Soziale Netzwerke : Wie Netzdokumente aufklären helfen

Dank YouTube, Twitter und Blogs ist die Katastrophe von Duisburg gut dokumentiert. Soziale Netzwerke könnten zur Aufklärung beitragen – wenn man die Nutzer ernst nimmt.

Sie klagen an, sie wollen verstehen und ihre Erlebnisse verarbeiten: Die Katastrophe von Duisburg findet auf Blogs, YouTube , Twitter und Facebook ihren Nachhall. Tausende Internetnutzer formulieren seit Samstagabend in sozialen Netzwerken ihren Ärger, ihr Entsetzen, stellen unbequeme Fragen und geben Hinweise auf Fehler im Sicherheitskonzept.

Viele Fragen gilt es derzeit zu klären: An welcher Stelle ist die Panik ausgebrochen, welche möglicherweise falschen Entscheidungen haben die Sicherheitskräfte vor Ort getroffen, und hätte man die Anzeichen nicht schon viel früher erkennen müssen? Was genau passiert bei einem solch chaotischen Phänomen wie einer Massenpanik? Selten war ein solches Ereignis so gut dokumentiert.

Das könnte bei der Aufklärung der genauen Hintergründe des Unglücks helfen. Nützlich könnten dabei beispielsweise die Gedächtnisprotokolle sein, die viele Augenzeugen der Katastrophe verfasst und im Netz veröffentlicht haben. Hier ist zum Beispiel von "Polizeiversagen " die Rede: " Primär aufgrund fehlender Kommunikation seitens der Polizei und nicht vorhandener Ausschilderung entstand unnötige Verwirrung! ", schreibt der Blogger. In diesem Gedächtnsiprotokoll ist ein Video eingebettet, das von einem Freund des Betroffenen mit dem Handy aufgenommen wurde und das Gedränge kurz vor der Panik sehr gut wiedergibt.

Eindrückliche Worte findet auch dieser Eintrag : " So näher wir kommen, um so bedrückender werden die Bilder. Die Flucht über die Treppe ist chaotisch. Sie ähnelt einem Kampf auf Leben und Tod. So sehr zerren die Leute aneinander, um der Masse zu entkommen. Ordner und Polizisten ziehen Leute aus der Menge hinauf auf die Treppe. Doch alle Beteiligten wirken überfordert. Polizisten beobachten von oben die Szenerie. " Und dann, ein Absatz später: " Ein junger Mann, nicht älter als 25 Jahre, versucht an einem dünnen Kabel die Mauer empor zu klettern. Zwei, drei Meter schafft er es. Dann stürzt er in die Menge. Nach und nach kommen weinende und schreiende Menschen aus der Menge. Manche humpeln. Andere heulen. Einige Polizisten der Hundertschaft rennen an uns vorbei in die Menge. 'Haut ab! Geht nach oben!', schreien sie. " Vielleicht nur persönliche Berichte, nicht zu vergleichen mit einer Zeugenaussage bei der Polizei, dafür unmittelbar nach dem Vorfall verfasst und für alle im Netz zu finden.

Und in diesem Blogeintrag beschreibt eine Besucherin, dass sie selbst zuerst mithilfe von Twitter überhaupt erfahren habe, was genau passiert sei. " Als 'Twittersüchtige' (wurde ich kurz vorher noch neckisch beschrieben) war mir klar, dass ich am schnellsten die Infos über das Geschehene bei Twitter heraus bekomme. Und während mein Handy sich schwer tat ins Netz zu kommen, wurde ich immer unruhiger. Was war geschehen? Kaum konnte ich mich einloggen, las ich als erstes einen Tweet von @lana74 die sich danach erkundigte, ob es mir gut geht. Mit einem Mal kamen zig Tweets und DMs von meinen liebsten Twitterern, die sich Sorgen um mich machten ."

Noch fehlt eine zentrale Sammelstelle für die Info-Schnipsel. Hashtags , also Schlagworte für Twitter wie #loveparade , helfen allein nicht weiter. Auch nicht, wenn ein Tweet jetzt dazu aufruft, hier online Anzeige wegen fahrlässiger Tötung zu erstatten. Weil die Veranstalter die tatsächliche Zahl der Besucher auf der Pressekonferenz herunterzuspielen versuchten, ruft via Twitter auch eine Seite dazu auf, sich auf dieser Seite beim Clickcounter registrieren zu lassen. Bislang haben sich 28.670 Besucher hier gemeldet. Es fehlen Möglichkeiten, diese Angaben zu verifizieren, also ein offizieller Partner für die Sammelstelle.

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Kommentare

8 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Besucherzahl anhand von Einwahlversuchen am nächsten Sendemast?

Es ist ja auch noch nicht geklärt, wieviele Besucher tatsächlich auf der Love-Parade waren. Jedes Handy versuchs sich doch an den umliegenden Sendemasten in der Netz-Zelle "einzuwählen". Wäre es nicht möglich anhand von diesen Einwahl-Versuchen unterschiedlicher SIM-Karten die ungefähre Besucherzahl zu bestimmen? Irgendwo werden diese Daten doch gespeichert. Da man davon ausgehen kann, dass ungefähr jeder Besucher ein Handy dabei hatte, könnte man doch so auf eine verläßlichere Zahl als die 105.000 Besucher kommen...

geht nicht

Dein Gedanke ist zwar gut, aber nicht umsetzbar. Pro Zelle können sich im GSM Netz ca. 7 Teilnehmer anmelden (TDD=Zeitschlitzverfahren), jeder weiterer Teilnehmer wird erst gar nicht von der BS (Basisstation) aufgenommen.

Das Handy versucht eine gewisse Anzahl (je nachdem wieviel Versuche programmiert bzw. festgelegt wurden), sich an der Basis anzumelden. Nach dem X Versuch, wird der Vorgang abgebrochen und ein Fehler (sichtbar oder nicht), wird ausgegeben (am Handy).

Die BS hat von den Versuchen nichts mitbekommen... Dieses wird der Basis beim nächsten Empfang (auch Aus- u. Einschalten des Handys), auch nicht übertragen... Man könnte noch weiter ausholen (Eigenstörung = Handy stört Handy) aber lassen wir das mal...

Soziale Medien als Abbild der Gesellschaft

Ganz sicher haben Social Media eine wichtige Rolle am Tag des Unglücks gespielt (Information, Dokumentation, ...) - und spielen sie noch. Wie Twitter in Notlagen helfen kann, habe ich selbst in einem viel weniger drastischen Zusammenhang erlebt und dokumentiert: http://goo.gl/T0m5

Man darf aber auch nicht verkennen, dass z.B. am Samstagabend über Twitter auch eine grosse Menge wirklich blödes und wirres und kaum hilfreiches Zeug verbreitet wurde, genauso wie seitdem in Blogs und Kommentaren.

Und auch findet man natürlich Aussagen von Teilnehmern wie "die Loveparade war super organisiert" - bei der Suche nach den Ursachen wurde diese - sicher unbeabsichtigt - bisher ausgeblendet.

Twitter & Co sind eben soziale Mediem und damit auch Abbild der Gesellschaft! Mit allen Höhen und Tiefen!