E-Books in Bibliotheken Nach sieben Tagen löscht sich das Buch

Digitale Bibliotheken könnten paradiesisch sein: Ausleihen per Knopfdruck und nie vergriffen. Leider sind Leihbedingungen für E-Books streng, die Verlage fürchten sich.

Viele kennen das Problem aus Unibibliotheken: Wichtige Werke sind in der Examenszeit grundsätzlich verschwunden, einige sogar absichtlich im falschen Regal versteckt, andere auf Monate hin vorgemerkt. Und wenn man die Wälzer dann doch findet, dann darf man sie entweder nicht mit nach Hause nehmen oder man verrenkt sich vor lauter Bücherschleppen das Kreuz.

Alles könnte so viel schöner und bequemer sein. Wenn sich nur endlich die E-Books durchsetzten.

Anzeige

Viele Bibliotheken bieten zwar bereits seit Jahren digitale Kopien zum Download an – allerdings meist nur als PDF für den PC. Und Titel und Zahl der angebotenen Bücher lassen noch stark zu wünschen übrig: So haben etwa die Hamburger Bücherhallen knapp 6000 E-Books im Bestand – fast ausschließlich nützliche Werke mit Titeln wie: So entspannt mein krankes Kind oder Einführung in Power Point.

"Als wir vor zwei Jahren angefangen haben, E-Books anzubieten, waren die Reader noch nicht so verbreitet. Und wir konnten uns nicht vorstellen, dass jemand einen Roman an seinem PC liest", sagt Sven Instinske, Leiter der Abteilung Informationsdienste bei den Bücherhallen zur schlechten Auswahl. Seitdem immer mehr mobile Lesegeräte im Umlauf sind, wird die Bücherei aber von diesem November an auch digitale Belletristik anbieten. Neben dem PDF-Format gibt es die Werke dann auch im EPUB-Format, das sich inzwischen als Standard für viele E-Reader etabliert hat.

Natürlich sind auch die Verlage nicht ganz unschuldig am noch ziemlich einseitigen E-Book-Angebot. "Wir haben viele Sachbücher aus den Bereichen EDV, Wirtschaft und Karriere, weil die Verlage hier die meisten E-Books zur Verfügung stellen", sagt Instinske.

Wer ein Buch auf elektronischem Weg entleihen will, muss sich jedoch auf üble Bedingungen einstellen: Die Leihfrist beträgt nur sieben Tage, danach verfällt das Dokument. Eine Verlängerung ist nicht möglich. "Wer das Buch weiterlesen will, müsste es dann erneut ausleihen", sagt Instinske. Ärgerlich nur, wenn das Exemplar bereits vorgemerkt ist. Das ist absurd, ist doch der Vorteil der digitalen Kopien eigentlich, dass sie gar nicht vergriffen sein können. Aber Vormerkungen gibt es weiter, die Bibliotheken dürfen nicht beliebig viele digitale Exemplare ausgeben. Immerhin sind Vormerkungen nun kostenlos.

Das Ausleihmodell orientiert sich vollständig an den Regeln fürs gedruckte Buch. Dabei wäre es ohne Weiteres möglich, einen simultanen Zugriff mehrerer Nutzer auf ein Buch zu ermöglichen. Doch da spielen die Verlage nicht mit. Die Bibliotheken müssen für jedes virtuelle Buch eine Lizenz erwerben, die laut Instinske genauso viel kostet wie die physische Ausgabe. Jede weitere Zugriffsmöglichkeit würde die Bücherhallen extra kosten.

Solche Konditionen kommen für Michaela Hammerl, Referentin für E-Books an der Bayerischen Staatsbibliothek in München, nicht infrage. "Auf diese Weise werden die eigentlichen Errungenschaften, die ein elektronisches Buch bietet, übergangen", kritisiert Hammerl. Es sei nicht sinnvoll, dass ein Benutzer ein Buch für sieben Tage blockiere, es aber vielleicht nur fünf Minuten nutze. Die Staatsbibliothek arbeitet daher mit einer sogenannten IP-Freischaltung bei Online-Zugriff. "So können beliebig viele Nutzer ein Buch lesen."

Die Referentin weiß aus eigener Erfahrung, wie schwierig sich die Verhandlungen mit den Verlagen gestalten können. "Weil die Verlage selbst nicht recht wussten, mit welchen Restriktionen und Formaten sie ihre E-Books freischalten sollten."

Hammerl hat Verständnis für die Angst der Verlage, ihre Dateien könnten grenzenlos weiterverbreitet werden und sie dann viel weniger Kopien verkaufen als früher. "Für die Nutzer macht es aber keinen Sinn, wenn sie die Datei weder abspeichern noch ausdrucken dürfen." Es gebe sogar Verlage, die den Zugriff auf ihre E-Books außerhalb der Bibliotheksräume unterbinden wollen. "Das ist aber eine feste Bedingung von uns", sagt die Referentin. Mit einer Authentifizierungssoftware und einer Benutzernummer könnten die Nutzer die Daten auch zu Hause abrufen.

Die Lesegeräte selbst verleiht offenbar noch so gut wie keine Bibliothek hierzulande. Immerhin: Für die öffentlichen Bibliotheken in Thüringen ist die Anschaffung jeweils eines Readers geplant. Ansonsten herrscht Zurückhaltung, wie eine Kurzumfrage des Deutschen Bibliotheksverbands für ZEIT ONLINE ergab. Laut Verbandsgeschäftsführerin Barbara Schleihagen steht einem breiteren Zuspruch vor allem die Tatsache im Weg, dass sich noch kein Gerät am deutschen Markt durchsetzen konnte. Zu viele Gründe sprechen noch gegen die Reader: So kann man mit dem Kindle derzeit fast ausschließlich auf englischsprachige Bücher zugreifen.

In den Zentralbibliotheken Zürich, Wien und Graz gibt es inzwischen die Möglichkeit, die Geräte vor Ort auszuprobieren. Die Hamburger Bücherhallen wollen sich daran ein Beispiel nehmen und demnächst eine Leselounge mit E-Readern einrichten. "Es ist auch unsere Aufgabe, neue Medien zu erschließen", sagt Instinske.

In den USA ist man uns in dieser Hinsicht weit voraus. Hier laufen seit geraumer Zeit Pilotversuche an Universitäten, wie E-Reader bei den Nutzern ankommen und sich für die Lehre verwenden lassen. So arbeitete etwa die Bibliothek der Pennsylvania State University mit Sony Electronics zusammen, um die Geräte auch für Vielnutzer wie Studenten und Bibliothekare zu optimieren. Sony spendete der Universität zu dem Zweck 100 E-Book-Reader.

Einen ähnlichen Versuch startete die Princeton University: 50 Studenten erhielten im Rahmen einer Kooperation mit Amazon den Kindle, um ihn als akademisches Tool einem Praxistest zu unterziehen. Doch schon nach kurzer Zeit äußerten sich die meisten Nutzer unzufrieden und enttäuscht. So bemängelte ein Student, das Gerät könne nicht mit seiner Geschwindigkeit mithalten, etwa wenn es um die Markierung von Textstellen gehe. Ein Professor bezweifelte, dass ein tiefer Einstieg in den Text mit einem E-Reader möglich sei. Auch die Tatsache, dass sich die Seitenzahlen im elektronischen Gerät von denen der analogen Version unterscheiden, erschwere die Arbeit.

Theo Bastiaens lässt sich von den Ergebnissen dieser Feldversuche nicht abschrecken. Der Professor für Bildungswissenschaft und Mediendidaktik an der Fernuniversität Hagen plant den Einsatz der Lesegeräte für seine Studenten. Wichtig sei jedoch, den aufgespielten Lehrstoff "vorab didaktisch für diese Form der Rezeption aufzubereiten". So könne man zum Beispiel Audiodateien mit den Texten verbinden, sodass der E-Reader einen echten Vorteil gegenüber den physischen Texten bietet. Ab dem nächsten Sommersemester sollen mindestens zehn Studierende vom gedruckten Material auf die elektronische Variante umsteigen.

Für einen breiten Einsatz an der Hochschule warte man aber noch auf eine neue Generation der Lesegeräte, sagt Bastiaens: Spätestens wenn sie mit Farbdisplay und weiteren Zusatzfunktionen wie Animationen ausgestattet sind, werden sich aber wohl kaum noch Gründe finden, warum eine Fernuniversität die bis zu 10 Kilo schweren Studienbriefe noch verschicken sollte.

 
Leser-Kommentare
  1. Das E-Book ist kein Ersatz für ein RICHTIGES Buch. Es ist nur eine Erweiterung. Die möglichkeiten der Datenmanipulation sind zu hoch. Inhalte können ohne Problem gelöscht oder verändert werden. Sowieso ist es auch eine Sache des Fühlens. Ein Buch in der Hand zu halten ist etwas besonderes, es duftet und läßt sich anfassen. Ein Buch lebt erst in den Händen des Lesers.
    Fraglich ist ja auch ob mehr Menschen, sprich Jüngere, lesen werden weil es das E-Book gibt. Ich meine nein.
    Bücher bleiben Bücher.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Generell stimme ich den Bedenken zu. Doch muss man hier generell zwischen Belletristik und Fachliteratur unterscheiden.
    Privat habe ich es auch lieber, ein (richtiges) Buch in der Hand zu halten. Als Studentin kenne ich jedoch auch die andere Seite: Bücher sind entliehen, nicht mehr auffindbar und vor dem Kopierer steht man 20 min im Stau. Hier ist ein Ebook viel praktischer, es ist jederzeit (!) und allerorts (mit entspr. Bibliotheksaccount) zugänglich und abrufbar und - je nach Lizenz - am PC speicherbar oder zum Ausdrucken. Außerdem ermöglichen Suchmaschinen punktgenaues Auffinden von Stichwörtern.
    Für mich sind E-books vor allem in Forschung und Wissenschaft unentbehrlich. Dass sie sich auch in der Belletristik durchsetzen können, wage ich zu bezweifeln.

    Texte in e-books können anhand von Prüfsummen vor Manipulation, bzw. jeglicher Art von Veränderung geschützt werden oder diese anzeigen. Dieses Argument zählt also nicht. Das Gegenteil ist der Fall. Oder können Sie alle Wörter eines gedruckten Buches mit dem "Original" vergleichen um eine Veränderung des Inhalt (zB bei einem Nachdruck) auszuschließen?

    Generell stimme ich den Bedenken zu. Doch muss man hier generell zwischen Belletristik und Fachliteratur unterscheiden.
    Privat habe ich es auch lieber, ein (richtiges) Buch in der Hand zu halten. Als Studentin kenne ich jedoch auch die andere Seite: Bücher sind entliehen, nicht mehr auffindbar und vor dem Kopierer steht man 20 min im Stau. Hier ist ein Ebook viel praktischer, es ist jederzeit (!) und allerorts (mit entspr. Bibliotheksaccount) zugänglich und abrufbar und - je nach Lizenz - am PC speicherbar oder zum Ausdrucken. Außerdem ermöglichen Suchmaschinen punktgenaues Auffinden von Stichwörtern.
    Für mich sind E-books vor allem in Forschung und Wissenschaft unentbehrlich. Dass sie sich auch in der Belletristik durchsetzen können, wage ich zu bezweifeln.

    Texte in e-books können anhand von Prüfsummen vor Manipulation, bzw. jeglicher Art von Veränderung geschützt werden oder diese anzeigen. Dieses Argument zählt also nicht. Das Gegenteil ist der Fall. Oder können Sie alle Wörter eines gedruckten Buches mit dem "Original" vergleichen um eine Veränderung des Inhalt (zB bei einem Nachdruck) auszuschließen?

  2. den bestraft das Leben, oder wie war das? Die Musikindustrie hat sich auch lange gewehrt und gesträubt, aber letztlich gibt es doch digitale Musik ohne Kopierschutz. Den meisten Verlagen geht es finanziell sehr viel schlechter als damals der Musikindustrie und mit solchen völlig absurden Einschränkungen werden sie nur eines erreichen: Piraterie ohne Ende und ohne schlechtes Gewissen. Schon jetzt gibt es kaum ein E-Book, das mit etwas Aufwand nicht irgendwo im Netz zu finden wäre, umsonst und in offenen Formaten. Das ist ein Kampf gegen Windmühlenflügel. Was nötig ist, sind faire Preise, praxisgerechte Bedingungen und echter Mehrwert für den Benutzer gegenüber Raubkopien.

    Und was "Bücher bleiben Bücher" angeht: Ja, stimmt. Das ist kein Ersatz. Das ist was Neues. Da wird es neue Märkte geben und neue Produkte und neues Nutzerverhalten. Wer das nicht einsieht und lieber an seinen Büchern riecht, der soll das tun (tue ich auch manchmal), aber er soll nicht erwarten, dass alle anderen das auch tun. MP3s sind auch kein Ersatz für LPs, aber sie werden trotzdem gekauft und gehört.

    • Puzi
    • 21.10.2009 um 13:02 Uhr

    Wohl wahr - ein eBook ist kein Ersatz für ein Buch.
    Wie oft hat mein schöner Kandel - Principles of Neuroscience (A4, 1600 Seiten) meinen Wäscheständer vor dem Umkippen bewahrt. Das geht mit den 300g eines eBooks nicht.

    ABER ich bin nicht an einem Buch interessiert, sondern an einer Geschichte oder Informationen. Und solange sie mir auf eine Art und Weise präsentiert werden, dass der Informationsfluss gewährleistet ist und ich nicht aus meiner Fantasie gerissen werde, ist mer vollkommen schnurz ob das Ding aus toten Bäumen oder geschmolzenem Sand besteht.

    • pekka
    • 21.10.2009 um 13:07 Uhr

    @ Alexander76: Im Prinzip stimme ich Ihnen zu, bei "normalen" (Romane etc.)Büchern gilt auch für mich: das "echte" sprich gedruckte Buch ist die erste Wahl.
    Aber bei Fachbüchern sieht es komplett anders aus, da brauche ich dann nur ein paar Seiten, will es mit in die Uni nehmen oder im Zug lesen oder oder oder, bei solchen Werken finde ich es einfach praktischer, wenn ich die Bücher als E-Book mitnehmen kann.
    Ansonsten: blöde Gängelung, einfach unverständlich...

    • djvs77
    • 21.10.2009 um 13:26 Uhr

    Ich finde digitale Bücher sehr praktisch. Als Fernstudent benutze ich schon jetzt die Möglichkeit Skripte elektronisch zu lesen und mit meinem Lesegerät (einem Tablet PC) auch zu kommentieren. Man kann sehr schnell nach Schlüsselwörtern suchen und sogar in die digitalen Dokumente hineinschreiben. Versuchen Sie dass mal bei einem geliehenen Buch, ohne den Kopf aberissen zu bekommen. ;-)
    Mal sehen, wie komfortabel die Programme und Hardware in ein paar Jahren sind - und - geben dem Ganzem doch erst einmal die Chance..
    Ansonsten - Lizenzen sind einfach nur ein Klotz am Bein wie DRM

  3. Generell stimme ich den Bedenken zu. Doch muss man hier generell zwischen Belletristik und Fachliteratur unterscheiden.
    Privat habe ich es auch lieber, ein (richtiges) Buch in der Hand zu halten. Als Studentin kenne ich jedoch auch die andere Seite: Bücher sind entliehen, nicht mehr auffindbar und vor dem Kopierer steht man 20 min im Stau. Hier ist ein Ebook viel praktischer, es ist jederzeit (!) und allerorts (mit entspr. Bibliotheksaccount) zugänglich und abrufbar und - je nach Lizenz - am PC speicherbar oder zum Ausdrucken. Außerdem ermöglichen Suchmaschinen punktgenaues Auffinden von Stichwörtern.
    Für mich sind E-books vor allem in Forschung und Wissenschaft unentbehrlich. Dass sie sich auch in der Belletristik durchsetzen können, wage ich zu bezweifeln.

    Antwort auf "Kein Ersatz"
  4. Ich habe ein naturwissenschaftliches Studium absolvert und "zur Examenszeit absichtlich verstelle Bücher" sind mir Zeit meines Lebens nur als urbane Legende begegnet. Ich frage mich, ob es sich dabei nur um einen Mythos handelt, oder ob der verantwortliche Typus Mensch nur in anderen Studiengängen geformt wird, etwa denen, aus denen sich bevorzugt Journalisten und Politiker rekrutieren.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Dann darf ich dir gratulieren, du hast wohl nie von deiner Bibliothek die Nachricht bekommen, "dieses Medium ist nicht auffindbar". In den Geisteswissenschaften gibt es das sehr wohl. Es ist zwar nicht so, dass es besonders häufig passiert, aber wenn doch, ist es ziemlich ärgerlich.

    Dann darf ich dir gratulieren, du hast wohl nie von deiner Bibliothek die Nachricht bekommen, "dieses Medium ist nicht auffindbar". In den Geisteswissenschaften gibt es das sehr wohl. Es ist zwar nicht so, dass es besonders häufig passiert, aber wenn doch, ist es ziemlich ärgerlich.

  5. Dann darf ich dir gratulieren, du hast wohl nie von deiner Bibliothek die Nachricht bekommen, "dieses Medium ist nicht auffindbar". In den Geisteswissenschaften gibt es das sehr wohl. Es ist zwar nicht so, dass es besonders häufig passiert, aber wenn doch, ist es ziemlich ärgerlich.

    Antwort auf "Mythos?"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service