CCC-Kongress"Liebesaffäre zwischen westlichen Technologie-Unternehmen und Diktatoren"

Der Chaos Computer Club hat auf seinem Jahreskongress den Verkauf von Spionage-Software an autoritäre Regime kritisiert. Länder wie Syrien oder Iran sollten nicht beliefert werden. von dpa

Mit dem Verkauf von Spionage-Software unterstützen westliche Staaten nach Ansicht des Netzexperten Evgeny Morozov die Repressionen durch autoritäre Regime. Die Hersteller von Überwachungs-Systemen scheuten nicht den Verkauf an Länder wie Syrien oder Iran, sagte er beim Jahreskongress des Chaos Computer Clubs (CCC). Diktatoren und westliche Technologie-Unternehmen hätten eine "heimliche Liebesaffäre", sagte Morozov in der Eröffnungsrede.

Der größte Hackerverein in Europa diskutiert bis Freitag über Netzpolitik, Datenschutz und Überwachungstechnologie. Außerdem kommen technische Systeme wie Handys und Websites, aber auch Industrieanlagen auf den Prüfstand und es werden politische Fragen diskutiert – wie eben der Export von Spionage-Software.

Spionage-Software mehrfach Thema

Morozov verglich die Export-Programme mit Waffen: Ein Exportverbot funktioniere nur, wenn es global gelte, sagte der Weißrusse, der an der amerikanischen Stanford-Universität forscht. Er plädierte für eine Außenpolitik, die den Einsatz von Überwachungs-Software berücksichtigt.

Staatliche Spionage-Software wird auf dem Kongress auch weiter eine Rolle spielen. Der CCC hatte in den vergangenen Monaten mehrere Versionen des in Deutschland eingesetzten Staatstrojaners analysiert und war zum Schluss gekommen, dass diese gesetzeswidrige Funktionen enthielten. "Wir werden intensiv über den Staatstrojaner reden, das ist uns sehr wichtig", sagte CCC-Sprecherin Constanze Kurz. Der CCC will unter anderem einen Forderungskatalog für den Umgang mit staatlicher Schnüffel-Software aufstellen.

Anzeige
Chaos Computer Club

Der CCC bezeichnet sich selbst als größte Hackervereinigung Europas. Als Verein gegründet und ins Vereinsregister Hamburg eingetragen wurde der Chaos Computer Club erst am 14. April 1986. Jedoch gilt ein Treffen am 12. September 1981 in den Räumen der taz als eigentlicher Ursprung. Tom Twiddlebit und Wau Holland hatten zuvor in einer Kleinanzeige in der taz alle "Komputerfrieks" des Landes aufgerufen, sich zu treffen, "damit wir nicht länger unkoordiniert vor uns hinwuseln".

Daraus entstand eine Art Stammtisch rund um Wau Holland. Erstes Zentrum des Clubs war Hamburg, da Holland dort lebte. Die Clubräume im Souterrain der Schwenckestraße 85 lagen direkt neben seiner Wohnung.

1984 erschien die erste Ausgabe der Zeitschrift Datenschleuder, die es bis heute gibt. Außerdem wurde im gleichen Jahr der erste Chaos Communication Congress veranstaltet, der seitdem jährlich zwischen Weihnachten und Neujahr stattfindet.

Vereins-Struktur

Neben dem CCC in Hamburg gab es schon früh kleinere Ableger in Lübeck und Bremen. Ende der achtziger Jahre dann gründete sich auf Initiative von Andy Müller-Maguhn, der aus Hamburg weggezogen war, um der Wehrpflicht zu entgehen, in Berlin der CCCB.

Daneben entstanden in vielen Städten weitere Regionalclubs und Stammtische. Die gibt es sowohl als lose "Chaostreffs", also als Zusammenschlüsse von Leuten, die sich dem Club und seinen Zielen verbunden fühlen, ohne selbst Verein zu sein. Als auch als sogenannte Erfahrungsaustausch-Kreise oder kurz Erfa-Kreise. Sie sind ebenfalls eingetragene Vereine und fester Teil der CCC-Struktur. Sie beteiligen sich an der Organisation von überregionalen Veranstaltungen oder richten selbst welche aus. Derzeit gibt es 23 davon. Ein Mitglied im Vorstand des CCC ist ihr Vertreter und soll den Kontakt zwischen ihnen und Club sicherstellen.

Obwohl es immer erklärtes Ziel war, dass der Club dezentral arbeitet, liegt der Schwerpunkt vor allem der politischen Arbeit klar in Berlin. Dort trifft sich der Vorstand, dort werden die jährlichen Congresse veranstaltet und dort sitzen die derzeit fünf Sprecher, die den Club nach außen vertreten.

Wahrnehmung

Bekannt wurden der CCC und seine Aktivisten sehr schnell. Wau Holland und Steffen Wernéry gingen am 19. November 1984 mit dem sogenannten BTX-Hack an die Öffentlichkeit. Sie demonstrierten damit, dass das als sicher angepriesene Datenübertragungssystem gefährliche Lücken hatte. Die Art der Demonstration war beeindruckend, beide hatten von der Hamburger Sparkasse 135.000 D-Mark auf das Clubkonto überwiesen. Das Geld gaben sie sofort zurück, die Aufmerksamkeit der Medien aber war ihnen damit sicher.

Bis heute bedient sich der Club dieser Strategie und versucht so, an jedem verständlichen Beispielen die Risiken von Technik zu zeigen. Immer wieder auch auf spektakuläre Art. Beispielsweise, indem der Fingerabdruck des damaligen Innenministers Wolfgang Schäuble kopiert wurde – um vor biometrischen Merkmalen in Ausweisen zu warnen.

Heute gelten die Aktivisten des Vereins als anerkannte Experten, geht es um Computersicherheit und Datenschutz. Viele von ihnen beraten in dieser Funktion auch die Politik. So wurde der CCC schon mehrfach gebeten, bei Verfahren vor dem Bundesverfassungsgericht technische Gutachten abzugeben.

Dies macht die Eigensicht des Hackervereins deutlich, denn der CCC sieht sich selbst in einer wichtigen gesellschaftlichen Rolle. CCC-Sprecher Frank Rieger wies auf die exponentiell wachsende Bedeutung von Technologie in der heutigen Zeit hin. Die Aktivitäten der Hacker-Community seien daher nicht nur eine Spielerei – "wir sind im Zentrum der gesellschaftlichen Entwicklung".

Hacker in rechtlicher Grauzone

Das Motto des diesjährigen CCC-Kongresses lautet "Behind enemy lines" – übersetzt heißt dies "Hinter feindlichen Linien". Zum einen spiele es auf die zunehmende Diskussion über "Cyberwar" an, erklärt CCC-Sprecherin Constanze Kurz die Fortsetzung kriegerischer Auseinandersetzungen im Internet. Zum anderen klingt durch, dass sich manche Hacker in einem Graubereich bewegen. Als der Hacker-Verein 2010 zu seinem Kongress lud, hieß das Motto noch "We come in peace": "Wir kommen in Frieden."

Die Tickets für den Kongress waren bereits im Vorfeld ausverkauft, es gibt nur noch kleine Kontingente für Tagesbesucher. Ein großer Teil der 100 Vorträge wird jedoch per Livestream im Internet zu sehen sein, sofern die Verbindung steht. Zudem organisieren Hackergruppen in 26 deutschen Städten Live-Übertragungen.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • Zack34
    • 27. Dezember 2011 17:24 Uhr


    ... was für eine wegweisende Erkenntnis.

    Jetzt nur noch mal die Geschichtsbücher aufm... achwas, quatsch, ... mal lieber herum googeln nach entsprechenden Stichworten wie Pinochet, argentinische Junta, Franco, Norriega, Sandinistas, Irak, Saudi Arabien, usw. ... und versuchen, zwei und zwei zusammen zu bringen.

    Bloß Vorsicht(!), da könnte so manche Festplatte platzen auf dem mühsamen Weg zur eigenständigen Erkenntnis.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sie sind vielleicht ein schlauer Fuchs.

  1. Es ist unglaublich, dass unsere Regierung diese verwerfliche Förderung von Menschenrechtsverletzungen noch durch besondere Bürgschaften absichert.

    http://www.ndr.de/fernseh...

    • jon777
    • 27. Dezember 2011 20:10 Uhr

    sich der CCC gegen das Spionageprogramm Facebook ein ?

    • Bus-x
    • 28. Dezember 2011 0:39 Uhr

    Geld macht eben alles sehr korrupt. Und Manager wollen schnelle Boni und achten nicht darauf wo es her kommt. Es wird schon nicht auffallen???

    • GDH
    • 28. Dezember 2011 10:50 Uhr

    Langsam scheint sich in der Öffentlichkeit die Erkenntnis durchzusetzen, dass es sich bei gewissen Überwachungswerkzeugen um besonders gefährliche Waffen zum Krieg gegen die eigene Bevölkerung handelt. Früher oder später wird das auch Eingang in die Außenhandelspolitik finden (und der Export wird den gleichen (unbefriedigenden) Einschränkungen unterworfen wie bei anderen Waffen).

  2. 6. Ach...

    aber wenn dieselbe Software an westliche Staaten verkauft wird ist das vollkommen in Ordnung?
    Weil wir diese ja NIE!!!! missbrauchen würden?
    Bundestrojaner schon vergessen?

  3. 7. Bravo

    Sie sind vielleicht ein schlauer Fuchs.

    Antwort auf "Bravo CCC"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa
  • Schlagworte Evgeny Morozov | Chaos Computer Club | Cyberwar | Datenschutz | Hacker | Internet
Service