Irak-Akten"Wikileaks sollte das Rampenlicht meiden"

Die Irak-Akten verschaffen Wikileaks große Aufmerksamkeit. Ihr Ex-Aktivist Herbert Snorasson findet das falsch. Im Interview erklärt er den Streit mit Gründer Assange von 

Herbert Snorasson gehört zu dem Kreis der ehemaligen Wikileaks-Aktivisten, die das Projekt aus Protest gegen die Entwicklung der vergangenen Monate verlassen haben. Im Interview mit ZEIT ONLINE sagt er, was bei Wikileaks seiner Ansicht nach falsch läuft und was dennoch an der Idee so gut ist.

ZEIT ONLINE: Was hat Sie so begeistert an der Idee von Wikileaks? Man konnte doch schon immer geheime Informationen einer Zeitung übergeben, damit die das dann veröffentlicht.

Herbert Snorasson: Das ungewöhnliche an Wikileaks ist ja, dass man hier Geheimnisse enthüllen kann, ohne seine Identität preisgeben zu müssen, also noch nicht einmal gegenüber Wikileaks. Das unterscheidet sich grundsätzlich davon, wie so etwas in den Medien gehandhabt wird. Da kann sich ein Geheimnisverräter nie sicher sein, dass die Zeitung oder der Sender die Quelle nicht doch verraten müssen. Sei es, weil die Medien unter Druck geraten, oder sei es, dass sie gar vom Gesetzgeber dazu gezwungen werden.

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ZEIT ONLINE: Was genau war Ihre Aufgabe bei Wikileaks?

Snorasson: Ich war für den offiziellen Chat verantwortlich. Nach der Veröffentlichung der Militär-Dokumente aus dem Afghanistankrieg gab es einen gewaltigen Ansturm und Fragen zu allen möglichen Belangen. Ich war sowas wie das öffentliche Gesicht des Chatrooms. Außerdem war ich dafür zuständig, die Leute zu rekrutieren, die dem Projekt ihre Mithilfe angeboten haben.

ZEIT ONLINE: Wann haben die Probleme angefangen?

Snorasson: Das kann ich nicht sagen, nur, dass sie vermutlich viel früher begonnen haben, als es mir und den anderen bewusst geworden ist.

ZEIT ONLINE: Etwas mitbekommen von den internen Streitigkeiten hat die Öffentlichkeit ja erst im Zuge der schwedischen Ermittlungen gegen Julian Assange. Waren die Kritik und der wachsende Druck von außen die entscheidenden Faktoren?

Snorasson: Ich würde das nicht sagen. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass bestimmte Leute mir hier sehr stark widersprechen würden.

ZEIT ONLINE: Warum ist Julian Assange bei Wikileaks eigentlich so mächtig? Hat das rein technische Gründe, weil er der Herr über die Website ist, oder schafft er es am besten, die Mehrheit der Mitglieder hinter sich zu vereinen?

Snorasson: Dafür gibt es keine einfache, einzige Erklärung. Ich glaube, man muss sich die ganze Geschichte von Wikileaks anschauen, um die Rolle von Julian Assange zu verstehen.

ZEIT ONLINE: Wie viele wichtige Leute haben das Projekt inzwischen verlassen?

Snorasson: Ich weiß von fünf Leuten, die sehr intensiv involviert waren und das Projekt seit Mitte September verlassen haben.

ZEIT ONLINE: Hat der Bruch zwischen dem Wikileaks-Sprecher Daniel Domscheit-Berg und Julian Assange eine Rolle gespielt für die Entscheidung der anderen Mitglieder, Wikileaks den Rücken zu kehren?

Snorasson: Das hat gezeigt, dass es tiefgreifendere Konflikte gab, als einem Teil von uns bis dahin bewusst war. Assanges Art, mit dem Konflikt umzugehen, hat bei mir ernsthafte Zweifel an dem Projekt ausgelöst. Ich glaube, das ging den anderen ähnlich.

ZEIT ONLINE: Welcher Teil der Arbeit, der für das reibungslose Funktionieren von Wikileaks nötig ist, geriet dadurch unter Druck?

Snorasson: Das weiß ich nicht genau. Assange behauptet, er habe alles im Griff. Und selbst wenn ich ahne, dass es nicht für alles zutrifft, kann ich das nicht mit Sicherheit sagen.

ZEIT ONLINE: War es nicht ein Fehler, die Dokumente zum Afghanistan-Krieg zu veröffentlichen, obwohl noch Namen von Informanten darin standen?

Snorasson: Ich glaube, das beruhte schlicht auf der falschen Annahme, dass diese sensiblen Informationen überhaupt nicht in den Feldberichten des US-Militärs auftauchen könnten. Die Dokumente, die noch für die weitere Durchsicht zurückgehalten wurden, sind ja auch gemäß der Kategorisierungen das US-Militärs ausgewählt worden.

Leserkommentare
  1. Dieses Wissen wird dann gespiegelt und geht nie verloren. Mir wem kann man dieses Pseudoland noch vergleichen, wenn man nicht an die deutsche Geschichte denken will?

  2. "warum hat sich Wikileaks derart auf die USA und die westlichen Staaten als Hauptfeind gestürzt?"

    Die Fragestellung ist an sich schon merkwürdig und vielleicht auch eine Aussage darüber, in welche Richtung diese "Befragung" gehen soll. Wirklich Aufschlussreich sind die Antworten erwartungsgemäss auch nicht. Der Interviewte "weiss von nichts", das liegt dann wohl sehr nahe bei der Wahrheit.

    Wie kommen Sie, Frau Kopp, zu dem Eindruck, Wikileaks hätte sich gegen "die westlichen Staaten" (hier fehlt mir die Definition, welche das sein sollen) und die USA als "Hauptfeind" gestürzt? Sie vollziehen damit eine Tatsachenumkehrung. Wikileaks produziert weder Dokumente noch Tatsachen, sie veröffentlichen lediglich Interna, die absichtlich vorenthalten werden. Es könnte der Eindruck gewonnen werden, dass das Verbrechen an sich nicht strafbar ist, die Berichterstattung und Anprangerung aber sehr wohl.

    Sind wir wirklich so feige um uns damit abzufinden, dass Kriegsverbrechen durch dauerhafte Indoktrination als normal empfunden werden? Wikileaks kann nicht mehr "klein" auftreten, es wäre schnell veschwunden. Deswegen ist es nicht erstaunlich, dass mit Mitteln der Unterwanderung und Diskreditierung eine in der Öffentlichkeit als positiv empfundene Informationsquelle zerstört werden soll.

    Was tragen die "Protestanten" heute noch bei, ausser Inhaltslose Interviews zu geben - eben, nichts! Sie haben offensichtlich nicht das Potential auch in kritischen Situation zu ihrer Arbeit zu stehen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Schl
    • 23. Oktober 2010 19:07 Uhr

    Ich bitte Sie, es wäre hilfreich aufzuhören Wikileaks bedingungslos in jeder Frage loyal zu sein, weil man hinter jeder Ecke Meinungsmache wittert. Ich finde solche Projekte prinzipiell gut, aber an der Organisation von Wikileaks und seinem derzeitigen, tatsächlich existierenden, Fokus auf den Westen gibt es schon einiges auszusetzen.

    Wikileaks sollte an sich eigentlich einen höheren Anspruch stellen als selber nur, vielleicht durch persönlichen Groll von Assange motiviert, (können wir natürlich nicht sagen) gegen die bösen USA zu feuern. Und bitte unterstellen sie mir jetzt nicht, die USA zu verteidigen. Ich begrüße, dass die Informationen an die Öffentlichkeit kommen genau wie Sie. Das ändert aber nichts an den grundlegenden Verfehlungen.

    "Wikileaks produziert weder Dokumente noch Tatsachen, sie veröffentlichen lediglich Interna, die absichtlich vorenthalten werden"
    Eben nicht! Spätestens seit "Collateral Murder" hat Wikileaks scheinbar allen Anspruch auf Objektivität über Bord geworfen. Das Video wurde absichtlich geschnitten und mit sehr tendenziösem Titel versehen damit die Welt Wikileaks persönliche Einschätzung übernimmt. Ebenso sollte Wikileaks nicht, wie in diesem Fall, eine Show veranstalten und irgendwem Kriegsverbrechen vorwerfen. Das können alles Dritte übernehmen, es sollte nicht Wikileaks' Aufgabe sein! Das Prinzip ist eigentlich sehr einfach und dennoch scheint Wikileaks es nicht zu schaffen pure Veröffentlungsplattform zu bleiben.

    • X-Wing
    • 23. Oktober 2010 19:48 Uhr

    Die Frage von Frau Klopp trifft es schon ziemlich gut. Wikileak-Insider wie Daniel Domscheit-Berg aka "Daniel Schmitt", haben über jene Tendenzen berichtet. Ich empfehle dazu das Interview auf SPON: http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,719604,00.html

    Dokumente werden eben nicht mehr gleichberechtigt veröffentlicht, sondern nach Medienwirksamkeit, und damit sehr auf die USA und den Irak-Krieg fixiert, selektiert.

    Die Frage eines grundsätzlichen Antiamerikanismus darf und sollte in diesem Zusammenhang ruhig gestellt werden.

  3. rst recht wenn man nun unter den " War Logs " link ein profil anlegen soll, um auf die informationen zugreifen zu könen so ist das villeicht noch mit Organisatorischen Mitteln zu halten, aber grade die Sicherheit und die Freiheit der information leiden unter solchen Entscheidungen.

    So fand ich es beim Video über den Reuters Reporter schon nicht richtig es zu schneiden und zu kommentieren, und hätte lieder gesegen das das komplette Video im Netz bleibt und zwar unkommentiert so das jede Zeitung einige Recherchen einsetzen kann um es zu erklären.

    • Schl
    • 23. Oktober 2010 19:07 Uhr

    Ich bitte Sie, es wäre hilfreich aufzuhören Wikileaks bedingungslos in jeder Frage loyal zu sein, weil man hinter jeder Ecke Meinungsmache wittert. Ich finde solche Projekte prinzipiell gut, aber an der Organisation von Wikileaks und seinem derzeitigen, tatsächlich existierenden, Fokus auf den Westen gibt es schon einiges auszusetzen.

    Wikileaks sollte an sich eigentlich einen höheren Anspruch stellen als selber nur, vielleicht durch persönlichen Groll von Assange motiviert, (können wir natürlich nicht sagen) gegen die bösen USA zu feuern. Und bitte unterstellen sie mir jetzt nicht, die USA zu verteidigen. Ich begrüße, dass die Informationen an die Öffentlichkeit kommen genau wie Sie. Das ändert aber nichts an den grundlegenden Verfehlungen.

    "Wikileaks produziert weder Dokumente noch Tatsachen, sie veröffentlichen lediglich Interna, die absichtlich vorenthalten werden"
    Eben nicht! Spätestens seit "Collateral Murder" hat Wikileaks scheinbar allen Anspruch auf Objektivität über Bord geworfen. Das Video wurde absichtlich geschnitten und mit sehr tendenziösem Titel versehen damit die Welt Wikileaks persönliche Einschätzung übernimmt. Ebenso sollte Wikileaks nicht, wie in diesem Fall, eine Show veranstalten und irgendwem Kriegsverbrechen vorwerfen. Das können alles Dritte übernehmen, es sollte nicht Wikileaks' Aufgabe sein! Das Prinzip ist eigentlich sehr einfach und dennoch scheint Wikileaks es nicht zu schaffen pure Veröffentlungsplattform zu bleiben.

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    Was kann an einem Kriegsverbrechen, auch medienüblich als "collateral damage" verpackt, tendenziös sein? Sie diskutieren über die Form der Veröffentlichung von Beweismaterial zu Verbrechen, das Verbrechen an sich spielt dabei keine Rolle? Die Bedingungslose Loyalität soll wohl jenen gelten, die Beweise für ihre Verbrechen verstecken und mit dem ihnen zur Verfügung stehen Staats- und Militärapparat sowohl die eigene Öffentlichkeit wie auch die Meinungsbildung in fremden Staaten wesentlich beeinflussen und verfälschen? Diese Sichtweise ist weder objektiv, noch nützlich oder freiheitlich. Die noch ausreichend situierte Gesellschaft verdrängt gerne Unangenehmes aus ihrem Gedächtnis und noch lieber, wenn es staatlich sanktioniert ist, denn dann muss es ja richtig sein.

    Der Collateral Murder ist anonym, Wikileaks gibt ihm ein Gesicht. Es ist eine hässliche Fratze, unschön allemal, aber es ist die Wahrheit. Die etablierten Medien haben sich schon lange von dieser verabschiedet, berichtet wird nach strikten Interessenvorgaben. Wikileaks ist zu einer ernsthafen Konkurrenz geworden, jetzt muss man berichten um nicht im Abseits zu stehen.
    Welche eine Niederlage für die "investigativen" Medien, sie dürfen nur noch zitieren. Was bleibt ist daher nur die Formschelte, inhaltlich haben Spiegel, Times und Co. nur wenig beigetragen. Sie selbst waren aber sehr wohl an der Verbreitung von Desinformationen beteiligt (Jugoslawien, Irak, Afghanistan). Die Wahrheit starb, die Lüge lebt.

    • Fifty4
    • 23. Oktober 2010 19:14 Uhr

    War das ein Interview? Und was hat der Interviewte gesagt?

    Nichts!!!

    Meinen Glückwunsch zu dieser journalistischen Glanzleistung!

    • Döderi
    • 23. Oktober 2010 19:33 Uhr

    Natürlich müssen Zeitungen, die mit Wikileaks in Kontakt treten, Wikileaks bennenen. Wikileaks lebt nur von Spenden, und wenn keiner sieht, wofür er spenden soll, dann macht es auch keiner. Und wenn man es gar nicht kennt, ist es ja noch schwerer.

    Und ich find es auch wichtig, dass Wikileaks im Rampenlicht steht. Es ist die einzige Seite die soetwas im großen Stil macht. Es sind wichtige Informationen, es ist richtig was sie machen. Wie soll man da das Rampenlicht vermeiden?

    • engelx4
    • 23. Oktober 2010 19:38 Uhr

    das ego und die eitelkeit. schade das julian assange auch nicht davor gefeit ist und seine person zu sehr über wikileaks definiert.
    aber wikileaks an sich ist ein anfang. und mehrere dieser art wären nur zu begrüssen.

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