HackerChaos Computer Club misstraut OpenLeaks

Eigentlich wollte OpenLeaks-Gründer Domscheit-Berg, dass der CCC die Sicherheit seiner Plattform testet. Doch der Club weigert sich und sieht sich missbraucht. von 

CCC-Mitglied Daniel Domscheit-Berg

CCC-Mitglied Daniel Domscheit-Berg   |  © Reuters/Thomas Peter

Wikileaks auf deutsch und tatsächlich sicher – das sollte OpenLeaks sein, das neue Projekt von Daniel Domscheit-Berg, das er direkt nach seinem lauten Ausstieg bei der Whistleblowerplattform Wikileaks angekündigt hatte. Doch erst blieb es lange bei der Ankündigung, dann fiel der Start regelrecht ins Wasser und nun kritisieren auch noch Hacker das Projekt und äußern Zweifel an der Umsetzung und an der Sicherheit.

OpenLeaks soll in Zusammenarbeit mit Medien und Nichtregierungsorganisationen eine Plattform bieten, um anonym geheime Informationen verbreiten zu können, ohne dass der Informant – im englischen Whistleblower genannt –, entdeckt werden kann. Für den Start haben sich fünf Partner gefunden: die deutschen Zeitungen taz und Freitag , die dänische Dagbladet Information , das portugiesische Wochenblatt Expresso und die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch .

Domscheit-Berg hatte geplant, die Sicherheitsmaßnahmen von OpenLeaks bei dem Hackercamp des Chaos Computer Clubs (CCC) testen zu lassen, das derzeit in Finowfurt bei Berlin veranstaltet wird. Doch hatte er offenbar vergessen, die Hacker vorher zu fragen, ob sie dazu auch Lust haben.

"Der CCC ist kein Tüv"

Nach Domscheit-Bergs Aufruf beim Chaos Communication Camp 2011, OpenLeaks zu hacken, erhob sich schnell Kritik. "Wir sind im Vorstand des CCC überhaupt nicht glücklich darüber, dass Domscheit-Berg den Eindruck erweckt hat, OpenLeaks werde von unseren Leuten getestet und so mit einer Art CCC-Gütesiegel versehen", sagte beispielsweise CCC-Vorstandsmitglied Andy Müller-Maguhn dem Spiegel . "Der CCC ist kein TÜV. Wir lassen uns nicht vereinnahmen. Das war unverschämt."

Was ist WikiLeaks?

"We open governments", ist das Motto von WikiLeaks: "Wir machen Regierungen transparent". Die Organisation bietet eine eine Internetseite, über die sogenannte Whistleblower, Informanten also, geheime Akten und Daten an die Öffentlichkeit bringen können. WikiLeaks verspricht ihnen dabei dank verschlüsselter Kommunikation und nicht abhörbarer Server Anonymität. Gleichzeitig veröffentlicht WikiLeaks das Material auf seiner Seite und macht es damit für jeden zugänglich. Derzeit sind allerdings keine neuen Eingaben möglich.

Die Organisation hat dabei zum Grundsatz, Dokumente nur zu veröffentlichen, wenn sie zuvor auf Plausibilität und Wahrheitsgehalt geprüft wurden.

Cablegate

Eine besonders spektakuläre Veröffentlichung auf WikiLeaks ist unter dem Namen Cablegate bekannt geworden: Im November 2010 hat WikiLeaks mit der Veröffentlichung von etwa 250.000 Berichten US-amerikanischer Diplomaten begonnen.

Neben Depeschen, die US-Botschafter über internationale Politiker angefertigt hatten, kamen dabei auch weitere Informationen zu den von Amerika geführten Kriegen ans Licht, aber auch Einschätzungen zur Situation Nordkoreas, den Staaten Südamerikas und dem iranischen Atomprogramm

Am 7. Dezember 2010 wurde der Gründer der Seite, Julian Assange, in England verhaftet, weil gegen ihn ein Haftbefehl aus Schweden vorliegt. Dort wird ihm Vergewaltigung vorgeworfen. Assange bestreitet den Vorwurf. Die schwedische Justiz sagt, dass der Haftbefehl in keinem Zusammenhang mit den Veröffentlichungen durch Assanges Projekt steht. Er selbst behauptet, es handele sich nur um einen Vorwand, um WikiLeaks von der Veröffentlichung weiterer Dokumente abzuhalten.

Die Debatte um WikiLeaks

Fest steht, dass die Cablegate-Veröffentlichungen weltweit Interesse erregten. Vor allem in den USA riefen sie heftige Proteste der Regierung hervor und konservative Politiker forderten, Assange dafür einzusperren. In vielen Ländern führten sie zu einer Diskussion über den Nutzen von WikiLeaks und über die Zukunft der Diplomatie: Was geschieht mit den internationalen Beziehungen, wenn im Zweifel jedes geheime Dokument an die Öffentlichkeit gelangen könnte?

Dabei werden von einigen Kritikern auch die Absichten von Julian Assange und seiner Organisation in Zweifel gezogen. Sie sind der Meinung, dass Transparenz kein Selbstzweck sein dürfe, WikiLeaks also nicht ausnahmslos alle ihm zugespielten Dokumente ohne Rücksicht auf die Folgen veröffentlichen dürfe.

Wobei WikiLeaks selbst immer wieder betont hatte, dass genau das nicht geschieht und dass aus den Dokumenten beispielsweise Namen herausgefiltert würden, um Menschen nicht zu gefährden. Assange bezeichnet sich deshalb inzwischen auch als Chefredakteur, als jemand mit journalistischem Selbstverständnis, wozu gehört, nicht jede Information auch zu veröffentlichen. Mit der nun erfolgten Veröffentlichung aller unbearbeiteten US-Botschaftsdepeschen ist WikiLeaks aber zum ersten Mal von den eigenen Grundsätzen abgewichen.

Frühere Leaks

Gegründet wurde die Plattform von Assange im Jahr 2006. Im Jahr darauf erlangte sie weltweite Bekanntheit, als sie die Richtlinien des US-Militärs veröffentlichte, aufgrund derer im Gefangenenlager Guantánamo Bay die Insassen behandelt und gefoltert wurden.

Im Juli 2010 veröffentlichte die Organisation zuerst geheime Militärdokumente aus dem Afghanistan-Krieg (die Afghan War Diaries) und im Oktober Dokumente aus dem Irakkrieg (Iraq War Logs).

Berichte über WikiLeaks und die Debatte um die Veröffentlichungen haben wir nach Themen sortiert auf einer Übersichtsseite für unser Projekt ZEIT für die Schule zusammengestellt. Die gesamten veröffentlichten Artikel zu WikiLeaks finden Sie auch auf der Schlagwortseite.

Doch die Kritik richtet sich nicht nur gegen den Versuch, das Chaoscamp für die Eigen-PR zu nutzen. Das gesamte Vorgehen Domscheit-Bergs, der die Hauptfigur bei OpenLeaks ist, stößt auf Unwillen und Unverständnis. Zum Beispiel die Tatsache, dass er nicht vorher recherchiert habe, ob die Infrastruktur des Camps überhaupt ausreiche, um seinen Dienst zu starten. Die Server von OpenLeaks sollten auf dem Camp aufgebaut und hochgefahren werden, doch dann soffen sie im Regen ab und der Start verzögerte sich um fast zwei Tage.

Auch dass er die Struktur seiner Sicherheitsmaßnahmen nicht offen legen will, verstehen viele Hacker nicht. "Ein qualifizierter Sicherheitstest sieht anders aus", sagt Frank Rieger, einer der Sprecher des CCC. "Dazu legt man die Spezifikationen des Systems vor." Constanze Kurz, ebenfalls Sprecherin des Clubs, sieht das ähnlich. Geheimniskrämerei böte keine Sicherheit, sichere Systeme bräuchten Transparenz.  

Leserkommentare
    • chamsi
    • 13. August 2011 20:43 Uhr

    versucht zwischen Wikileaks und Openleaks hinsichtlich der von
    DDB entwendeten Daten zu vermitteln.
    Spiegelonline heute :
    "Müller-Maguhns Bilanz fällt jedenfalls bitter aus: Mittlerweile zweifle er "an Domscheit-Bergs Integrität". Auf jeden Fall gehe dieser "mit Fakten sehr flexibel um"."

    DDB hat sich in seinem Verhalten gegen Assange bereits als
    charakterlich recht mies gezeigt, hat mich eigentlich eher
    gewundert, dass ihm bis vor kurzem von einigen Seiten überhaupt noch ein Vertrauensvorschuß gewährt wurde.
    OL wird ein Flop sein und WL wurde durch DDB zusätzlich
    geschädigt.
    Der Plan der WL Gegner in den USA und anderswo ist damit
    wohl aufgegangen....

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    Der CCC wollte wohl wegen der WL Daten vermitteln und wurde wohl wieder etwas brüskiert.

    Bei Wikileaks haben sich die Mitarbeiter wohl durch das ständige überstrapazieren der Begriffe "Wahrheit" und "Vertrauen" eine schwierige Arbeits- und Kommunikationsweise angewöhnt.

    Der CCC sollte die Leakerzerfleischung einfach ignorieren. Ggf. kann DDB ja die Daten bei der TAZ abgeben ...

    • negve
    • 13. August 2011 20:47 Uhr

    Die Partner sagen eigentlich schon alles aus. 3. oder 4. Wahl. Dieser Mann hat jeglichen Kredit verspielt und wird so schnell kein Bein mehr auf den Boden bringen, zu Recht.

    • negve
    • 13. August 2011 20:48 Uhr

    DDB hätte bezüglich der abgesoffenen Server nur seine Frau bei Microsoft kontaktieren sollen...

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    Mit einem ms system. Sehr schoen

  1. Eine WL Plattform ist in Deutschland eigentlich nicht möglich. Aber es wäre nett gewesen, einen Präzedenzfall zu haben. Dann könnten in Deutschland endlich die Gesetze angepasst werden. Das der Leaks Server für die TAZ bei so36 steht, sagt eigentlich auch schon eine Menge.

    Aber unter dieser Regierung? Mit diesem Innenmister? Und einer FDP, die hoffentlich bald in der Versenkung verschwindet? Auch mit SPD Beteiligung wird dies vermutlich nicht besser -- man kann nur auf einen Generationswechsel in den Partei und auf Neuausrichtungen hoffen.

    Ansonsten: Das komplette Setup unter eine freie Lizenz stellen. Dann kann es geprüft werden. Anders wird es sehr schwierig. Evlt. ist eine offene LeaksServer Distribution das Beste, was aus der ganzen Sache gelernt werden kann. Die Leute, die meinen sie könnten etwas leaken, sollten es dann die verschiedenen Leak-Server der Institution schicken, denen sie am meisten vertrauen.

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    die Frage ist berechtigt!
    Habe mir gerade mal die Liste der Bundesminister des Innern der Bundesrepublik Deutschland (seit 1949) angesehen. Das Personal der CSU markiert die absoluten Tiefpunkte.

    • cvnde
    • 13. August 2011 22:22 Uhr

    Ich habe diesen Ausgang schon kommen sehen, als das Projekt nach dem Start Ende letzten Jahres nicht in die Gänge kam.

    Das wird ein reiner Hoax oder Bluff.
    An dem Prjekt paßt doch nichts zusammen, ein Pseudo-Interletueller, der auch noch mit einer "Führungskraft" vo Microsoft liiert ist, will plötzlich im "Whistleblowing" was werden?

    Microsoft, war da nicht was?
    Achja, das Empire of Evil der PC Industrie, Monopol, Wettbewerbsverfahren, you name it.

    Das jemand mit solchen Verbindungen in den Bereich Freedom of Information vordringt, dass paßt doch hinten und vorne nicht.

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    "An dem Prjekt paßt doch nichts zusammen"

    Merkwürdig ist ja auch, dass er Assange Geltungssucht vorgeworfen hat und dass er sich zu sehr in die Öffentlichkeit dränge, dabei vergeht kaum ein(e) Woche/Monat, in der er nicht ein Interview gibt. Niemand sollte auch nur ein Wort von ihm glauben..

  2. die Frage ist berechtigt!
    Habe mir gerade mal die Liste der Bundesminister des Innern der Bundesrepublik Deutschland (seit 1949) angesehen. Das Personal der CSU markiert die absoluten Tiefpunkte.

    Antwort auf "WL in GER"
  3. Der CCC wollte wohl wegen der WL Daten vermitteln und wurde wohl wieder etwas brüskiert.

    Bei Wikileaks haben sich die Mitarbeiter wohl durch das ständige überstrapazieren der Begriffe "Wahrheit" und "Vertrauen" eine schwierige Arbeits- und Kommunikationsweise angewöhnt.

    Der CCC sollte die Leakerzerfleischung einfach ignorieren. Ggf. kann DDB ja die Daten bei der TAZ abgeben ...

    • Fifty4
    • 13. August 2011 23:14 Uhr

    Als DDB Julian Assange verraten hat, war doch alles klar!

    Wenn es ihm um Geld, also die Spenden an Wikileaks, gegangen wäre, hätte er sich anders verhalten. Nein, er ist der willfährige Büttel der Geheimdienste. Der Job seiner Frau legt das nahe. Microsoft und die NSA arbeiten engstens zusammen, enger geht nicht.

    DDB hat sich bei Wikileaks eingeschlichen, um es von innen heraus zu zerstören. Mit seinem Bart und flotten Sprüchen getarnt, hat er sich angedient und genau das getan, was notwendig war, um alles lahm zu legen. Er wollte sich dabei einen offengeistigen Anstrich geben, der ihm aber nicht gelungen ist.

    Er wird Zeit seines Lebens nun das bleiben, was er ist, ein Verräter. Niemand wird ihm mehr glauben, schon gar nicht die Community im Netz. Einmal ausgespukt vor so einem Kleingeist, das ist was ihm gebührt.

    Der sollte sich nirgendwo mehr sehen lassen. Ba Pfui.

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  • Schlagworte Computer | Hacker | Foodwatch | TÜV | WikiLeaks | Chaos
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