AnonymousDer digitale Untergrund drängt auf die Straße

Ein Verkehrsbetrieb in San Francisco schaltete aus Angst vor möglichen Protesten das Mobilfunknetz an einigen Streckenabschnitten ab – was nun zu echten Protesten führt. von 

BART-Polizisten halten Demonstranten davon ab, eine Schnellbahn in San Francisco zu blockieren.

BART-Polizisten halten Demonstranten davon ab, eine Schnellbahn in San Francisco zu blockieren.  |  © Justin Sullivan / Getty Images

Die Hackerbewegung Anonymous protestiert naturgemäß am liebsten im Internet. Wer sie nicht nur zur Weißglut, sondern sogar auf die Straße treibt, muss also etwas fundamental falsch gemacht haben.

Der kalifornischen Bahnbehörde BART ist das gelungen. Die Bay Area Rapid Transit (BART) betreibt im Großraum San Francisco ein Schnellbahnnetz zwischen San Francisco, der East Bay und Teilen von San Mateo County. Sie war der erste Verkehrsbetrieb in den USA, der seinen Fahrgästen auch in Tunneln und unterirdischen Stationen einen durchgehenden Mobilfunk-Empfang anbieten konnte, und sie hat eine eigene Polizei. Die ist das Problem.

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Anfang Juli erschossen BART-Polizisten einen 45-jährigen Betrunkenen in einer U-Bahn-Station, weil er angeblich mit einem Messer herumgefuchtelt hatte. Es war nicht der erste Vorfall dieser Art. Eine Initiative mit dem Namen "No Justice No BART" protestierte am 11. Juli gegen die Polizeigewalt und blockierte dabei eine Station. Einen Monat später befürchtete BART eine weitere Demonstration, bei der die Teilnehmer "ihre Blockade-Aktivitäten über Mobilfunkgeräte koordinieren und Informationen über den Standort und die Anzahl von BART-Polizisten" austauschen würden, wie es in einer Mitteilung der Behörde hieß.

Also entschloss sich BART, den Mobilfunk-Empfang teilweise abzuschalten, um genau das zu verhindern. Der Verkehrsbetrieb hatte die Anlagen an den Strecken selbst installiert und bezahlt und wähnte sich deshalb im Recht. Die befürchtete Demonstration blieb denn auch aus.

Ohne Gesicht

Der Name ist Programm – die Gruppe Anonymous agiert als Bewegung ohne sichtbare Hierarchie und Gesichter. Anhänger ihrer Aktionen (Anons) verkleiden sich gern mit einer Maske von Guy Fawkes. Der hatte 1605 ein Attentat auf den englischen König versucht. Das wiederum inspirierte die Autoren der Comicserie V – wie Vendetta in den achtziger Jahren, ihren Protagonisten hinter einer Fawkes-Maske versteckt zu zeigen. Er protestierte mit seinen Aktionen gegen einen unterdrückenden und überwachenden Staat, was wiederum einige Anons als Symbol für den eigenen Kampf aufgriffen.

Ursprung der Bewegung und des Namens ist das Imageboard 4chan. Auf der Seite kann jeder unzensiert und unmoderiert Bilder und Botschaften hinterlassen und dabei auch seinen Namen angeben. Allerdings tut das kaum jemand, weswegen die meisten Texte mit dem Namen "Anonymous" gekennzeichnet sind.

Ohne Hierarchie

Anonymous existiert nicht als Organisation. Es ist viel mehr eine Idee, eine Bewegung, der sich jeder anschließen und derer sich jeder bedienen kann. Auch Koordination gibt es nicht direkt. Wichtigste Instrumente dieser Nicht-Koordination sind der Internet Relay Chat (IRC) für Diskussionen und Pastebin.com zum Veröffentlichen von Meiningen und Manifesten.

Doch muss niemand in solchen Foren und Kanälen auftauchen, um ein Anon zu sein. Es genügt, Anonymous öffentlich zu unterstützen, wie es der amerikanische Bürgerrechtler John Perry Barlow tut, oder sich an den Attacken auf Server zu beteiligen. Die Software dazu, Low Orbit Ion Cannon genannt, gibt es kostenlos im Netz.

Ohne Führer

Es gibt keinen Chef, Leiter, Anführer oder ähnliches. Im Gegenteil: Jeder, der sich als solcher in Medien oder Internet präsentiert, kann davon ausgehen, in kürzester Zeit von den Anhängern von Anonymous beschimpft zu werden oder selbst Ziel von Angriffen zu sein. Anonymous ist vielmehr eine Umsetzung der Idee des Hive Minds, der Schwarmintelligenz. In der Masse, so die Idee, lässt sich enorme Wirkung entfalten, also sollte auch nur die Masse das Ergebnis für sich beanspruchen.

Gleichzeitig legt Anonymous Wert darauf, Verantwortung für die Aktionen zu übernehmen, die durch das Netzwerk koordiniert wurden. Daher werden üblicherweise Bekennerschreiben verfasst. Jedoch hat die Bewegung keinen Einfluss auf "Einzeltäter", die ihren Namen benutzen und will den auch nicht haben.

In gewisser Hinsicht bildete die zeitweise mit Anonymous verbündete Hackergruppe LulzSec eine Ausnahme von der Führerlosigkeit. Sie hatte mit Hector Xavier Monsegur alias "Sabu" einen Gründer, Kopf und Sprecher. LulzSec hat eine Reihe von Regierungs- und Unternehmensserver angegriffen und sich dabei Zugriff auf E-Mails und Nutzerdaten verschafft. 2012 kam heraus, dass Sabu ein FBI-Informant war, der mehrere LulzSec-Mitglieder verraten hat.

Ohne Ziel

Anonymous versteht sich als Bewegung, die für Netzfreiheit und gegen Zensur kämpft. Darüber hinaus aber gibt es keine klar formulierten Ziele. Aktionen können sich gegen Sekten ebenso richten (die älteste bekannte ist eine gegen Scientology) wie gegen rechtsradikale Foren, Kreditkartenkonzerne oder Manager von Unterhaltungskonzernen.

Auch ist es im Kern eigentlich keine politische Bewegung. Ursprünglich ging es um Streiche – im Namen unliebsamer Personen beispielsweise Unmengen Pizza zu bestellen. Der Spaß stand im Vordergrund, oder im Jargon des Netzes: the lulz. Gemeint sind Lacher, vor allem im Sinne von Schadenfreude.

Für die Teilnehmer allerdings können die Aktionen im Zweifel durchaus riskant sein, da einige Länder wie die USA, Großbritannien und die Niederlande begonnen haben, Attacken von Anonymous strafrechtlich zu verfolgen.

Die Teilabschaltung aber brachte viele in den USA auf die Palme, von der Bürgerrechtsbewegung Electronic Frontier Foundation bis hin eben zu Anonymous. Sie sahen in der Aktion einen Eingriff in die verfassungsmäßig garantierten Rechte auf Rede- und Versammlungsfreiheit.

Der "Kill-Switch" ist bislang vor allem durch Regime in Ägypten und Libyen bekannt geworden. In Großbritannien genügte schon die bloße Androhung von Premier David Cameron, soziale Netzwerke in bestimmten Situationen abzuschalten , um beispielsweise in den USA für harsche Kritik zu sorgen ( und in China für Lob ). Dass nun eine US-Behörde unliebsame Proteste mit solchen Mitteln verhindern will, empört viele Amerikaner.

In einer ersten, wie üblich rabiaten Reaktion, hackten sich Anonymous-Mitglieder in eine Kundendatenbank von BART und veröffentlichten einige der dort gespeicherten Daten – angeblich, um die mangelhaften Sicherheitsvorkehrungen der Behörde zu belegen. Vor allem aber wohl, um Aufmerksamkeit zu erregen. 

Leserkommentare
    • MMJ
    • 16. August 2011 17:34 Uhr
    1. .....

    "Wir haben das Recht, den Zeitpunkt, Ort und die Art und Weise von Redefreiheit zu bestimmen."

    Willkommen in der Diktatur ....

    47 Leserempfehlungen
    • Lutz2
    • 16. August 2011 17:42 Uhr

    Also genau der letzte Satz ist die nackte Wahrheit.
    Willkommen in der Realität !!!!
    Die Scheindemokratien des Westens entlarven sich selbst.

    24 Leserempfehlungen
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    Mit dem Zusammenbruch des Kommunismus verloren wir den Bezugsmasstab. Nun wird hier all das gemacht, was wir früher verteufelten. Ein Artikel in der Flaschenpost - dem Nachrichtenmagazin der Piratenpartei - ging vor wenigen Tagen auf diesen Aspekt ein. Kein vernünftiger Mensch wünscht sich den eisernen Vorhang zurück oder dass jeand dahinter leben muss. Doch als moralischer Zeigefinger tat er gute Dienste!
    http://flaschenpost.pirat...

    >Die Scheindemokratien des Westens entlarven sich selbst.

    Der Satz ist ebenso lächerlich, wie die Aussage um die es geht falsch ist.
    Die amerikanische Regierung hat nicht das Recht die Redefreiheit einzuschränken. siehe (http://de.wikipedia.org/w...) Ob sie es dennoch tut oder getan hat, bleibt davon unberührt. Dürfen(!) tut sie es nicht.

    Und mal abgesehen davon, seit wann spricht irgendein kalifornischer Bahnfuzzi für die "Demokratien des Westens"?

  1. "Die Menschen vergessen, dass US-Regierungsbehörden das Recht haben, Sicherheit der Bürger vor die Meinungsfreiheit zu stellen. Wir haben das Recht, den Zeitpunkt, Ort und die Art und Weise von Redefreiheit zu bestimmen."

    Ist ja ekelhaft. Die sollten mal ihre eigene Verfassung etwas genauer durchlesen...

    13 Leserempfehlungen
  2. "Die Menschen vergessen, dass US-Regierungsbehörden das Recht haben, Sicherheit der Bürger vor die Meinungsfreiheit zu stellen. Wir haben das Recht, den Zeitpunkt, Ort und die Art und Weise von Redefreiheit zu bestimmen."
    Ist das im Land der Meinungsfreiheit wirklich so, wie dieser Bahnsprecher es sagt?

    4 Leserempfehlungen
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    Nach den Vorkommnissen des 9/11 und den damit verbundenen massiven Gesetzesänderungen im Innern halte ich es sogar für sehr wahrscheinlich, dass dem so ist. Leider !

  3. ...der Herrgott hat God's own country zusammen mit allen guten Geistern verlassen.

    Und mehr noch: irgendwie treten immer größere Ähnlichkeiten mit den Assads und Gadafis dieser Welt im Westen zu Tage.
    Bitte bleiben Sie konstruktiv und verzichten auf Polemik. Danke, die Redaktion/se

    6 Leserempfehlungen
    • snm81
    • 16. August 2011 18:18 Uhr

    finger auf die amis zeigen. das ist bei uns de facto nicht anders. der satz sprichts nur ehrlich aus.

    4 Leserempfehlungen
    • ikonaut
    • 16. August 2011 18:25 Uhr

    "Vor allem aber wohl, um Aufmerksamkeit zu erregen."

    > http://commonman.de/wp/?p...

  4. 8. Uiuiui

    Aha, soweit ist es gekommen.

    Ich meine nicht nur die Reaktion der pseudo-law-and-order-Truppe BART (was für Witzfiguren), sondern die der Online und Mobilfunk Junkies, die mal eine oder zwei Stunden ohne Empfang sind.

    Also man darf sich in "Frisco" über alles unterhalten und Parolen auf der Strasse dreschen, aber wenn man die Twitter Sachen abgeschaltet bekommt, dann ist das gegen die Meinungsfreiheit?

    Facebook-, Twitter- und andere Socialnetwork Fanatiker werden mich hassen und doch...es gibt ein Leben außerhalb des virtuellen Raumes---es nennt sich Realität

    Eine Leserempfehlung
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    • kapomuk
    • 16. August 2011 19:24 Uhr

    Wer Facebook für virtuell im Unterschied zu real hält, nimmt selbst die Realität nicht mehr wahr.

    Auslöser für all die Dinge, wegen derer Menschen in der letzten Zeit sowohl digital als auch "in echt" auf die Strasse gehen und gingen, waren Vorkommnisse des "realen Lebens". Nimmt man zum Beispiel England und auch dieses Beispiel hier, so wurden beide Male Menschen erschossen. Was daran nicht real sein soll erschließt sich mir nicht.

    Sozale Medien sind inzwischen Teil der Realität und ein probates Mittel sich untereinander zu vernetzen und (friedlich) gegen Grausamkeiten wie die beschriebenen zu demonstrieren.

    Wahrscheinlich gibt es heutzutage gar nicht mehr staatliche Repression gegen Bürger als früher- sondern sie kommt aufgrund der besseren Vernetztheit einfach öfter und schneller ans Licht. Diese Errungenschaft ist etwas, das man als demokratisch denkender Mensch verteidigen sollte.

    Twitter, morgen Fernsehen, Radio und Zeitungen (warum fällt mir jetzt gerade wohl Ungarn ein).

    Wehret den Anfängen

    diese 'Polizei' (nebenbei bemerkt, mir klingt das eher wie eine private Wachschutztruppe - haben die tatsächlich staatliche Rechte - das müßte überprüft werden) sich Kritik gefallen lassen mußte. Wie der Artikel schreibt, kam jemand zu Tode. Als erstes sollte man wohl die genaueren Umstände überprüfen - auch eine private Wachschutztruppe steht nicht über den Gesetzen, selbst wenn sie das gerne hätten.
    Es geht auch nicht darum, daß irgendwelche Internetjunkies mal zwei Stunden auf ihr Hobby verzichten sollen - es geht darum, ob diese Polizei überhaupt das Recht hat, das Handynetz abzuschalten. Auch das sollte überprüft werden.
    Es wäre fatal, sollte z.B. die Entwicklung eintreten, daß auch in Deutschland bei jeder normalen und angemeldeten Demonstration eine private Schutztruppe das Recht hat, Handynetze stillzulegen - es ist ja schon kriminell, wenn die tatsächliche staatliche Polizei, wie bereits geschehen, bei Demonstrationen die Daten der Handynutzer ausspioniert - und zwar zu Tausenden. Da kann mir keiner was erzählen, hier sollten irgendwelche Rädelsführer identifiziert werden.

    Wenn man solche Sätze wie den letzten lesen muss, kann man die Proteste schon gut versehen. Meinungsfreiheit ist ein Menschenrecht, das kann man nicht einfach mal so ohne Gerichtsbeschluss einschränken.

    Wehret den Anfängen

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte David Cameron | Demonstration | Mobilfunk | Protest | Scientology | Twitter
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