Was Onlinemedien veröffentlichen, ist nicht unwiderbringlich in der Welt, digitale Inhalte lassen sich auch nach Jahren noch spurlos verändern. Das weckt Begehrlichkeiten bei jenen, die sich falsch dargestellt sehen. Vor allem, weil oft ein Anruf dazu reicht. Genügt der nicht, tut es bestimmt ein Brief des Rechtsanwalts. "Die Androhung einer Unterlassungsklage veranlasst viele Medien in vorauseilendem Gehorsam Artikel aus dem Netz zu nehmen", sagt Frauke Ancker, Geschäftsführerin des Bayerischen Journalistenverbands (BJV). "Hier scheuen viele die Prozesskostenrisiken und geben auch nach meiner Meinung eine Unterlassungserklärung recht schnell ab", sagt die Münchner Juristin, die BJV-Mitglieder regelmäßig in Rechtsfragen berät.

Das Problem: Zeitungspapier lässt sich nur einmal bedrucken. Heute aber genügen ein paar Klicks im Redaktionssystem, und ein Text ist korrigiert oder gar vollständig gelöscht. Dass vor allem kleinere Blogs und Foren juristischen Drohungen sofort nachgeben, bestätigt David Schraven vom Blog Ruhrbarone.de. Er selbst bekäme ungefähr einmal in der Woche Post vom Rechtsanwalt, sagt er. Fehler würde er natürlich sofort korrigieren. Im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen würde er aber unterscheiden: "Wenn ich weiß, dass ich Recht habe, dann bleibe ich hart."

Wie im Fall der nordhrein-westfälischen SPD-Abgeordneten Hannelore Kraft. Schraven hatte entdeckt, dass Kraft Passagen in ihrem Lebenslauf nachträglich "gekürzt" hatte. Einst stand auf ihrer Homepage, dass sie von 1989 bis 2001 für das Zentrum für Innovation und Technik (ZENIT) tätig war. Später hieß es über genau diesen Zeitraum nur noch, sie hätte als "Unternehmensberaterin und Projektleiterin" gearbeitet. "Vielleicht liegt es daran, dass die Zenit GmbH in einen der großen NRW-Förderskandale verwickelt war, in dessen Verlauf die Rolle von Hannelore Kraft kritisch hinterfragt wurde?", hatte sich Schraven daraufhin in seinem Blog gefragt. Hannelore Kraft ging juristisch gegen diesen Eintrag vor. Doch Schraven ließ sich nicht dazu bewegen, eine Unterlassungsklage zu unterzeichnen und darf es bis heute behaupten. "Ich glaube dennoch, dass die meisten Leute, um Ärger zu vermeiden, eher sofort einlenken und die kritischen Sätze zurückziehen", sagt er.

Solche Klageversuche treffen aber nicht nur Blogs und freie Journalisten ohne eigene Rechtsabteilung, sondern auch die Online-Redaktionen großer Zeitungen. Das Problem: "Die Unterlassungserklärung ist ein interner Vorgang zwischen Verlag und Kläger und wird dem Leser oder Mediennutzer nicht bekannt", sagt Frauke Ancker vom Bayerischen Journalistenverband. Im Zweifel also fällt es niemandem auf, dass der Inhalt eines Textes zuvor ein anderer war. Bei den "klassischen" Klageformen Gegendarstellung und Widerruf ist das anders. Hier werde zum Teil sehr verbissen gekämpft, sagt Ancker. Denn beide, wird der Klägeranspruch vom Gericht anerkannt, müssen veröffentlicht werden.

Der Axel Springer Verlag etwa ließe es grundsätzlich auf ein Verfahren ankommen, erzählt der Berliner Anwalt Michael Plüschke, der oft die Seite der Kläger vertritt. Für Bild mag das ein funktionierendes Geschäftsmodell sein – sensationelle Auflage gegen die später anfallenden Prozesskosten zu verrechnen. Aber wie andere, weniger gut verdienende Medien mit Post vom Anwalt umgingen, würde die Öffentlichkeit kaum mitbekommen.

Plüschke schätzt, dass etwa 90 Prozent der einstweilgen Verfügungen sofort akzeptiert würden, "wenn nicht sogar noch mehr". Es könne sogar klug sein, einen Eintrag sofort zu löschen, selbst wenn das Medium es auf ein Verfahren ankommen lassen will. Denn im Fall eines Urteils auf Schadensersatz oder Schmerzensgeld spielt auch die Zeit eine Rolle, die ein Text für alle sichtbar im Netz gestanden hat, sagt der Anwalt. Seiner Erfahrung nach würden Blogs und Foren strittige Einträge in der Regel sofort löschen. "Die gucken sich das gar nicht mehr an."

Dabei beschweren sich gar nicht unbedingt "normale" Menschen, die Falsches über sich lesen. Es sind vor allem Prominente oder Wohlhabende mit wirtschaftlichen Interessen. Jene vor allem, die mit ihrem Image Geld verdienen.

Von dem investigativem Journalisten und Buchautor Jürgen Roth ("Der Deutschland-Clan"), der einst vor Kanzler Schröder einknicken musste, um seine Informanten im Gazprom-Fall zu schützen, stammt die Einschätzung: "Die Gerichte haben noch überhaupt nicht verstanden, wie Wirtschaftskriminalität funktioniert, deren Köpfe sich bei uns juristisch auch über Persönlichkeitsrechte schützen."

Das würde Daniel Schmitt von der Webseite Wikileaks wohl bestätigen. Auf Wikileaks landen nicht nur Geheimdokumente von allgemeinem Interesse, die nie für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Sondern auch Artikel und Berichte, die aus Medien wieder gelöscht, oder kurz vor der Veröffentlichung zurückgezogen wurden. Laut Schmitt ist die Rechtssprechung in Großbritannien besonders regressiv, weshalb viele, die negative Publicity bekämpfen wollten, den Gerichtsort gerne durch ein paar Taschenspielertricks nach London verlegten. Aktueller Fall ist das Verbot für Zeitungen wie den britischen Guardian, über den Giftmüllskandal der Firma Trafigura zu berichten. In einem anderen Fall musste der Guardian  in der Folge einer Unterlassungserklärung einen Artikel über die britische Chiropraktiker-Vereinigung löschen, weil der Autor das Einrenken der Wirbelsäule als „bogus treatment" bezeichnet hatte – was soviel wie „Placebo-" oder „betrügerische" Behandlung bedeuten kann. Es genügte, um den Text darüber verschwinden zu lassen. (Nachtrag: Allerdings hat der Guardian seinen Autor im Kampf gegen die Klage unterstützt. Und inzwischen auch gewonnen.)

Aber auch in Deutschland gäbe es einige Fälle, sagt Schmitt. Darunter etwa Texte wie den Spiegel-Artikel vom 21. Mai 2009, der laut Wikileaks einige Tage nach der Veröffentlichung von den Seiten entfernt wurde: Es geht darin um systemische Bestechung von Politikern durch die Telekom. Selbst ein Artikel über das neue Album der Band "Rammstein" musste wieder von den Seiten der Augsburger Zeitung verschwinden, weil er den Titel des neuen Albums verriet – was nicht zur geheimniskrämerischen PR-Strategie der Rockband passte. Eine Liste zensierender Gerichtsurteile findet sich auch auf der Seite Buskeismus, gesammelt von einem pensionierten Physiker. Der dachte, er hätte in der ehemaligen DDR bereits genug Erfahrungen mit Zensur gemacht. Doch dank des Internets und der aktuellen Rechtsprechung, die für einen kurzen Blogbeitrag schnell fünfstellige Beträge androht, wird seine Liste immer länger.

2. Teil: Das löchrige Gedächtnis – wie Unterlassungsklagen riesige Lücken in die Online-Archive reißen