechtfertigt ist.
    Wie soll man sich auf jemand verlassen, jemandem vertrauen, der noch nicht einmal soviel Rückgrat zeigt, um sich zu seiner eigenen Meinung zu bekennen.
    Gut, da wären wir auch im politischen Bereich, wo Politiker ihre eigenen Aussagen erst autorisieren müssen, bevor man sie verwenden darf. Die wollen auch nicht, dass allgemein bekannt ist was sie denken, sondern nur, was die Allgemeinheit glauben soll, was sie denken.

    Ein noch größeres Dilemma auf vermutete Kompetenz bezogen hat man mit solch anonymen Kompetenzlern, wo es gar keine Basis für ein mögliches Vertrauensverhältnis gibt. Da ist mir ein windkanaloptimierter schwadronierender Politiker noch lieber, den kann ich bei Bedarf direkt auf seine Aussagen ansprechen.

    Die fatalistische Frage der AK's nach dem Sinn von Wahlen ist eine sehr gute Frage. Anonym lässt sich daran jedoch nichts verbessern.

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    Sie schrieben: "Ein noch größeres Dilemma auf vermutete Kompetenz bezogen hat man mit solch anonymen Kompetenzlern, wo es gar keine Basis für ein mögliches Vertrauensverhältnis gibt. Da ist mir ein windkanaloptimierter schwadronierender Politiker noch lieber, den kann ich bei Bedarf direkt auf seine Aussagen ansprechen."

    Na dann hören sie mal meinen Vorschlag an, er wird ihre Welt verändern: Konzentrieren sie sich auf Argumente und lassen das mit dem Vertrauensverhältnis bzw. "gut-glauben" doch einfach ganz sein.

    Man kann die entscheidenden Politiker leider eben nicht direkt auf ihre Aussagen/Versprechungen/Verbrechen/Verantwortung ansprechen. Oder wie erklären sie sich unseren aktuellen Innenminister (Korruptionsskandal)? Morgen wird die nächste Sau durchs Dorf getrieben, das sollte man inzwischen kennen.

    Es geht um die Inhalte. Sind sie sinnvoll, lohnt es sich diese weiter zu verteilen, ob der Urheber nur ein 5 Jähriges Kind war oder erfahrener Lobbyist ist unwichtig. Zu sehr scheinen noch die alten Mediengewohnheiten durch (ein quasi zentralisiertes System mit Redakteuren und Politikern denen man vertrauen musste). Heute geht das alles auch anders. Jeder kann mit wenigen Klicks direkt mit Experten reden, Quellen prüfen und sich im Sekundentakt zielgerichtet bilden und informieren. Vertrauen ist dazu nicht nötig, nur Pragmatik im Medienumgang.

    Sie schrieben: "Ein noch größeres Dilemma auf vermutete Kompetenz bezogen hat man mit solch anonymen Kompetenzlern, wo es gar keine Basis für ein mögliches Vertrauensverhältnis gibt. Da ist mir ein windkanaloptimierter schwadronierender Politiker noch lieber, den kann ich bei Bedarf direkt auf seine Aussagen ansprechen."

    Na dann hören sie mal meinen Vorschlag an, er wird ihre Welt verändern: Konzentrieren sie sich auf Argumente und lassen das mit dem Vertrauensverhältnis bzw. "gut-glauben" doch einfach ganz sein.

    Man kann die entscheidenden Politiker leider eben nicht direkt auf ihre Aussagen/Versprechungen/Verbrechen/Verantwortung ansprechen. Oder wie erklären sie sich unseren aktuellen Innenminister (Korruptionsskandal)? Morgen wird die nächste Sau durchs Dorf getrieben, das sollte man inzwischen kennen.

    Es geht um die Inhalte. Sind sie sinnvoll, lohnt es sich diese weiter zu verteilen, ob der Urheber nur ein 5 Jähriges Kind war oder erfahrener Lobbyist ist unwichtig. Zu sehr scheinen noch die alten Mediengewohnheiten durch (ein quasi zentralisiertes System mit Redakteuren und Politikern denen man vertrauen musste). Heute geht das alles auch anders. Jeder kann mit wenigen Klicks direkt mit Experten reden, Quellen prüfen und sich im Sekundentakt zielgerichtet bilden und informieren. Vertrauen ist dazu nicht nötig, nur Pragmatik im Medienumgang.

  3. Sie schrieben: "Ein noch größeres Dilemma auf vermutete Kompetenz bezogen hat man mit solch anonymen Kompetenzlern, wo es gar keine Basis für ein mögliches Vertrauensverhältnis gibt. Da ist mir ein windkanaloptimierter schwadronierender Politiker noch lieber, den kann ich bei Bedarf direkt auf seine Aussagen ansprechen."

    Na dann hören sie mal meinen Vorschlag an, er wird ihre Welt verändern: Konzentrieren sie sich auf Argumente und lassen das mit dem Vertrauensverhältnis bzw. "gut-glauben" doch einfach ganz sein.

    Man kann die entscheidenden Politiker leider eben nicht direkt auf ihre Aussagen/Versprechungen/Verbrechen/Verantwortung ansprechen. Oder wie erklären sie sich unseren aktuellen Innenminister (Korruptionsskandal)? Morgen wird die nächste Sau durchs Dorf getrieben, das sollte man inzwischen kennen.

    Es geht um die Inhalte. Sind sie sinnvoll, lohnt es sich diese weiter zu verteilen, ob der Urheber nur ein 5 Jähriges Kind war oder erfahrener Lobbyist ist unwichtig. Zu sehr scheinen noch die alten Mediengewohnheiten durch (ein quasi zentralisiertes System mit Redakteuren und Politikern denen man vertrauen musste). Heute geht das alles auch anders. Jeder kann mit wenigen Klicks direkt mit Experten reden, Quellen prüfen und sich im Sekundentakt zielgerichtet bilden und informieren. Vertrauen ist dazu nicht nötig, nur Pragmatik im Medienumgang.

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