Warten auf den Prozessor Computer erniedrigen uns

Menschen sind Sklaven ihrer Rechner und merken das immer dann, wenn sie auf sie warten müssen: 85 Tage unseres Lebens verbringen wir im Durchschnitt damit.

Warten empfinden Menschen erst dann als unangenehm, wenn das Verstreichen der Zeit in den Fokus gerät

Warten empfinden Menschen erst dann als unangenehm, wenn das Verstreichen der Zeit in den Fokus gerät

Wenn man den Fernseher anschaltet, kommt ein Bild. Drückt man den Toaster herunter, beginnen die Drähte zu glühen. Und auch Autos fackeln nicht lange damit, ihren Dienst aufzunehmen. Nur Computer lassen gerne auf sich warten. Laut einer Studie, die das Marktforschungsinstitut CN St. Gallen im Auftrag des Chipherstellers Intel gemacht hat, verbringt der Mensch jede Woche 51 Minuten mit dem Warten auf seinen Rechner. Das macht bei 50 Jahren Computernutzung 85 Tage verschwendeter Lebenszeit.

Zwar werden Computer immer leistungsfähiger – laut dem sogenannten Moorschen Gesetz verdoppelt sich die Zahl der Transistoren und damit die Leistung eines Computerchips alle zwei Jahre. Aber die Aufgaben, die ein PC bewältigen muss, nehmen noch viel schneller zu. Kam Microsofts Betriebsprogramm Windows XP noch mit einem 233 Megahertz-Prozessor aus, benötigte Nachfolger Vista bereits 800 Megahertz. Windows 7 verlangt gar ein Gigahertz Rechenleistung. Ähnlich rasant werden Webseiten komplexer, zu ladende Datenmengen größer und Spielegrafiken aufwendiger. Und fressen so den potenziellen Geschwindigkeitsvorsprung schneller wieder auf, als der Nutzer nachrüsten kann. So wird der Zustand, in dem der Rechner auf Tastenanschlag spurt, vermutlich nie Wirklichkeit.

Anzeige

Wie wichtig das Gefühl ist, einen Knopf zu drücken und damit unmittelbare Reaktionen auszulösen, zeigt das Beispiel der Knöpfe an Fußgängerampeln: Viele von ihnen haben überhaupt keinen Einfluss mehr darauf, wann der Verkehr angehalten wird. Kommunen stecken jedoch weiterhin Geld in die Wartung der elektronischen Anzeigen. Es gibt den Menschen nämlich ein gutes Gefühl, ihre Wartezeit aktiv gestalten und vermeintlich mitbestimmen zu können, wie ihre Umwelt reagiert. Einige passionierte Fußgänger vertreten gar die These, man könne mit einer bestimmten Knopftaktik den Verkehrsfluss zu seinen Gunsten beeinflussen (kurz und schnell drei Mal hintereinander drücken zum Beispiel), und stellen davon YouTube-Videos ins Netz.

Wenn man in eine Suchmaschine die Begriffe "Computer" und "schneller" eingibt, spuckt das Netz eine rekordverdächtige Zahl von Foren und Hilfeseiten aus, mit Tipps, wie man seinen Rechner wieder Beine macht. Schnelligkeit ist der Intel-Befragung zufolge den Computernutzern sogar noch wichtiger als Akkulaufzeiten.

Im Zweifel motiviert der Ärger über lange Wartezeiten gar zum Neukauf: Ein Drittel aller deutschen Computer ist maximal ein Jahr alt, ein weiteres Viertel nicht älter als zwei Jahre. Bei den Kaufkriterien rangieren Geschwindigkeitsmerkmale weit oben: Am wichtigsten ist der Arbeitsspeicher (55 Prozent), dann folgt der Preis (51 Prozent) und die Prozessorleistung (50 Prozent). Und in einer aktuellen Umfrage der Zeitschrift GameStar gaben mehr als die Hälfte der 1000 Befragten an, dass die langen Ladevorgänge sie an PC-Spielen am meisten störten.

Ihr Frust könnte künftig noch zunehmen, denn das Moorsche Gesetz, das nun schon seit 1965 gilt, steht nach Meinung vieler Experten auf der Kippe. Schuld sind der anhaltende Preiskampf auf dem Computermarkt und der Trend zu immer kleineren Rechnern. Dabei schrumpft nämlich die Gewinnmarge, und die Firmen haben weniger Geld für die teure Forschung an neuen Computerchips.

Der kalifornische Branchenexperte Steve Szirom prophezeite schon vor zwei Jahren: "Das gewohnte Tempo, in dem Computer heute leistungsfähiger gemacht werden, lässt sich nicht mehr lange durchhalten." Kürzlich machte sich auch der Intel-Konkurrent Nvidia über das Mooresche Gesetz lustig. Intel-Chef Paul Otellini gab aber wenig später Entwarnung: "Das Moorsche Gesetz ist der Beweis menschlicher Kreativität und kein Naturgesetz", sagte er kürzlich auf einer Konferenz in China und spendete damit allen, die nicht gerne auf ihre Maschinen warten, neue Hoffnung.

Leser-Kommentare
  1. Die Argumentation ist nicht ganz nachvollziehbar. Die Schnelligkeit mit der man heute Software und das Internet nutzen kann ist so groß wie nie zuvor.

    Jeder, der früher mit einem analogen Modem gesurft ist oder Computer wie den C64 genutzt hat, kann die heutige Geschwindigkeit und die atemberaubenden Möglichkeiten nur schätzen. Daher bin ich der Meinung, dass viele Menschen nicht durch das Warten auf Computer, sondern durch die Überforderung, die mit der always-on-Informationsflut einhergehen kann, Probleme haben.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • sMon
    • 19.11.2009 um 18:15 Uhr

    ...würde länger dauern. Abgesehen davon schreibe ich dies gerade, weil ich auf eine Spieleinstallation warte. Zufälle gibt es...

    • sMon
    • 19.11.2009 um 18:15 Uhr

    ...würde länger dauern. Abgesehen davon schreibe ich dies gerade, weil ich auf eine Spieleinstallation warte. Zufälle gibt es...

    • sMon
    • 19.11.2009 um 18:15 Uhr

    ...würde länger dauern. Abgesehen davon schreibe ich dies gerade, weil ich auf eine Spieleinstallation warte. Zufälle gibt es...

  2. ....nicht nur als "Blechkiste" oder "Fernseher mit weit reichenderen Funktionen" betrachtet, sondern ihn schätzt, pflegt und in ihn hinein, ja zuhört, der lernt ihn auch zu verstehen.
    Das setzt natürlich auch voraus, dass sich der USER mit seinem Gegenüber beschäftigt, mit ihm und von ihm lernt.

    In einer Gesellschaft, in der aber keiner dem anderen mehr so richtig zuhört, ja sogar weg gehört und weg gesehen wird, da wird der Mensch zum Sklaven seiner eigenen Technik.

    Meinem Rechner höre ich zu, schaue ihn ihn hinein und versuche täglich, ihn besser zu verstehen.

    Vielleicht warte ich auch deshalb nicht so lange, bis meine beiden "Blechkisten" hochfahren.

    Immerhin ist der eine schon über 9 Jahre alt (nachgerüstet) und der andere bringt es so langsam auf 1 1/2 Jahre.

    Da ich die "Kisten" kenne, arbeite ich mit ihnen so, dass ich meine Anwendungen "gerecht" auf beide Schultern verteile.

    Bisher haben es beide mir mehr als 1x dankend zurück gezahlt!

    Übrigens:

    Wer zu lange beim Booten wartet, der sollte erst einmal seinen Autostart ausmisten, die Festplatte defragmentieren, die Partition C als eigenes Laufwerk einrichten, bei zwei gleichen Platten die Auslagerungsdatei auf die andere Platte in einer separaten Partition laufen lassen...

    ...und dann sollte man den "Ruhezustand" aktivieren - spart viel Zeit, ehrlich!

    Ausserdem:

    Einen Rechner kauft man nicht bei ALDI, Media, Saturn und Co., sondern lässt ihn beim Fachhändler hardwareseitig ausstatten, der Effizienz wegen!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Einen Rechner kauft man nicht bei Aldi.."
    geht es noch unqualifiizierter?
    die Parameter sind klar: Wer will den Rechner wofür um wie viel Geld, mit welche heimservice etc.und da kann ein Aldi-Rechner sehr wohl uU mithalten...

    PS.: Ich baue mir meine Rechner sowohl selbst zusammen als ich auch welche von ALDI zB kaufe (zB für Bekannte oder auch für mich )...
    Bitte vorher denken, bevor....

    "Einen Rechner kauft man nicht bei Aldi.."
    geht es noch unqualifiizierter?
    die Parameter sind klar: Wer will den Rechner wofür um wie viel Geld, mit welche heimservice etc.und da kann ein Aldi-Rechner sehr wohl uU mithalten...

    PS.: Ich baue mir meine Rechner sowohl selbst zusammen als ich auch welche von ALDI zB kaufe (zB für Bekannte oder auch für mich )...
    Bitte vorher denken, bevor....

    • eras
    • 19.11.2009 um 18:39 Uhr

    ...vor dem Computer findet sich ausgerechnet dieser Satz:

    "Und in einer aktuellen Umfrage der Zeitschrift GameStar gaben mehr als die Hälfte der 1000 Befragten an, dass die langen Ladevorgänge sie an PC-Spielen am meisten störten."

    Hmmh, PC-Spiele sind unbestritten die 1st-Class der Zeitverschwendung. Wenn ich da nur an die stundenlang zum Zombie erstarrten Freunde denke, die vom World of Warcraft-Virus infiziert waren. Beim virtuellen Angeln zum Beispiel, gehts noch sinnbefreiter?

    Wer seinen Tag halbwegs effizient organisiert, der sitzt bestimmt nicht beim Hochfahren des Rechners vor dem Gerät und starrt auf den Bildschirm. Im Büro schaltet man den Rechner zuerst an und nutzt dann die Startzeit (sind ja heutzutage nur ein paar Sekunden) um den Kollegen einen Guten Morgen zu wünschen, einen Anruf zu tätigen oder die Post durchzusehen. Und im laufenden Betrieb ist bei modernen Computern mit einer halbwegs schnellen Internetverbindung eigentlich kaum mehr irgendeine Verzögerung zu spüren.

    Das war mal ganz anders, da muss ich #1 zustimmen. Damals hiess es "Press play on tape" und dann hatte man Zeit für einen Kaffee, eine Zigarette, eine Steuererklärung...

    • eras
    • 19.11.2009 um 18:55 Uhr

    Noch eine kleine Anmerkung: Ich hatte die Tage eine Doktorarbeit auf den Knien, die noch aus der Vor-Computer-Ära stammte. Hat man schon fast vergessen, wie das Arbeiten damals aussah.

    Mal eben schnell ein paar Daten ins Tabellenprogramm und dann mit ein paar Klicks ein Programm erstellt? Nö, war damals nicht. Der hat seine 20 Tabellen und die dazugehörigen Diagramme alle schön von Hand gezeichnet. Und wenn man auf der Seite einen Tippfehler hatte, dann konnte man dass nicht mal eben schnell weglöschen und neuschreiben. Da hiess es: Tippex oder nochmal von vorn...
    Darüber hinaus möchte ich gar nicht wissen, wieviel Briefe der aufgesetzt und verschickt hat, um an Daten zu kommen, die man heute mit ein paar Klicks im Netz findet. Dann tagelage Warterei, bis ein Brief zurückkam.

    Selbst die Suche nach dem gewünschten Ansprechpartner dauerte eventuell Stunden, weil man ja in der Regel nur das lokale Telefonbuch zur Hand hatte...

    Ich halte die Geschichte vom Zeitverschwender Computer für einen kompletten Mythos.

    • eras
    • 19.11.2009 um 18:59 Uhr

    ..."Diagramm erstellt." heissen. Wann führt die Zeit eigentlich endlich mal eine "Edit"-Funktion ein? Das hier ist nämlich echte Zeit- und Platzverschwendung.

  3. "Drückt man den Toaster herunter, beginnen die Drähte zu glühen."
    Das Beispiel aus der Einleitung mag ein Hinweis geben, dass es eigentlich nicht die Wartezeit an sich, die den Autor størt, sondern der Computer.

    Die wenigsten Leute schalten ihren Toaster ein, um gluehende Dræhte zu sehen, das Ziel heisst Toast und dafuer muss man -nach der Logik des Autors vom Toaster erniedrigt- ganz genau: warten.
    Beim Kaffe zum Toast zeigt sich das gleiche Problem.

    Ich denke, manche Menschen empfinden das Warten auf den Rechner, im Unterschied zum Warten auf Toast und Kaffe, als størend, weil sie nicht wissen, wie ein Computer zumindest grob funktioniert und sich daher nicht erklæren kønnen, warum sie warten muessen.

    • Boal
    • 19.11.2009 um 19:23 Uhr

    Wenn Moores Gesetz weiterläuft (wovon wir ausgehen sollten, die nächsten 2 Generationen an Chips sind schon in den Labors), dann kann man sich 2030 die Rechenleistung des Gehirns bei Aldi kaufen, für ~1000 Euro. Ob die Rechner danach auch so geduldig mit uns sein werden? ;-)

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service