WikiLeaksStreit zwischen Assange und Domscheit-Berg eskaliert

Der frühere WikiLeaks-Sprecher Daniel Domscheit-Berg hat offenbar unveröffentlichte, angeblich hochbrisante Dokumente zerstört, die er von WikiLeaks mitgenommen hatte.

OpenLeaks-Gründer und ehemaliger WikiLeaks-Sprecher: Daniel Domscheit-Berg

OpenLeaks-Gründer und ehemaliger WikiLeaks-Sprecher: Daniel Domscheit-Berg  |  © Sean Gallup/Getty Images

Daniel Domscheit-Berg hat nach eigenen Angaben mehr als 3.500 Dateien unbrauchbar gemacht, die sogenannte Whistleblower ursprünglich der Leakingplattform WikiLeaks überlassen hatten. Der Streit zwischen dem ehemaligen WikiLeaks-Sprecher und Julian Assange, dem Gründer der Organisation, erreicht damit einen weiteren Höhepunkt.

Einfach zu überblicken ist der Zank nicht, daher kurz eine Zusammenfassung: Domscheit-Berg ist Autor eines Buches über WikiLeaks, in dem er sich von Assange lossagt und Vorwürfe gegen seinen früheren Freund Assange erhebt. Vor allem schrieb er darin, WikiLeaks sei nicht sicher und gefährde aufgrund mangelnder Technik die Einsender von brisanten Informationen. Anschließend gründete er seine eigene Plattform: OpenLeaks, die sich ebenfalls an Informanten richtet, die anonym geheime Daten weitergeben wollen, und schuf damit eine Konkurrenz zu WikiLeaks.

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Gestritten nun wird vor allem um eine Festplatte. Auf der sollen sich eben jene an Wikileaks geschickten Dokumente befunden haben. Domscheit-Berg soll die Daten noch während seiner WikiLeaks-Zeit von den Servern kopiert und die Festplatte bei seinem Ausstieg mitgenommen haben.

Was ist WikiLeaks?

"We open governments", ist das Motto von WikiLeaks: "Wir machen Regierungen transparent". Die Organisation bietet eine eine Internetseite, über die sogenannte Whistleblower, Informanten also, geheime Akten und Daten an die Öffentlichkeit bringen können. WikiLeaks verspricht ihnen dabei dank verschlüsselter Kommunikation und nicht abhörbarer Server Anonymität. Gleichzeitig veröffentlicht WikiLeaks das Material auf seiner Seite und macht es damit für jeden zugänglich. Derzeit sind allerdings keine neuen Eingaben möglich.

Die Organisation hat dabei zum Grundsatz, Dokumente nur zu veröffentlichen, wenn sie zuvor auf Plausibilität und Wahrheitsgehalt geprüft wurden.

Cablegate

Eine besonders spektakuläre Veröffentlichung auf WikiLeaks ist unter dem Namen Cablegate bekannt geworden: Im November 2010 hat WikiLeaks mit der Veröffentlichung von etwa 250.000 Berichten US-amerikanischer Diplomaten begonnen.

Neben Depeschen, die US-Botschafter über internationale Politiker angefertigt hatten, kamen dabei auch weitere Informationen zu den von Amerika geführten Kriegen ans Licht, aber auch Einschätzungen zur Situation Nordkoreas, den Staaten Südamerikas und dem iranischen Atomprogramm

Am 7. Dezember 2010 wurde der Gründer der Seite, Julian Assange, in England verhaftet, weil gegen ihn ein Haftbefehl aus Schweden vorliegt. Dort wird ihm Vergewaltigung vorgeworfen. Assange bestreitet den Vorwurf. Die schwedische Justiz sagt, dass der Haftbefehl in keinem Zusammenhang mit den Veröffentlichungen durch Assanges Projekt steht. Er selbst behauptet, es handele sich nur um einen Vorwand, um WikiLeaks von der Veröffentlichung weiterer Dokumente abzuhalten.

Die Debatte um WikiLeaks

Fest steht, dass die Cablegate-Veröffentlichungen weltweit Interesse erregten. Vor allem in den USA riefen sie heftige Proteste der Regierung hervor und konservative Politiker forderten, Assange dafür einzusperren. In vielen Ländern führten sie zu einer Diskussion über den Nutzen von WikiLeaks und über die Zukunft der Diplomatie: Was geschieht mit den internationalen Beziehungen, wenn im Zweifel jedes geheime Dokument an die Öffentlichkeit gelangen könnte?

Dabei werden von einigen Kritikern auch die Absichten von Julian Assange und seiner Organisation in Zweifel gezogen. Sie sind der Meinung, dass Transparenz kein Selbstzweck sein dürfe, WikiLeaks also nicht ausnahmslos alle ihm zugespielten Dokumente ohne Rücksicht auf die Folgen veröffentlichen dürfe.

Wobei WikiLeaks selbst immer wieder betont hatte, dass genau das nicht geschieht und dass aus den Dokumenten beispielsweise Namen herausgefiltert würden, um Menschen nicht zu gefährden. Assange bezeichnet sich deshalb inzwischen auch als Chefredakteur, als jemand mit journalistischem Selbstverständnis, wozu gehört, nicht jede Information auch zu veröffentlichen. Mit der nun erfolgten Veröffentlichung aller unbearbeiteten US-Botschaftsdepeschen ist WikiLeaks aber zum ersten Mal von den eigenen Grundsätzen abgewichen.

Frühere Leaks

Gegründet wurde die Plattform von Assange im Jahr 2006. Im Jahr darauf erlangte sie weltweite Bekanntheit, als sie die Richtlinien des US-Militärs veröffentlichte, aufgrund derer im Gefangenenlager Guantánamo Bay die Insassen behandelt und gefoltert wurden.

Im Juli 2010 veröffentlichte die Organisation zuerst geheime Militärdokumente aus dem Afghanistan-Krieg (die Afghan War Diaries) und im Oktober Dokumente aus dem Irakkrieg (Iraq War Logs).

Berichte über WikiLeaks und die Debatte um die Veröffentlichungen haben wir nach Themen sortiert auf einer Übersichtsseite für unser Projekt ZEIT für die Schule zusammengestellt. Die gesamten veröffentlichten Artikel zu WikiLeaks finden Sie auch auf der Schlagwortseite.

Allerdings gibt es von ihm selbst dazu sich widersprechende Aussagen. So erklärte der Chaos Computer Club (CCC) vor Kurzem, er habe monatelang versucht, die Rückgabe dieser Festplatte an Assange zu vermitteln, und Domscheit-Berg habe mehrfach versprochen, die Platte dazu an den CCC zu übergeben. Dann sagte Domscheit-Berg jedoch in einem Interview, er habe nie eine Platte besessen, nur um kurz darauf öffentlich zu erklären, er wolle die Zugangscodes der verschlüsselten Daten unter notarieller Aufsicht vernichten. Nun also will er die Daten selbst gelöscht haben.

Das Problem dabei ist, dass nur er selbst weiß, welche Aussage richtig ist. Assange wiederum antwortet auf die Äußerungen seines ehemaligen Mitstreiters mit Verschwörungstheorien über Domscheit-Berg und bezichtigt ihn und seine Frau Anke der Kollaboration mit Geheimdiensten. In einem weiteren Statement wiederholte WikiLeaks kurz darauf einige frühere Vorwürfe gegen Domscheit-Berg und sprach ihm erneut jede wichtige Bedeutung für das Projekt WikiLeaks ab.

Der CCC hat sich aus dem Streit bereits frustriert zurückgezogen und seine Vermittlungsversuche aufgegeben. Gleichzeitig wurde Domscheit-Berg, bis dahin Mitglied des CCC, ausgeschlossen.

Leserkommentare
  1. dieser Artikel! Warum missfällt dem CCC openleaks? Warum und auf welche Weise hat er versucht Domscheid-Berg am Löschen der Daten zu hindern? Alles in Allem eher eine Pressemeldung als ein Artikel. Schwach.

    • ohopp
    • 21. August 2011 17:18 Uhr

    warum DB in der Zeit so gehypt wurde.

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    Wieso ist das jetzt klarer?

    Die Zeit-Online-Autorin Tina Klopp schreibt im Namen von Domscheit-Berg ein Buch über WikiLeaks. Das ist der bisher wohl gravierendste Zusammenhang zwischen Zeit Online und ihm.

    • chamsi
    • 21. August 2011 17:25 Uhr

    mag eine veröffentlichte Stellungnahme von Assange vom gestrigen Tag geben (es folgte auf der gelinkten website dann noch eine zweite)

    http://wlcentral.org/node...

    Unter anderem weist Assange auf Kontakte der Ehefrau von DDB hin,
    angeblich auch zur CIA.
    Manning war der einzige Informant, der "aufflog", durch den Chat mit einem ehemaligen Hacker, der mittlerweile mit dem FBI kooperierte.
    Es gab KEINE Gefahren beim System WL, vor denen DDB irgendjemanden schützen mußte.
    Außerdem, wer hat ihn dazu legitimiert, die Infos an sich zu nehmen und zu löschen ?
    Die betreffenden Informanten nicht und vermutlich werden die
    Infos jetzt nicht noch einmal "geleakt" werden.
    Die CIA freut sich
    Die einzige "Gefahr" für Informanten besteht in nicht vertrauenswürdigen Personen......Personen wie DDB.

  2. der Begründung, "die Quellen nicht zu gefährden", Dokumente zu vernichten und hinterher den Informanten erzählen, sie mögen das Risiko auf sich nehmen, diese "nochmal zu verschicken". Das riecht für mich irgendwie nach einem großen Widerspruch und der wahren Absicht, einfach noch ein wenig verbrannte Erde zu hinterlassen, nachdem man vorher nicht das gekriegt hat, was man wollte. Vielleicht hat er das ja auch deshalb gesagt, weil er die Daten bei sich nicht sicher wähnt - was ebenso dafür sprechen würde, dass er für seine Aufgbe eine Fehlbesetzung abgibt.

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    • chamsi
    • 21. August 2011 17:55 Uhr

    die Absicht war die, diese Informationen überhaupt nie veröffentlicht zu sehen.
    Was vermutlich nach dem öffentlichen Hickhack auch nicht
    mehr geschehen wird.

    • chamsi
    • 21. August 2011 17:55 Uhr

    die Absicht war die, diese Informationen überhaupt nie veröffentlicht zu sehen.
    Was vermutlich nach dem öffentlichen Hickhack auch nicht
    mehr geschehen wird.

    Antwort auf "Erst mit"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    unter anderem mit "verbrannte Erde hinterlassen".

    Das ist ein uraltes Thema der Menschheit,
    was einer pressure group nicht passt, wird eliminiert.

    In Ägypten hat man die Namen von Pharaonen herausgemeisselt und
    die Bibel ist eine einzige Fälschung, je nach Jahreszeit.
    Die unbefleckte Empfängnis, ein schlichter Übersetzungsfehler.
    Im Griechischen heisst es junge Frau, nicht Jungfrau.
    Die Bibliothek von Alexandria wurde eingeäschert, die Taliban sprengen die Bhuddafiguren und in der Neuauflage von
    Alexander Mitscherlichs "Agression" wird der Beitrag von Herbert Marcuse zum Thema Etikettenschwindel einfach weggelassen.
    Die '68er haben sich mittlerweile arrangiert.

    Doch es besteht Grund zur Hoffnung.
    Da das Internet nicht vergisst, bricht eine neue Zeit der
    Informationserhaltung an.

    Wissen für alle, das ist Demokratie

  3. Wer sich so unprofessionell verhält, wenn es um die Dokumentation von Vorgängen geht, die der breiten Öffentlichkeit vorenthalten werden sollen, diskreditiert sich selbst.

    Was Domscheid-Berg da abzieht, ist einfach unerträglich. Man muss Assange nicht mögen. Es wäre möglich gewesen, die Dokumente so zu anonymisieren, dass keine Rückschlüsse auf die Informanten mehr möglich gewesen wären und sie in dieser Form öffentlich zugänglich zu machen.

    Die komplette Zerstörung dieser Dokumente ist ganz im Sinne derer, die sie gerne im Geheimen gehalten gewusst hätten. Wer nach dieser Aktion OpenLeaks auch nur noch einen Millimeter über den Weg traut, ist selbst schuld.

    Der schlimmste Feind offener Information scheint anlasslose Eitelkeit zu sein.

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    Der Kommentar gefällt sehr vielen. Sich eine Meinung aus einem Spiegel-Artikel heraus zu bilden, ist eine andere Sache. Es ist doch offensichtlich, dass D.B. diskreditiert werden soll und dass da noch eine offene Rechnung mit dem Spiegel ist. Ich mag ihn (D. B.) auch nicht besonders, aber Gerechtigkeit hat er ja wohl doch verdient. Nur wer alle Informationen hat, kann urteilen.

  4. unter anderem mit "verbrannte Erde hinterlassen".

    Antwort auf "Ich denke eher...."
  5. 8. .....

    So. Und der Herr Domscheit-Berg meint nun, da würde ihm noch irgend jemand Daten anvertrauen? Dieses Gezanke zwischen Assange, Domscheit-Berg und dem Vorstand des CCC ist das Eine, die Vertraulichkeit geheimer Dokumente sollte etwas Anderes sein. Diese Daten wurden nicht selten unter hohem Risiko beschafft, siehe die Inhaftierung von Bradley Manning.

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