Handy-FahrscheinVon der Deutschen Bahn verfolgt

Wer in Berlin Bahn oder Bus fahren will, braucht keinen Fahrschein mehr, Handy genügt. Doch das System will viel wissen und hat Tücken. Sebastian Horn hat es ausprobiert.

Handytickets bei den Berliner Verkehrsbetrieben

Handytickets bei den Berliner Verkehrsbetrieben

Touch&Travel heißt die App, die in Berlin als Fahrschein für öffentliche Verkehrsmittel gilt. Ein Code aus schwarzen und weißen Feldern auf dem Handybildschirm ersetzt das Papierticket. Entwickelt hat das System die Deutsche Bahn, die es seit 2008 testet . Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) sind seit Mitte des Jahres Kooperationspartner für den Berliner Nahverkehr. 

In der Hoffnung, mich nie wieder über kaputte Fahrscheinautomaten oder fehlendes Kleingeld ärgern zu müssen, habe ich mich für den Testlauf angemeldet. Jeder, der ein iPhone oder ein Android-Smartphone hat, kann mitmachen. Dazu muss er sich registrieren und die Touch&Travel-App auf seinem Gerät installieren. Anschließend genügen ein paar Knopfdrücke, um den Start- und Endpunkt jeder Fahrt einzugeben. Das System berechnet den Fahrpreis und bucht ihn vom Konto des Nutzers ab.

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Selbstverständlich traut die Bahn ihren Kunden nicht und will überprüfen, ob deren Angaben stimmen. Sie sammelt dazu Bewegungsdaten. Das ist datenschutzrechtlich umstritten. Und es kann zu Missverständnissen führen.

Vor ein paar Wochen fuhr ich beispielsweise mit dem Zug vom Berliner Hauptbahnhof nach Luxemburg. Dazu hatte ich mir ganz altmodisch am Schalter ein Ticket gekauft. Für die Fahrt zum Hauptbahnhof verwendete ich jedoch die Touch&Travel-App.

Dummerweise vergesse ich regelmäßig, mich nach dem Ende einer Fahrt über die App wieder auszuloggen und die Fahrt somit offiziell zu beenden. So auch, als ich zum Hauptbahnhof fuhr, um von dort den Zug nach Luxemburg zu nehmen. Als mein ICE gerade Bielefeld passierte, bekam ich eine SMS: "Sehr geehrter Kunde, Sie nutzen Touch&Travel seit 4h. Falls Sie noch unterwegs sind, gute Weiterfahrt. Ansonsten bitte Abmeldung vornehmen."

Die App "Touch & Travel" der Deutschen Bahn

Die App "Touch & Travel" der Deutschen Bahn

Normalerweise bestimmt die App mit Hilfe des GPS-Moduls im Handy, wo sich Gerät und Fahrgast befinden, und bietet eine Auswahl der umliegenden Haltestellen an. Da der Berliner Hauptbahnhof schon ein paar hundert Kilometer hinter mir lag und nicht mehr aufgeführt wurde, gab ich ihn manuell als Endhaltestelle ein und holte die Abmeldung somit umgehend nach. Damit hielt ich den Fall für erledigt.

Bis mich eine E-Mail vom Touch&Travel-Kundenservice erreichte: "…die übermittelten Daten der [Fahrt vom 09.08.2011] sind leider noch nicht ganz schlüssig, da die Abmeldung zu spät durchgeführt wurde und Sie offensichtlich weiter bis nach Bielefeld gefahren sind. Wir möchten Sie daher um eine kurze Rückmeldung und Angabe der Fahrdaten bitten. Sollten Sie des Weiteren um ein gültiges Fahrticket für die Reststrecke nach Bielefeld verfügen, so schicken Sie uns dies bitte zu."

E-Mail der Bahn an unseren Mitarbeiter

E-Mail der Bahn an unseren Mitarbeiter

Offensichtlich wusste Touch&Travel, wo ich mich befand, als ich mich nachträglich ausloggte. Die App hatte die Position meines Handys an die Bahn übermittelt und den automatisch bestimmten Aufenthaltsort (Bielefeld) mit meiner manuellen Angabe (Berliner Hauptbahnhof) abgeglichen.

Das sind jedoch längst nicht alle Daten, die das Programm von seinen Nutzern sammelt. In den Geschäftsbedingungen steht: "Nach erfolgreich durchgeführter Anmeldung wird bis zur Abmeldung periodisch der Standort des Smartphones ermittelt." Das System verfolgt, mit welchen Funkzellen des Handynetzes sich mein Smartphone verbindet. Und das auch, wenn die Touch&Travel-App gar nicht aktiv ist. Die Bahn speichert also ganze Bewegungsprofile , während ich unterwegs bin.

Leser-Kommentare
  1. 1. Danke

    Thx für den Artikel! Gut zu wissen

    5 Leser-Empfehlungen
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    • GDH
    • 28.09.2011 um 12:14 Uhr

    Hoffentlich nutzt das System einfach kaum jemand (und die Bahn lernt daraus).

    Ich find' es allgemein bedauerlich, dass die Bahn dem Kunden vielfach personalisierte Tickets aufdrängt.

    Meine Erwartung an öffentliche Verkehrsmittel ist, dass nach Ende der Fahrt keine Nutzungsdaten mehr von mir vorliegen. Technisch wäre das auch bei Tickets mit Vorausbestellung und Bahncard-Nutzung durchaus möglich.
    In der Praxis ist dies leider nur zu erreichen indem man Tickets am Automaten kauft. Eine Datenschutzfreundliche Regelung dazu wäre eine Aufgabe für die Politik (da es den Landesdatenschutzbeauftragten derzeit entweder an den Mitteln oder am Willen fehlt, da konsequenz durchzugreifen).

    • GDH
    • 28.09.2011 um 12:14 Uhr

    Hoffentlich nutzt das System einfach kaum jemand (und die Bahn lernt daraus).

    Ich find' es allgemein bedauerlich, dass die Bahn dem Kunden vielfach personalisierte Tickets aufdrängt.

    Meine Erwartung an öffentliche Verkehrsmittel ist, dass nach Ende der Fahrt keine Nutzungsdaten mehr von mir vorliegen. Technisch wäre das auch bei Tickets mit Vorausbestellung und Bahncard-Nutzung durchaus möglich.
    In der Praxis ist dies leider nur zu erreichen indem man Tickets am Automaten kauft. Eine Datenschutzfreundliche Regelung dazu wäre eine Aufgabe für die Politik (da es den Landesdatenschutzbeauftragten derzeit entweder an den Mitteln oder am Willen fehlt, da konsequenz durchzugreifen).

    • Quirks
    • 27.09.2011 um 18:00 Uhr

    Von mir auch Dank für den interessanten Artikel. In meinen Augen ist das Problem des Systems dass man sozusagen eine onDemand-Fahrkarte generiert durch die Dauer, die man mit der App eingelogged ist. Daher muss die Bahn die ganze Zeit die Position aufzeichnen und die Applikation daraus Rückschlüsse ziehen. Und wenn man sich zu spät auslogged, dann kann das entweder ein Versehen sein oder halt auch Absicht. Ich würde ein klassisches System bevorzugen, bei dem man sich die Karte vorher kauft und sie dann einem Kontrolleur zeigen kann. Das würde die Positionsaufzeichnung erübrigen. Und natürlich viele Diskussionen wenn man wieder mal vergessen hat, sich auszuloggen. Man muss halt nur noch daran denken, einen Fahrschein zu kaufen ;-)

    8 Leser-Empfehlungen
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    Neben dem Anmelden/Abmelden Modell, welches die Bahn nutzt, gibt es noch Handy-Tickets, welche neben dem Code als Schutzfaktor über eine menschenlesbare Maske verfügen. Auf diese Weise wird das Handyticket zum mobilen Bruder des Papierfahrscheins. Allerdings ist der Umstieg auf ein deutschlandweit ähnliches eTicket geplant und dessen Möglichekeiten kommt die Applikation der Bahn durch das An/Abmeldeverfahren näher.

    • GDH
    • 28.09.2011 um 12:17 Uhr

    Ihr Vorschlag geht in die richtige Richtung.

    Grundsätzlich wären mir möglichst pauschale Tickets mit Netzwirkung lieber als für jede einzelne Fahrt einen Bezahlvorgang auszulösen und ein Stück Papier zu drucken.

    Leider gibt's von der Bahn in der Richtung nicht so viel (Bahncard100 ist extrem teuer...)

    Neben dem Anmelden/Abmelden Modell, welches die Bahn nutzt, gibt es noch Handy-Tickets, welche neben dem Code als Schutzfaktor über eine menschenlesbare Maske verfügen. Auf diese Weise wird das Handyticket zum mobilen Bruder des Papierfahrscheins. Allerdings ist der Umstieg auf ein deutschlandweit ähnliches eTicket geplant und dessen Möglichekeiten kommt die Applikation der Bahn durch das An/Abmeldeverfahren näher.

    • GDH
    • 28.09.2011 um 12:17 Uhr

    Ihr Vorschlag geht in die richtige Richtung.

    Grundsätzlich wären mir möglichst pauschale Tickets mit Netzwirkung lieber als für jede einzelne Fahrt einen Bezahlvorgang auszulösen und ein Stück Papier zu drucken.

    Leider gibt's von der Bahn in der Richtung nicht so viel (Bahncard100 ist extrem teuer...)

    • grrzt
    • 27.09.2011 um 18:19 Uhr

    Fahrkarte aus Papier, anonym gekauft, und selbst ein muffiger Fahrkartenverkäufer ist mir allemal lieber, als ein Apparat der meine Gewohnheiten im öpnv aufzeichnet. Der Artikel liest sich im Übrigen so als ob Mehdorn noch Chef wär.... Nun ja, Kundenorientierung geht anders, wenn ich für eine Bahnfahrt auch noch E-mail-anlaber ertragen muss.

    15 Leser-Empfehlungen
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    was selbstverständlich die Schuld der Äpfel ist. Und wenn jemand etwas nicht versteht, liegt das selbstverständlich nicht an ihm selbst. Das System stellt meine Bewegung fest und berechnet mir den dafür zu zahlenden Bereich. Das ist das Kernstück. Wenn mir das nicht passt, muss ich mich anderweitig um die Bezahlung kümmern. Dann ist das System eben nichts für mich. Wer aber schon mal an allen Automaten und Schaltern vorbei rennend einen Zug gerade noch so erwischt hat und sich dann einfach hinsetzen darf, weil er die App schnell starten kann und somit einen gültigen Fahrschein hat - wohin auch immer - der wird merken, dass dieses System für ihn gemacht ist.

    ...dass Sicherheit so einfach ist. Oder auch nicht.

    Nichts gibt es umsonst. Mit Touch&Travel kann man jederzeit ein Ticket lösen - dafür muss die Bahn es aber eben auch anders prüfen. Mir wäre es Recht, denn verpasste Züge sind so gestern. ODer überbezahlte Tickets.

    Sinnvoll wäre, aber das wird die Bahn noch merken, wenn der T'n'T-Account mit der Bahncard verknüpft wird. So weiß es immer Bescheid, für welche (Teil-)Strecke das Ticket gültig ist.

    Wer aber nun, wie die Datenschützer, im Gegenteil ein anonymes Digitalticket fordert, der lebt fernab der Realität. Damit man schnell das Handy weitergibt? Und über die Route täuscht? Ach ne, es sind ja alle so ehhhhhhrlich.

    was selbstverständlich die Schuld der Äpfel ist. Und wenn jemand etwas nicht versteht, liegt das selbstverständlich nicht an ihm selbst. Das System stellt meine Bewegung fest und berechnet mir den dafür zu zahlenden Bereich. Das ist das Kernstück. Wenn mir das nicht passt, muss ich mich anderweitig um die Bezahlung kümmern. Dann ist das System eben nichts für mich. Wer aber schon mal an allen Automaten und Schaltern vorbei rennend einen Zug gerade noch so erwischt hat und sich dann einfach hinsetzen darf, weil er die App schnell starten kann und somit einen gültigen Fahrschein hat - wohin auch immer - der wird merken, dass dieses System für ihn gemacht ist.

    ...dass Sicherheit so einfach ist. Oder auch nicht.

    Nichts gibt es umsonst. Mit Touch&Travel kann man jederzeit ein Ticket lösen - dafür muss die Bahn es aber eben auch anders prüfen. Mir wäre es Recht, denn verpasste Züge sind so gestern. ODer überbezahlte Tickets.

    Sinnvoll wäre, aber das wird die Bahn noch merken, wenn der T'n'T-Account mit der Bahncard verknüpft wird. So weiß es immer Bescheid, für welche (Teil-)Strecke das Ticket gültig ist.

    Wer aber nun, wie die Datenschützer, im Gegenteil ein anonymes Digitalticket fordert, der lebt fernab der Realität. Damit man schnell das Handy weitergibt? Und über die Route täuscht? Ach ne, es sind ja alle so ehhhhhhrlich.

  2. Ein normales Handyticket existiert bei der Bahn schon lange. Man kann es entweder über die mobile Seite oder auch über die Desktopversion von bahn.de kaufen und bekommt es als MMs zugeschickt. Schade finde ich da nur, dass das Angebot noch eingeschränkt ist und z.B. keine Sparpreise und Ländertickets erworben werden können.
    Ich bin eigentlich auch immer kritisch wenn es um den Datenschutz geht, aber bei Touch and Travel ist es unumgänglich die Route aufzuzeichnen für die Abrechnung. Ich frage mich eh wie die App sicher zwischen den verschiedenen Zugkategorien unterscheiden kann. Und wenn man eben vergisst sich auszuloggen, dann denkt die app eben man ist noch unterwegs und braucht sie noch. Wenn man dann auch tatsächlich noch im ICE sitzt ist doch logisch, dass das nach Betrug richt. Das Programm kann ja nicht wissen, dass man bereits eine Papierkarte erworben hat.

    Eine Leser-Empfehlung
    • chrisi
    • 27.09.2011 um 18:28 Uhr

    Ich kann beim besten Willen da nichts anstößiges finden. Wo ist die angesprochene Tücke im System? Ich kannte das Touch&Travel vorher nicht. Aber die Bahn macht gar keinen Hehl daraus, dass sie zwischen Anmelden und Abmelden einer Fahrt Positionsdaten sammeln. Steht auch nicht irgendwo in den AGB's sondern ist Punkt Nummer eins auf der FQA auf der Bahnseite. Jetzt einen Artikel "Böse Bahn sammelt Daten" zu schreiben finde ich reißerisch und unseriös.
    Niemand ist gezwungen das System zu nutzen. Anonyme Fahrscheine kaufen ist immer noch möglich. Das die Bahn die Augenbrauen hochzieht, wenn jemand eine Fahrt in Bielefeld ausloggt und "vorgibt" in Berlin zu sein finde ich auch OK.

    2 Leser-Empfehlungen
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    Das Programm sammelt Bewegunsdaten, auch wenn Touch and Travel NICHT aktiv ist.

    Und das steht nirgendwo! Und ist auch alles andere als "kein Problem".

    Das Programm sammelt Bewegunsdaten, auch wenn Touch and Travel NICHT aktiv ist.

    Und das steht nirgendwo! Und ist auch alles andere als "kein Problem".

  3. Auf manuelle An- und Abmeldung zu setzen und das Ganze per GPS zu überwachen scheint kein wirklich praxistauglicher Ansatz zu sein. Besser wäre es vielleicht, auf eine weitere Verbreitung von RFID Technik wie NFC in Smartphones zu setzen und ein System ähnlich dem in London (Oyster Card) zu installieren. Hier wird am Anfang und Ende der Fahrt im Vorbeigehen eine Prepaid Karte über einen Sensor (z.B. an Drehkreuzen) gezogen und das System ermittelt automatisch den günstigsten Tarif für die Fahrt, der dann abgebucht wird.
    So erübrigt sich die Kontrolle und es kommt nicht zu Missverständnissen durch vergessenes Ausloggen. Leider ist NFC noch nicht weit genug verbreitet, doch solange die manuelle Lösung mit GPS die einzige ist, würde ich das Papierticket nicht gegen eine App tauschen.

    4 Leser-Empfehlungen
    • hugok
    • 27.09.2011 um 18:38 Uhr

    Warum brauchen Sie eigentlich eine Karte für die Fahrt zum und vom Hbf. Ist doch beim Besitzer einer Bahncard bei Fernreisen in der Regel mit inbegriffen (City-Option).
    Ansonsten stimme ich dem Vorredner zu - man muß ja nicht mitmachen und sich lückenlos kontrollieren lassen. Die Informationsfreizügigkeit moderner Handys ist eh schon obszön.

    Eine Leser-Empfehlung
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    Das City-Ticket gibt es nur für den Zielort, nicht für den Abfahrtsort.

    Das City-Ticket gibt es nur für den Zielort, nicht für den Abfahrtsort.

  4. Unverständlich, weswegen man mit der App nicht einfach mit den vorliegenden Sparoptionen im besten Fall analog zu Automaten ein Ticket zu einem bestimmte Ziel kaufen kann und fertig. Zum einen würde ich einem automatisch ermittelten Fahrpreis eh nicht trauen, zum anderen ist es ja mit Dilettantismus alleine schon beinahe nicht mehr zu erklären, weswegen das Ticket von Schaffnern nicht kontrolliert werden kann. Aber gut zu wissen, dann brauche ich mir in Zukunft nur noch das Handy von Bahncard100-Besitzern und Schwerbehinderten zu leihen, um zu sensationell günstigen Preisen durch die Lande zu fahren.

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