Timeline Schaar sieht rote Linie durch Facebook überschritten

Der Bundesdatenschutzbeauftragte kritisiert die fast lückenlose Nutzer-Erfassung durch Facebooks neue Mitgliederprofile. Experten tadeln die Auffindbarkeit älterer Daten.

Die im September 2011 vorgestellte "Chronik" wird für alle Nutzer zur Pflicht.

Die im September 2011 vorgestellte "Chronik" wird für alle Nutzer zur Pflicht.

Daten-, Jugend- und Verbraucherschützer haben mit zum Teil scharfer Kritik auf die angekündigten Neuerungen in dem sozialen Online-Netzwerk Facebook reagiert. Die Betreiber der Seite hatten angekündigt, die bis dato freiwillige Umstellung der eigenen Profildaten auf den neuen Dienst "Chronik", englisch "Timeline", innerhalb der nächsten Wochen verpflichtend zu machen. "Mit Timeline überschreitet Facebook die rote Linie zur nahezu lückenlosen Erfassung der Nutzer", sagte der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar dem Tagesspiegel.

Kritik kam auch aus dem Verbraucherministerium. Auch wenn die Inhalte mit der neuen Darstellung nicht verändert würden, sei die Chronik "ein weiterer Schritt zum gläsernen Nutzer". So könne künftig jeder befreundete Nutzer zurückverfolgen, seit wann jemand mit wem über Facebook befreundet sei, wer wann welche Musik gehört, welchen Film gesehen habe oder welchen Weg gejoggt sei. Es liege nun "in der Hand der Nutzer zu entscheiden, ob sie ihre Privatsphäre so weit öffnen wollen".

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Differenzierter äußerten sich Experten aus dem Jugendschutz: "Es passiert nur etwas im sichtbaren Bereich, an den Privatsphäre-Einstellungen ändert sich nichts", betonte Gudrun Melzer von "Klicksave", einer EU-Initiative für mehr Datensicherheit im Netz, die eng mit dem deutschen "jugendschutz.net" kooperiert. So sei auch nach Einführung der "Chronik", die es ermöglicht, sich mit wenigen Klicks zu Jahre alten Eintragungen eines Nutzers vorzuarbeiten, ein geschlossenes Profil nur für die eigenen Facebook-Freunde sichtbar. Gelöschte Inhalte blieben gelöscht. Problematisch sei jedoch, dass Nutzer nun dazu gezwungen würden, ihre Daten und Profile "chronik"-gerecht aufzuarbeiten. "Es wird viel präsent, was man vergessen hat – oder von dem man nicht will, dass neue, erst kürzlich hinzugefügte Freunde es finden." Daher sei auch der kurze Umstellungszeitraum von einer Woche, innerhalb derer die Nutzer die Chronik bearbeiten können, ohne dass sie öffentlich wird, problematisch.

"Bisher gingen die Daten irgendwann ins Nirvana, waren zwar bei Facebook gespeichert, aber für Freunde nicht mehr wirklich auffindbar", beschreibt Christoph Thiel, Medientrainer beim Deutschen Kinderschutzbund, den derzeitigen Status quo. Die neue "Chronik" hingegen sei "wie eine Bibliothek", die gerade Kindern und Jugendlichen viel abverlange: "Meine Sorge ist, dass Kinder von vornherein daran gewöhnt werden, dass nur derjenige ist, der ständig sein Profil überarbeitet." Gerade für Heranwachsende bedeute die permanente Konfrontation mit Vergangenem Stress. Hier seien nicht nur die Eltern gefragt: "Man kann Facebook hier gar nicht genug zur Verantwortung ziehen." So weigere sich der Konzern beharrlich, einen speziellen Bereich für Kinder und Jugendliche einzurichten, in dem deutlich rigidere Privatsphäreeinstellungen und die endgültige Löschung eigener Daten möglich sein müssten.

Eine Facebook-Sprecherin dementierte Medienberichte, wonach "Chronik" bereits Anfang Februar verpflichtend eingeführt werde. Über eine Mitarbeiterin ließ sie bestätigen, dass der Sieben-Tage-Zeitraum, der Nutzern nach Freischalten der "Chronik" bis zu deren Veröffentlichung bleibt, um ihre Inhalte zu bearbeiten, auch für jene gelte, die erst ganz am Ende auf das neue Tool verpflichtet würden.

Erschienen im Tagesspiegel

 
Leser-Kommentare
  1. Nur, weil Facebook die ohnehin bereits seit Anbeginn gespeicherten Daten für den Nutzer halbwegs sinnvoll aufbereitet, soll Facebook jetzt eine Linie überschreiten? Scheinbar hat selbst ein Datenschutz-Beauftragter keinerlei Verständnis davon, was hinter den Toren Facebooks wirklich passiert.

    Einfaches Beispiel: Kennt der gemeine Facebook-Nutzer irgendwelche Statistiken (Alter, Geschlecht, Herkunft, etc.) seines virtuellen Freundeskreises? vs. Wie lange braucht Facebook wohl, um dies für interne Zwecke zu berechnen?

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  2. Jedes mal wenn Facebook irgendeine Neuerung einführt springt erstmal irgendein "Datenschutzbeauftragter" vor eine Kamera und motzt, ohne sich erstmal mit dem Thema zu beschäftigen. Aber im selben Atemzug die Vorratsdatenspeicherung einführen wollen...

    Die Timeline ist lediglich eine optische Änderung, man kann auch jetzt schon beliebig weit in seinem Profil zurück scrollen. Wenn überhaupt ist die Timeline aus Datenschutz-Sicht besser. Die ist nämlich so unübersichtlich, dass man darin jetzt nichts mehr findet.

    Eine Leser-Empfehlung
  3. Es liegt doch noch immer in meiner Hand, was ich auf Facebook veröffentliche und damit auf die "Timeline" stelle. Was ich nicht reinstelle, kann auch nicht veröffentlicht werden. Und bei jeder Veröffentlichung muss ich mir immer vorher überlegen, stehe ich in zwei, zehn oder zwanzig Jahren auch noch zu dem Veröffentlichten oder könnte ich mich dafür schämen oder sehe ich es als Jugendsünde. Das nennt man eben Medienkompetenz und das sollte man heute in der Schule lernen.

    Ich könnte übrigens damit leben, wenn sich jemand mit Mitte Zwanzig bei mir bewerben würde und ich in der Timeline sehen kann, dass er mit Fünfzehn mal ein Partyfoto von sich im Vollsuff veröffentlicht hat. War ich mit 15 anders?

    Eine Leser-Empfehlung
  4. Es wird davon ausgegangen, dass alle Facebook-Nutzer nichts als die volle Wahrheit und das exakte Bild ihres Gemütszustands und ihrer Interessen auf Facebook mitteilen. Mir kommt es eher so vor, dass "Belangloses", d.h. anekdotische Mitteilungen überwiegen. Es sind nur bestenfalls geschönte, manchmal absichtlich falsche Informationen, die man auf FB über die Nutzer findet. Die neue Timeline wird diesen Trend wohl noch verstärken.

  5. Entfernt. Bitte verfassen Sie sachlich argumentierte Kommentare. Danke, die Redaktion/ls

  6. Es wurde schon zur Genüge gesagt, dass es hierbei lediglich um eine andere DARSTELLUNG handelt. Im Klartext: Früher war es schwieriger, selbst seine eigenen (!) Daten zu sehen und zu löschen. Es konnte also jeder mit Sachverstand Dinge sehen, die für den Besitzer selbst "unauffindbar" waren. Gruselig!

    Die Datenschützer sollten sich mal selbst vor unsinnigen Kommentaren schützen. Unsäglich, sich das anzuhören!

    Was übrigens den angeblichen "Stress" durch die Chronik anbelangt: ja, es ist Mühe. Aber ich fand es auch erfrischend, in Erinnerungen zu schwelgen. Manche zu löschen, andere beizubehalten. Manche hinzuzufügen. Auch dass man im Nachrichtensystem mittlerweile nicht nur theoretisch alle Nachrichten von Anfang an lesen kann, hat schon für viel Spannung gesorgt.

    Ein neues Problem hat FB aber seit kurzem: hat man sich gegenseitig in die "Enge Freunde" Liste gepackt, dann sieht der Gegenüber auf der Startseite (nicht: Chronik!) scheinbar alles, was für ihn freigegeben war - auch das, was "aus der Chronik ausgeblendet" ist. Nicht die feinde Art, ich vermute technische Unsauberheiten die hoffentlich noch gelöst werden. (bisher musste nur geschaut werden, ob es für denjenigen freigegeben und nicht gelöscht war - jetzt muss noch geschaut werden, ob es auch nicht ausgeblendet wurde: eine zusätzliche Abfrage!)

    • gerd-h
    • 28.01.2012 um 4:05 Uhr

    ich möchte endlich mal wissen, wenn die Hatz gegen Facebook endlich mal aufhört. Soll doch jeder selbst entscheiden, wer was wo auf sozialen Netzwerken veröffentlicht oder nicht.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • tages
    • 02.02.2012 um 11:27 Uhr

    Ich kann Ihnen nur zustimmen.Es liegt doch schließlich bei mir, was ich in Facebook einstelle.Viel wichtiger ist es ,den jugendlichen Facebook-Benutzer erklären, dass man sensible Daten nicht in einem öffentliches Forum veröffentlicht. Ansonsten finde ich das Facebook eine tolle Sache für Jugendliche ist, besonders wenn Diese nicht in Ballungsgebieten wohnen und damit ein wenig isoliert sind. Denn oft fehlt es an Jugendtreffs, Sportvereinen etc.Facebook nimmt heute die Stelle der früher so beliebten Brieffreundschaften ein.

    • tages
    • 02.02.2012 um 11:27 Uhr

    Ich kann Ihnen nur zustimmen.Es liegt doch schließlich bei mir, was ich in Facebook einstelle.Viel wichtiger ist es ,den jugendlichen Facebook-Benutzer erklären, dass man sensible Daten nicht in einem öffentliches Forum veröffentlicht. Ansonsten finde ich das Facebook eine tolle Sache für Jugendliche ist, besonders wenn Diese nicht in Ballungsgebieten wohnen und damit ein wenig isoliert sind. Denn oft fehlt es an Jugendtreffs, Sportvereinen etc.Facebook nimmt heute die Stelle der früher so beliebten Brieffreundschaften ein.

    • dopey
    • 28.01.2012 um 15:39 Uhr

    Timeline ist eine nützliche Funktion, doch möchte ich nicht dazu gezwungen werden. Man muss nicht alles intime hochladen, aber es gibt schon Menschen, wie im Artikel erwähnt vorallem Junge, die sich für ihre Vergangenheit schämen. Als beispiel könnte ein Freund von mir dienen, der früher ein Metal-Fan war und diese Musik jetzt grässlich findet. Wenn seine neuere Freunde das sehen, könnte er je nach Wahl seiner Kollegen gemobbt werden.
    Es gibt absolut keinen Grund für das zwingen seitens Facebook dies einzuführen.

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