AngriffHacker knacken Datensätze von US-Sicherheitsunternehmen

Hacker sind unter dem Namen Anonymous in zentrale Datensätze des Sicherheitsunternehmens Stratfor eingedrungen. Zu dessen Kunden gehört das Pentagon. von dpa und Reuters

Aktivisten haben unter dem Namen Anonymous einen Internet-Link per Twitter veröffentlicht, über den Interessenten Zugang zur Kundenliste von Strategic Forecasting (Stratfor) haben. Unter diesen Kunden sind den Angaben zufolge das US-Verteidigungsministerium, die US-Armee, die US-Luftwaffe und Technologie-Giganten wie Apple und Microsoft. Die Firma Stratfor berät ihre Kunden in wirtschaftlichen, sicherheitsrelevanten und weltpolitischen Fragen.

Die Aktivisten teilten unter dem Deckmantel Anonymous mit, sie hätten 4.000 Datensätze mit Kreditkarteninformationen, Passwörtern und Privatadressen erbeutet. Einer der Hacker meldete über den Kurznachrichtendienst Twitter, die Zugangsdaten für 90.000 Kreditkarten seien geknackt worden. Damit sei es möglich gewesen, von diesen Karten unfreiwillige Spenden im Gesamtumfang von mehr als einer Million Dollar abzubuchen.

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Unter den genannten Beispielen war eine 494-Dollar-Spende an die Wohltätigkeitsorganisation CARE von Seiten des US-Verteidigungsministeriums und eine 180-Dollar-Spende vom Heimatschutz-Ministerium an das Rote Kreuz in den USA. Die Stratfor-Daten waren den Angaben zufolge leicht zugänglich, weil sie nicht verschlüsselt waren.

Ohne Gesicht

Der Name ist Programm – die Gruppe Anonymous agiert als Bewegung ohne sichtbare Hierarchie und Gesichter. Anhänger ihrer Aktionen (Anons) verkleiden sich gern mit einer Maske von Guy Fawkes. Der hatte 1605 ein Attentat auf den englischen König versucht. Das wiederum inspirierte die Autoren der Comicserie V – wie Vendetta in den achtziger Jahren, ihren Protagonisten hinter einer Fawkes-Maske versteckt zu zeigen. Er protestierte mit seinen Aktionen gegen einen unterdrückenden und überwachenden Staat, was wiederum einige Anons als Symbol für den eigenen Kampf aufgriffen.

Ursprung der Bewegung und des Namens ist das Imageboard 4chan. Auf der Seite kann jeder unzensiert und unmoderiert Bilder und Botschaften hinterlassen und dabei auch seinen Namen angeben. Allerdings tut das kaum jemand, weswegen die meisten Texte mit dem Namen "Anonymous" gekennzeichnet sind.

Ohne Hierarchie

Anonymous existiert nicht als Organisation. Es ist viel mehr eine Idee, eine Bewegung, der sich jeder anschließen und derer sich jeder bedienen kann. Auch Koordination gibt es nicht direkt. Wichtigste Instrumente dieser Nicht-Koordination sind der Internet Relay Chat (IRC) für Diskussionen und Pastebin.com zum Veröffentlichen von Meiningen und Manifesten.

Doch muss niemand in solchen Foren und Kanälen auftauchen, um ein Anon zu sein. Es genügt, Anonymous öffentlich zu unterstützen, wie es der amerikanische Bürgerrechtler John Perry Barlow tut, oder sich an den Attacken auf Server zu beteiligen. Die Software dazu, Low Orbit Ion Cannon genannt, gibt es kostenlos im Netz.

Ohne Führer

Es gibt keinen Chef, Leiter, Anführer oder ähnliches. Im Gegenteil: Jeder, der sich als solcher in Medien oder Internet präsentiert, kann davon ausgehen, in kürzester Zeit von den Anhängern von Anonymous beschimpft zu werden oder selbst Ziel von Angriffen zu sein. Anonymous ist vielmehr eine Umsetzung der Idee des Hive Minds, der Schwarmintelligenz. In der Masse, so die Idee, lässt sich enorme Wirkung entfalten, also sollte auch nur die Masse das Ergebnis für sich beanspruchen.

Gleichzeitig legt Anonymous Wert darauf, Verantwortung für die Aktionen zu übernehmen, die durch das Netzwerk koordiniert wurden. Daher werden üblicherweise Bekennerschreiben verfasst. Jedoch hat die Bewegung keinen Einfluss auf "Einzeltäter", die ihren Namen benutzen und will den auch nicht haben.

In gewisser Hinsicht bildete die zeitweise mit Anonymous verbündete Hackergruppe LulzSec eine Ausnahme von der Führerlosigkeit. Sie hatte mit Hector Xavier Monsegur alias "Sabu" einen Gründer, Kopf und Sprecher. LulzSec hat eine Reihe von Regierungs- und Unternehmensserver angegriffen und sich dabei Zugriff auf E-Mails und Nutzerdaten verschafft. 2012 kam heraus, dass Sabu ein FBI-Informant war, der mehrere LulzSec-Mitglieder verraten hat.

Ohne Ziel

Anonymous versteht sich als Bewegung, die für Netzfreiheit und gegen Zensur kämpft. Darüber hinaus aber gibt es keine klar formulierten Ziele. Aktionen können sich gegen Sekten ebenso richten (die älteste bekannte ist eine gegen Scientology) wie gegen rechtsradikale Foren, Kreditkartenkonzerne oder Manager von Unterhaltungskonzernen.

Auch ist es im Kern eigentlich keine politische Bewegung. Ursprünglich ging es um Streiche – im Namen unliebsamer Personen beispielsweise Unmengen Pizza zu bestellen. Der Spaß stand im Vordergrund, oder im Jargon des Netzes: the lulz. Gemeint sind Lacher, vor allem im Sinne von Schadenfreude.

Für die Teilnehmer allerdings können die Aktionen im Zweifel durchaus riskant sein, da einige Länder wie die USA, Großbritannien und die Niederlande begonnen haben, Attacken von Anonymous strafrechtlich zu verfolgen.

Der Nachrichtensender BBC und die Washington Post zitierten ein Anonymous-Mitglied, Ziel sei es, "mehr als eine Million Dollar" als Weihnachtsspenden umzuverteilen. Opfer hätten bereits von nicht genehmigten Überweisungen berichtet.

Später gab es ein weiteres Statement, in dem Aktivisten, die sich ebenfalls zur Anonymous-Bewegung zählen, behaupteten, das Ganze sei keine Anonymous-Aktion. Das Problem: Anonymous ist keine echte, nachvollziehbare Organisation. Daher ist es schwierig, Aussagen aus ihrem Umfeld zu verifizieren. Es ist möglich, dass nicht alle, die sich Anonymous zugehörig fühlen, einheitlich handeln.

Stratfor teilte mit, die Server und E-Mail-Accounts seien blockiert worden. Man arbeite mit den zuständigen Behörden zusammen, um die Verantwortlichen dingfest zu machen, erklärte Unternehmenschef George Friedman.

Die lose Bewegung Anonymous wurde bekannt, als sie die Webseiten von Firmen angriff, die gegen das Enthüllungsportal WikiLeaks vorgegangen waren. Eine der Gründe für den aktuellen Hackerangriff ist laut einem Bekennerschreiben, die mutmaßliche WikiLeaks-Quelle Bradley Manning frei zu bekommen – wenigstens für eine kurze Zeit. "Wir wollen, dass Bradley Manning an diesem Lulzxmas (Lulz bedeutet wie Lol: laugh out loud, d. Red.) ein köstliches Essen bekommt. Wir wollen, dass der draußen in einem schicken Restaurant seiner Wahl essen gehen kann, und wir wollen, dass dieses innerhalb von fünf Stunden passiert."

Gegen den US-Soldaten Manning läuft ein Verfahren, in dem entschieden wird, ob er vor ein Kriegsgericht kommen wird, weil er geheime Videos und Berichte über den Einsatz im Irak an WikiLeaks weitergegeben haben soll.

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Leserkommentare
  1. Wie der Name ja schon vermuten lässt, ist Anonymus weniger eine Gruppe von Menschen, als mehr eine Plattform für jeden der sie benutzen möchte.

    Es ist unnötig die ohnehin schon weit verbreiteten Verschwöhrungstheorien zu schüren, in dem man andeutet, es würde sich bei Anonymus um eine Organisation handeln.

    5 Leserempfehlungen
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    zu glauben, "jeder" könnte zu anonymous gehören und es gäbe keine Organisationsstrukur dort.

    • Nexic
    • 26. Dezember 2011 9:47 Uhr

    THE STRATFOR HACK IS NOT THE WORK OF ANONYMOUS

    http://pastebin.com/8yrwyNkt

    6 Leserempfehlungen
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    • lovely
    • 26. Dezember 2011 10:16 Uhr

    Da fragt man sich doch warum von der Zeit niemand drauf gekommen ist...Unglaublich, dass sogar hier jede Nachricht erst nach ihrem Wahrheitsgehalt untersucht werden muss.

    Man kriegt den Eindruck unsere Redakteure veröffentlichen alles was man ihnen vorsetzt ohne selbst irgendwas davon nachzuprüfen. Fragt sich, woher kommen diese falschen Meldungen?

    So langsam merkt Anonymous auch das Problem an einer strukturlosen Gruppierung. Jeder der will kann Mist bauen und sich dann Anonymous nennen. Zu jeder zweiten Aktion von Anonymous liest man ein Dementierungsschreiben von Anonymous, dass sie mit der Aktion nichts zu tun hätten. Den namen Anonymous zu diskreditieren ist unglaublich einfach. Bei einem Großteil der Bevölkerung wird der Name Anonymous bald nurnoch für Kriminelle im Internet stehen, und nicht wie angestrebt für die Robin Hoods oder Batmans des Internets.

    Die Twitter Accounts über dessen die Meldungen verbreitet werden sind klar Anonymous zuzuordnen daher würde ich eher diese Pastebin mit der Erklärung in Frage stellen.

  2. Zu lesen, dass Kreditkarten "Zugangsdaten" hätten, ist etwas befremdlich.

    Eine Leserempfehlung
  3. Das Gleiche bitte noch mal bei den Banken. Bitte Spende an die Kinder von Tschernobyl.

    7 Leserempfehlungen
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    Das gleiche auch bei Ihrem Konto und dann für Kinder in Afrika spenden?

    100€ tun dem Durchschnittsdeutschen doch nicht weh...

  4. Es sind aufsehenserregende Aktionen von Anonymus, die man hinsichtlich ihrer moralischen und rechtlichen Seite sicher unterschiedlich bewerten kann. Sie zeigen aber drastisch und eindeutig zwei Aspekte der Cyberworld:

    1. Daten sind im Internet nicht sicher.
    Entgegen aller Behauptungen der Betreiber von Online-Diensten wird entweder - meist aus Kostengründen - geschlampt (z.B. fehlende Verschlüsselung, Sony lässt grüßen) oder die Lücken in den teilweise hoch komplexen Prozessen und Systemen werden ausgespäht und ausgenutzt.

    2. Stellt man Daten ins Netz, verliert man die Kontrolle über sie.
    Und genau das ist die wahre Geisel des Online-Zeitalters. Nutzer von sozialen Netzwerken sind die Ersten, die die damit verbundenen Gefahren verdrängen. Dabei geht es schon lange nicht mehr um ein paar Daten, es geht um das Nutzen der Daten um extrem detaillierte Informationen zu erzeugen, Profile von Menschen, die neben den Kaufgewohnheiten auch Aufenthaltsorte, finanzielle Verhältnisse, Krankheiten, sexuelle Vorlieben, Familien- und Freundesbeziehungen und alles andere, was einen Menschen ausmacht, beschreiben. Nur der Mensch selbst sieht von diesen Informationen nichts. Er ist diesem so erzeugten Wissen vollständig ausgeliefert.
    Klingt dramatisch - ist es auch.

    Bei dieser Aktion geht es um Dollar. Das ist ein Witz gegenüber der täglichen Ausspähung, Speicherung, Verwendung und des Verkaufs von Daten, die den Menschen zum Produkt der Online-Mafia verkommen lassen.

    7 Leserempfehlungen
  5. Das gleiche auch bei Ihrem Konto und dann für Kinder in Afrika spenden?

    100€ tun dem Durchschnittsdeutschen doch nicht weh...

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "You who"
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    Sie machen einen Fehler.

    Wenn man den Artikel liest, so wurden Firmenkreditkarten (!!) benutzt - das ist nicht das gleiche wie eine Privatperson.
    Dazu ist das Pentagon ja auch noch ein staatliches schwarzes Loch für Geld...

    Aber nehmen wir auch einmal an es befänden sich Individuen unter den "Kunden" der Firma. Wer für solche "Experten" (die oft glauben mehr zu wissen als sie tatsächlich wissen) zahlt ist im allgemeinen gut betucht.

    Mit ihrem Vorschlag "jedem Deutschen 100€ zu stehlen" ist dies darum nicht vergleichbar.

    • lovely
    • 26. Dezember 2011 10:16 Uhr

    Da fragt man sich doch warum von der Zeit niemand drauf gekommen ist...Unglaublich, dass sogar hier jede Nachricht erst nach ihrem Wahrheitsgehalt untersucht werden muss.

    Man kriegt den Eindruck unsere Redakteure veröffentlichen alles was man ihnen vorsetzt ohne selbst irgendwas davon nachzuprüfen. Fragt sich, woher kommen diese falschen Meldungen?

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Recherche"
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    >>Fragt sich, woher kommen diese falschen Meldungen?<<
    ============================================================
    Das ist die falsche Frage. Die Frage lautet: Wem dienen diese Meldungen? Qui bono?

  6. So langsam merkt Anonymous auch das Problem an einer strukturlosen Gruppierung. Jeder der will kann Mist bauen und sich dann Anonymous nennen. Zu jeder zweiten Aktion von Anonymous liest man ein Dementierungsschreiben von Anonymous, dass sie mit der Aktion nichts zu tun hätten. Den namen Anonymous zu diskreditieren ist unglaublich einfach. Bei einem Großteil der Bevölkerung wird der Name Anonymous bald nurnoch für Kriminelle im Internet stehen, und nicht wie angestrebt für die Robin Hoods oder Batmans des Internets.

    Antwort auf "Recherche"
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    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, Reuters
  • Schlagworte BBC | Microsoft | Apple | Anonymous | Hacker | Twitter
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