Sprache im Internet : Schnell, spontan, flüchtig

Leser Hans Gohlisch stellt fest, dass das Internet seine Art zu schreiben verändert hat. Ist das ein Gewinn oder Verlust?

Meine Art zu Schreiben und mein Stil haben sich in den letzten Jahren sehr geändert. Habe ich früher Notizen in Kladden gemacht, zum Teil in sehr kleinen Formaten für unterwegs, so schreibe ich heute, falls möglich, direkt am Computer. Das müsste ja nicht zwingend ein großer Unterschied sein. Für mich ist es aber ein gewaltiger Unterschied.

Die handgeschriebenen Zeilen sind quasi kontemplativer Herkunft, konnten in Ruhe nachgelesen und x-mal korrigiert werden und wurden nicht selten über Nacht stark gekürzt oder verändert, zuweilen auch eliminiert. Am Morgen lesen sich Texte unter Umständen anders als am Abend zuvor. Natürlich ist das jetzt noch möglich. Es soll ja auch noch einige Schriftsteller geben, die auf einer Olympia tippen, den Bogen aus der Schreibmaschine ziehen und ihn zusammengeknüllt in den realen Papierkorb werfen.

Im Netz gibt es Blogs und geschriebene Gedanken, Lichtblicke und Geistesblitze von großer literarischer Qualität. Wem es ernst damit ist, die Welt verstehen zu wollen, dem dürfte keiner dieser Blogs entgehen; jeder einzelne wäre es wert, Aufmerksamkeit zu bekommen.
Frank Schirrmacher, "Payback", S. 61

Mein Schreiben am Computer ist anders, zum Beispiel wenn ich einen Leserkommentar verfasse. Reflexartig schreibe ich meine Überlegungen und Gedanken direkt am Bildschirm. Nicht kontemplativ, sondern schnell – manchmal vielleicht zu schnell. Kein anderer User soll meine Ideen antizipieren können. Hinterher bereue ich manchmal, nicht noch einmal Korrektur gelesen zu haben oder an der einen oder anderen Stelle nicht doch noch einmal nachgedacht zu haben. Zu spät; ein Kommentar lässt sich nicht mehr korrigieren. Und die Redaktion immer wieder um entsprechende Korrekturen zu bitten, wird den Online-Redakteuren lästig. Mir wäre es jedenfalls peinlich.

Schreibe ich einen Artikel am Computer, geschieht dies spontaner als früher. Auch hier habe ich das Gefühl, mein Schreiben habe sich verändert. Kaum noch schlage ich im Duden oder im Lexikon nach. Schnell bei Wikipedia nachgeschaut oder gegoogelt – das muss reichen. Aber reicht das wirklich? Oder bemerken die Leser meine Flüchtigkeit?

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Kommentare

57 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

gute Frage...

Ich schreibe immer noch viel mit Handzetteln bzw in solchen kleinen Büchern, die es so zahlreich zu kaufen gibt. Es ist in meinen Augen praktischer, es geht schneller von der Hand und ist bequemer. Das Korrigieren angenehmer. Sieht nur bisschen komisch aus, wenn man's draußen macht. Wäre mir auch zu wenig dezent. Siehe unten.

Beim Computer bleibt es dabei, dass man die ganze Zeit auf den Bildschirm glotzt. Das versprüht eine gewisse Starrheit. Bei Hausarbeiten kritzel ich erst auf etwaige Arbeitsblätter oder - wenn meine eigenen - in Bücher und benutze dann den Computer. Gibt ja viele, die ihn sogar mit in die Vorlesung bzw Öffentlichkeit nehmen. Ich finde das irgendwie abtörnend, ich weiß nicht. Aus beruflichen Gründen aber sicher was anderes.

Finde nicht, dass das Internet unseren Schreibstil verändert. Muss jetzt. Aber Wirklich. Schluss. Machen.

Lernen durch die Online-Community

Couscous1987

Unterwegs. Schnell die Reclam-große Kladde rausgeholt. Und notiert. Das geht. In der Bahn. Oder sagar zu Fuß. Aber in der eigenen Wohnung? Wo doch die Kiste - Elend nochmal! - sowieso den ganzen Tag an ist? Da schreibt man dann doch schnell am PC. Legt es entweder irgendwo ab. Oder verschickt es sofort.

Da ich neben politischen auch sehr gern über kulturelle Ereignisse schreibe und mich sogar (wieder) an Lyrik wage, passiert es mir, dass ich ein Gedicht einstelle. Und lange danach denke, nee, das kannst du besser. Und dann wieder ändere. Das geht aber nur, wenn dies ein eigener Artikel ist. Habe ich etwa "lyrische Gedanken" in einen Kommentar verpackt, bleibt das so stehen. Auf Papier wäre jederzeit eine Korrektur möglich.

Allerdings kann ich nicht sagen, dass ich jetzt weniger schreibe. Eher mehr. Weil oftmals eben viel zu schnell und dadurch auch manchmal zu nachlässig.

Trotzdem macht es Spaß! Und man kann von guten Userinnen und Usern viel lernen. Und zuweilen erhält man ja auch von der Redaktion den einen oder anderen Tipp.

Medium und Botschaft - Dings hier.

Mc Luhan hat's schon immer gewusst. Das Medium ist die Botschaft - es liefert sämtliche Prämissen für die ausgedrucke Konklusio oder die Binäre.

Martin Walser schreibe nach wie vor alles mit der Hand, da er beim Maschinenschreiben das Gefühl habe, es sei nicht das echte, das seinige Schreiben und es würde ein gänzlich anderer Text entstehen. So die ewige Anekdote.

Zudem bietet das digitale Schreiben eine ganze Palette von Hilfsmitteln wie Korrektur, gar Autokorrektur, Rechschreibprüfung und so weiter. Da geht man natürlich anders an das Verfassen eines Textes ran. Überdies ist das Schreiben des Lesens Knecht: am Bildschirm lesen ist unentspannter, noch unnatürlich, muss schneller gehen, kann man nicht so lange aushalten, fühlt sich noch komisch an, will man alles gleich im Blick haben.

Kurze Absätze.

Und so.

Muss man auch so schreiben - oder.

Fördert das Internet das "digital geschriebene Wort"?

Eine kleine Intervention von meiner Seite aus:

Nur zu oft beobachte ich aus meinen Bekanntenkreis, dass die Motivation zu gerellen schreiben sich durch "blogs" und dergleichen massiv erhöht hat. Selten sah ich Bekannte etwas notieren oder etwas Verfassen, doch seid einigen Jahren fällt mir auf, dass es ein Wandel zum mehr schreiben gegeben haben muss.

Viele derer die früher schreibarm und wortkarg waren blühen direkt auf in den "blogs", täglich tausche ich mit ihnen die Gedanken aus welche sonst via Telefon ausgetauscht wurden. Auch "anstrengendere" Themen werden absolviert und kommentiert, wenn auch es nicht immer sinnvoll erscheint aber es passiert...

Nun wäre doch die Frage:

Was ist wichtiger, "gesprochenes" oder "geschriebens" Wort..

mfg

"Hallo Omi, kannst die Suppe warm machen!"

Beides scheint mir wichtig, Random_weather. Sowohl das geschriebene als auch das gesprochene Wort. Allerdings sind die "Behälter" für das geschriebene Wort viel widerstandsfähiger - und deshalb sollte man beim Schreiben noch sorgfältiger vorgehen.

Es stimmt schon, durch den PC ergeben sich heute viel mehr Interaktionen, ein riesiger Datenaustausch untereinander findet statt. Kommunikation via Computer, Laptop, IPod, IPad, Handy usw.

Manchmal ist man ja unfreiwilliger Zuhörer in öffentlichen Verkehrsmitteln: "Hallo Omi, ja, ich bin's, die Tanja, du kannst die Spargelcremesuppe warm machen. Ich bin gleich am 'Valentinskamp'. Tschüß, bis gleich! Ach, Anne kommt auch mit. Ihre Mutter hat sich doch den Arm gebrochen! Was? Wie bitte? Ich höre dich nicht... Ah, jetzt geht's wieder. Der Bus stand vor dem Unilever-Hochhaus. Funkloch! Was das ist? Erklär' ich dir gleich. Also wir kommen zu zweit - okay? Tschüüüß, Omi!"