Irak-Akten "Wikileaks sollte das Rampenlicht meiden"Seite 2/2

ZEIT ONLINE: Ist es – technisch betrachtet – ein großer Aufwand, die Namen vor der Veröffentlichung zu entfernen?

Snorasson: Es gibt keine Technik, keinen Algorithmus, um automatisch sensible Informationen erkennen zu können. Es muss immer ein Mensch über die Berichte schauen. Das heißt, eine große Gruppe von Menschen muss jeden Bericht Wort für Wort lesen und herausfiltern, welche Informationen gefährlich sein könnte für das Leben der Zivilisten.

ZEIT ONLINE: Dann müssen die Irak-Dokumente besonders viel Arbeit gemacht haben. Wer hat die übernommen?

Snorasson: Das weiß ich nicht, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es keine technische Lösung gibt. Diese Art von Analyse bedarf eines Verständnisses des Textes. Man kann sich nie sicher sein, dass man mit einem regelgeleiteten Ansatz alles Relevante entdeckt. Zumindest muss man sich auch überlegen, ob es ausreicht, einen Namen zu entfernen, wenn es noch Informationen darüber hinaus geben könnte, die zur Identifikation einer Person führen könnten.

ZEIT ONLINE: Früher hat sich Wikileaks mit seinen Veröffentlichungen auch für beispielsweise die afrikanische Zivilbevölkerung eingesetzt. Warum gab es in letzter Zeit so wenig kleinere Veröffentlichungen, warum hat sich Wikileaks derart auf die USA und die westlichen Staaten als Hauptfeind gestürzt?

Snorasson: Zum Teil ist das, glaube ich, gar keine bewusste Entscheidung gewesen, sondern hängt schlicht damit zusammen, dass Wikileaks eine engere Verbindung zur englischsprachigen Welt hat, und zum Westen im allgemeinen.

ZEIT ONLINE: War dieser Punkt intern Gegenstand von Kontroversen?

Snorasson: Das Problem war eher, dass man sich auf die großen, Schlagzeilen-generierenden Geschichten gestürzt hat, und das zu Lasten der Ressourcen für kleinere Geschichten ging.

ZEIT ONLINE: Glauben Sie, dass Wikileaks überleben wird?

Snorasson: Ich gehöre da zu den Skeptikern. Es scheint, dass durch die internen Reibereien die kompetentesten und fähigsten Mitglieder herausgedrängt wurden und nur noch eine Art leere Hülle um Julian Assange geblieben ist. Ich finde das unglaublich enttäuschend. Ob es eines Tages eine neue Seite ähnlicher Art geben wird, muss sich zeigen. Ich bin an keinem konkreten Projekt beteiligt, aber natürlich hoffe ich, dass die Idee nicht stirbt und ich werde mein Möglichstes dazu beitragen.

ZEIT ONLINE: Daniel Domscheit-Berg hat gesagt, es könnte in Zukunft vielleicht viele Wikileaks geben. Was sollte man besser machen?

Snorasson: Eine solche Plattform sollte das Rampenlicht unbedingt meiden. Und sie sollte selbst transparenter operieren.

ZEIT ONLINE: Insofern ist der "größte Leak in der Geschichte der USA", die 400.000 Dokumente aus dem Irak-Krieg, nicht unbedingt geeignet, Wikileaks aus dem Rampenlicht zu ziehen?

Snorasson: Im Interesse von geringerer Sichtbarkeit ist dieser Leak sicher nicht. Aber ich denke, dass es den Leuten, die jetzt die Entscheidungen treffen, ja auch gar nicht daran gelegen ist, weniger sichtbar zu sein.

ZEIT ONLINE: Als Wikileaks zumindest in Deutschland noch unbekannt war, haben sich die Verantwortlichen hin und wieder geärgert, dass Zeitungen sich nicht an die Absprachen gehalten haben: Sie gaben den Scoop dann doch als eigene, investigative Recherche aus, ohne Wikileaks zu erwähnen. Irgendwann ist Wikileaks dazu übergegangen, bestimmten Medien das Material exklusiv zur Verfügung zu stellen. War das die richtige Strategie?

Snorasson: Meiner Meinung nach war es einer der größten Fehler von Wikileaks, darauf zu insistieren, immer als Quelle genannt zu werden. Ich glaube, es ist gar nicht so wichtig, wer als Quelle genannt wird. Es ist einfach nur wichtig, dass die Information ans Tageslicht kommt.

 
Leser-Kommentare
  1. Dieses Wissen wird dann gespiegelt und geht nie verloren. Mir wem kann man dieses Pseudoland noch vergleichen, wenn man nicht an die deutsche Geschichte denken will?

  2. "warum hat sich Wikileaks derart auf die USA und die westlichen Staaten als Hauptfeind gestürzt?"

    Die Fragestellung ist an sich schon merkwürdig und vielleicht auch eine Aussage darüber, in welche Richtung diese "Befragung" gehen soll. Wirklich Aufschlussreich sind die Antworten erwartungsgemäss auch nicht. Der Interviewte "weiss von nichts", das liegt dann wohl sehr nahe bei der Wahrheit.

    Wie kommen Sie, Frau Kopp, zu dem Eindruck, Wikileaks hätte sich gegen "die westlichen Staaten" (hier fehlt mir die Definition, welche das sein sollen) und die USA als "Hauptfeind" gestürzt? Sie vollziehen damit eine Tatsachenumkehrung. Wikileaks produziert weder Dokumente noch Tatsachen, sie veröffentlichen lediglich Interna, die absichtlich vorenthalten werden. Es könnte der Eindruck gewonnen werden, dass das Verbrechen an sich nicht strafbar ist, die Berichterstattung und Anprangerung aber sehr wohl.

    Sind wir wirklich so feige um uns damit abzufinden, dass Kriegsverbrechen durch dauerhafte Indoktrination als normal empfunden werden? Wikileaks kann nicht mehr "klein" auftreten, es wäre schnell veschwunden. Deswegen ist es nicht erstaunlich, dass mit Mitteln der Unterwanderung und Diskreditierung eine in der Öffentlichkeit als positiv empfundene Informationsquelle zerstört werden soll.

    Was tragen die "Protestanten" heute noch bei, ausser Inhaltslose Interviews zu geben - eben, nichts! Sie haben offensichtlich nicht das Potential auch in kritischen Situation zu ihrer Arbeit zu stehen.

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    • Schl
    • 23.10.2010 um 19:07 Uhr

    Ich bitte Sie, es wäre hilfreich aufzuhören Wikileaks bedingungslos in jeder Frage loyal zu sein, weil man hinter jeder Ecke Meinungsmache wittert. Ich finde solche Projekte prinzipiell gut, aber an der Organisation von Wikileaks und seinem derzeitigen, tatsächlich existierenden, Fokus auf den Westen gibt es schon einiges auszusetzen.

    Wikileaks sollte an sich eigentlich einen höheren Anspruch stellen als selber nur, vielleicht durch persönlichen Groll von Assange motiviert, (können wir natürlich nicht sagen) gegen die bösen USA zu feuern. Und bitte unterstellen sie mir jetzt nicht, die USA zu verteidigen. Ich begrüße, dass die Informationen an die Öffentlichkeit kommen genau wie Sie. Das ändert aber nichts an den grundlegenden Verfehlungen.

    "Wikileaks produziert weder Dokumente noch Tatsachen, sie veröffentlichen lediglich Interna, die absichtlich vorenthalten werden"
    Eben nicht! Spätestens seit "Collateral Murder" hat Wikileaks scheinbar allen Anspruch auf Objektivität über Bord geworfen. Das Video wurde absichtlich geschnitten und mit sehr tendenziösem Titel versehen damit die Welt Wikileaks persönliche Einschätzung übernimmt. Ebenso sollte Wikileaks nicht, wie in diesem Fall, eine Show veranstalten und irgendwem Kriegsverbrechen vorwerfen. Das können alles Dritte übernehmen, es sollte nicht Wikileaks' Aufgabe sein! Das Prinzip ist eigentlich sehr einfach und dennoch scheint Wikileaks es nicht zu schaffen pure Veröffentlungsplattform zu bleiben.

    • X-Wing
    • 23.10.2010 um 19:48 Uhr

    Die Frage von Frau Klopp trifft es schon ziemlich gut. Wikileak-Insider wie Daniel Domscheit-Berg aka "Daniel Schmitt", haben über jene Tendenzen berichtet. Ich empfehle dazu das Interview auf SPON: http://www.spiegel.de/spi...

    Dokumente werden eben nicht mehr gleichberechtigt veröffentlicht, sondern nach Medienwirksamkeit, und damit sehr auf die USA und den Irak-Krieg fixiert, selektiert.

    Die Frage eines grundsätzlichen Antiamerikanismus darf und sollte in diesem Zusammenhang ruhig gestellt werden.

    • Schl
    • 23.10.2010 um 19:07 Uhr

    Ich bitte Sie, es wäre hilfreich aufzuhören Wikileaks bedingungslos in jeder Frage loyal zu sein, weil man hinter jeder Ecke Meinungsmache wittert. Ich finde solche Projekte prinzipiell gut, aber an der Organisation von Wikileaks und seinem derzeitigen, tatsächlich existierenden, Fokus auf den Westen gibt es schon einiges auszusetzen.

    Wikileaks sollte an sich eigentlich einen höheren Anspruch stellen als selber nur, vielleicht durch persönlichen Groll von Assange motiviert, (können wir natürlich nicht sagen) gegen die bösen USA zu feuern. Und bitte unterstellen sie mir jetzt nicht, die USA zu verteidigen. Ich begrüße, dass die Informationen an die Öffentlichkeit kommen genau wie Sie. Das ändert aber nichts an den grundlegenden Verfehlungen.

    "Wikileaks produziert weder Dokumente noch Tatsachen, sie veröffentlichen lediglich Interna, die absichtlich vorenthalten werden"
    Eben nicht! Spätestens seit "Collateral Murder" hat Wikileaks scheinbar allen Anspruch auf Objektivität über Bord geworfen. Das Video wurde absichtlich geschnitten und mit sehr tendenziösem Titel versehen damit die Welt Wikileaks persönliche Einschätzung übernimmt. Ebenso sollte Wikileaks nicht, wie in diesem Fall, eine Show veranstalten und irgendwem Kriegsverbrechen vorwerfen. Das können alles Dritte übernehmen, es sollte nicht Wikileaks' Aufgabe sein! Das Prinzip ist eigentlich sehr einfach und dennoch scheint Wikileaks es nicht zu schaffen pure Veröffentlungsplattform zu bleiben.

    • X-Wing
    • 23.10.2010 um 19:48 Uhr

    Die Frage von Frau Klopp trifft es schon ziemlich gut. Wikileak-Insider wie Daniel Domscheit-Berg aka "Daniel Schmitt", haben über jene Tendenzen berichtet. Ich empfehle dazu das Interview auf SPON: http://www.spiegel.de/spi...

    Dokumente werden eben nicht mehr gleichberechtigt veröffentlicht, sondern nach Medienwirksamkeit, und damit sehr auf die USA und den Irak-Krieg fixiert, selektiert.

    Die Frage eines grundsätzlichen Antiamerikanismus darf und sollte in diesem Zusammenhang ruhig gestellt werden.

  3. rst recht wenn man nun unter den " War Logs " link ein profil anlegen soll, um auf die informationen zugreifen zu könen so ist das villeicht noch mit Organisatorischen Mitteln zu halten, aber grade die Sicherheit und die Freiheit der information leiden unter solchen Entscheidungen.

    So fand ich es beim Video über den Reuters Reporter schon nicht richtig es zu schneiden und zu kommentieren, und hätte lieder gesegen das das komplette Video im Netz bleibt und zwar unkommentiert so das jede Zeitung einige Recherchen einsetzen kann um es zu erklären.

    • Schl
    • 23.10.2010 um 19:07 Uhr

    Ich bitte Sie, es wäre hilfreich aufzuhören Wikileaks bedingungslos in jeder Frage loyal zu sein, weil man hinter jeder Ecke Meinungsmache wittert. Ich finde solche Projekte prinzipiell gut, aber an der Organisation von Wikileaks und seinem derzeitigen, tatsächlich existierenden, Fokus auf den Westen gibt es schon einiges auszusetzen.

    Wikileaks sollte an sich eigentlich einen höheren Anspruch stellen als selber nur, vielleicht durch persönlichen Groll von Assange motiviert, (können wir natürlich nicht sagen) gegen die bösen USA zu feuern. Und bitte unterstellen sie mir jetzt nicht, die USA zu verteidigen. Ich begrüße, dass die Informationen an die Öffentlichkeit kommen genau wie Sie. Das ändert aber nichts an den grundlegenden Verfehlungen.

    "Wikileaks produziert weder Dokumente noch Tatsachen, sie veröffentlichen lediglich Interna, die absichtlich vorenthalten werden"
    Eben nicht! Spätestens seit "Collateral Murder" hat Wikileaks scheinbar allen Anspruch auf Objektivität über Bord geworfen. Das Video wurde absichtlich geschnitten und mit sehr tendenziösem Titel versehen damit die Welt Wikileaks persönliche Einschätzung übernimmt. Ebenso sollte Wikileaks nicht, wie in diesem Fall, eine Show veranstalten und irgendwem Kriegsverbrechen vorwerfen. Das können alles Dritte übernehmen, es sollte nicht Wikileaks' Aufgabe sein! Das Prinzip ist eigentlich sehr einfach und dennoch scheint Wikileaks es nicht zu schaffen pure Veröffentlungsplattform zu bleiben.

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    Was kann an einem Kriegsverbrechen, auch medienüblich als "collateral damage" verpackt, tendenziös sein? Sie diskutieren über die Form der Veröffentlichung von Beweismaterial zu Verbrechen, das Verbrechen an sich spielt dabei keine Rolle? Die Bedingungslose Loyalität soll wohl jenen gelten, die Beweise für ihre Verbrechen verstecken und mit dem ihnen zur Verfügung stehen Staats- und Militärapparat sowohl die eigene Öffentlichkeit wie auch die Meinungsbildung in fremden Staaten wesentlich beeinflussen und verfälschen? Diese Sichtweise ist weder objektiv, noch nützlich oder freiheitlich. Die noch ausreichend situierte Gesellschaft verdrängt gerne Unangenehmes aus ihrem Gedächtnis und noch lieber, wenn es staatlich sanktioniert ist, denn dann muss es ja richtig sein.

    Der Collateral Murder ist anonym, Wikileaks gibt ihm ein Gesicht. Es ist eine hässliche Fratze, unschön allemal, aber es ist die Wahrheit. Die etablierten Medien haben sich schon lange von dieser verabschiedet, berichtet wird nach strikten Interessenvorgaben. Wikileaks ist zu einer ernsthafen Konkurrenz geworden, jetzt muss man berichten um nicht im Abseits zu stehen.
    Welche eine Niederlage für die "investigativen" Medien, sie dürfen nur noch zitieren. Was bleibt ist daher nur die Formschelte, inhaltlich haben Spiegel, Times und Co. nur wenig beigetragen. Sie selbst waren aber sehr wohl an der Verbreitung von Desinformationen beteiligt (Jugoslawien, Irak, Afghanistan). Die Wahrheit starb, die Lüge lebt.

    Was kann an einem Kriegsverbrechen, auch medienüblich als "collateral damage" verpackt, tendenziös sein? Sie diskutieren über die Form der Veröffentlichung von Beweismaterial zu Verbrechen, das Verbrechen an sich spielt dabei keine Rolle? Die Bedingungslose Loyalität soll wohl jenen gelten, die Beweise für ihre Verbrechen verstecken und mit dem ihnen zur Verfügung stehen Staats- und Militärapparat sowohl die eigene Öffentlichkeit wie auch die Meinungsbildung in fremden Staaten wesentlich beeinflussen und verfälschen? Diese Sichtweise ist weder objektiv, noch nützlich oder freiheitlich. Die noch ausreichend situierte Gesellschaft verdrängt gerne Unangenehmes aus ihrem Gedächtnis und noch lieber, wenn es staatlich sanktioniert ist, denn dann muss es ja richtig sein.

    Der Collateral Murder ist anonym, Wikileaks gibt ihm ein Gesicht. Es ist eine hässliche Fratze, unschön allemal, aber es ist die Wahrheit. Die etablierten Medien haben sich schon lange von dieser verabschiedet, berichtet wird nach strikten Interessenvorgaben. Wikileaks ist zu einer ernsthafen Konkurrenz geworden, jetzt muss man berichten um nicht im Abseits zu stehen.
    Welche eine Niederlage für die "investigativen" Medien, sie dürfen nur noch zitieren. Was bleibt ist daher nur die Formschelte, inhaltlich haben Spiegel, Times und Co. nur wenig beigetragen. Sie selbst waren aber sehr wohl an der Verbreitung von Desinformationen beteiligt (Jugoslawien, Irak, Afghanistan). Die Wahrheit starb, die Lüge lebt.

    • Fifty4
    • 23.10.2010 um 19:14 Uhr

    War das ein Interview? Und was hat der Interviewte gesagt?

    Nichts!!!

    Meinen Glückwunsch zu dieser journalistischen Glanzleistung!

  4. Natürlich müssen Zeitungen, die mit Wikileaks in Kontakt treten, Wikileaks bennenen. Wikileaks lebt nur von Spenden, und wenn keiner sieht, wofür er spenden soll, dann macht es auch keiner. Und wenn man es gar nicht kennt, ist es ja noch schwerer.

    Und ich find es auch wichtig, dass Wikileaks im Rampenlicht steht. Es ist die einzige Seite die soetwas im großen Stil macht. Es sind wichtige Informationen, es ist richtig was sie machen. Wie soll man da das Rampenlicht vermeiden?

  5. das ego und die eitelkeit. schade das julian assange auch nicht davor gefeit ist und seine person zu sehr über wikileaks definiert.
    aber wikileaks an sich ist ein anfang. und mehrere dieser art wären nur zu begrüssen.

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